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Als die letzte Straßenbahn durch Findorff fuhr

Anke Velten 17.07.2017 0 Kommentare

Linie 6 BSAG Findorff Endhaltestelle
Die frühere Straßenbahnlinie 6 an ihrer ehemaligen Endhaltestelle an der Eickedorfer Straße. Heute sieht es dort völlig anders aus. Die Straßenbahngleise mitsamt den Oberleitungen sind natürlich längst aus den Findorffer Straßenbild verschwunden. (Freunde der Bremer straßenbahn)

 Es war ein heiter bis wolkiger, ziemlich kühler Sonnabend, typisch für die Tage um Mitte Juni. Die Jugend schwärmte für Richard Burton oder Horst Buchholz, für Uschi Glas oder Karin Dor, hörte Elvis oder das neueste Beatles-Album. Es waren unruhige Zeiten: In Berlin war wenige Tage zuvor der persische Schah wieder abgereist, dessen Besuch Scherben hinterlassen hatte. Im Nahen Osten war gerade der Sechstagekrieg zwischen Israel und seinen Nachbarn zu Ende gegangen, der Vietnamkrieg tobte.

Auch für Findorff war der 17. Juni 1967 ein kleines historisches Datum: An diesem Tag vor 50 Jahren fuhr im Stadtteil zum letzten Mal eine Straßenbahn. Die Findorfferinnen und Findorffer, die sich noch daran erinnern noch können, werden immer weniger. Für die Freunde der Bremer Straßenbahn ein Anlass, auf 63 Jahre Straßenbahngeschichte in Findorff zurückzublicken.

Die letzte Fahrt der Linie 6

Es war die letzte Fahrt der Linie 6, die 40 Jahre lang von der Eickedorfer Straße aus über Hollerallee und Gustav-Deetjen-Allee zum Hauptbahnhof und weiter über Am Brill, Langemarck- und Pappelstraße bis zu ihrer Endstelle in der Neustadt an der Gastfeldstraße, Ecke Kirchweg gerollt war, erzählt Vereinsmitglied und Straßenbahnenthusiast Heiner Brünjes. Fortan übernahmen Busse die Findorffer Straßen.

Die „Elektrische“ war im Jahr 1913 nach Findorff gekommen – genauer gesagt, in den rasch wachsenden Stadtteil der östlichen Bahnhofsvorstadt, der erst Jahrzehnte später seinen  heutigen Namen bekam. Rund um den Torfhafen war um die Jahrhundertwende ein wahrer Bauboom ausgebrochen. Die Eisenbahn hatte einen großen Hunger nach Arbeitskräften, die mit ihren Familien in der Nähe des Centralbahnhofs untergebracht werden mussten.

1960: Aufnahme aus dem Hafen. Hier wird gerade das Schiff "Jaladharma" aus Bombay in den Hafen geschleppt. 
 
Zu Beginn der 1960er-Jahre führen zwei Wege über die Weser: die alte Börsenbrücke (li.) und die Große Weserbrücke, die seinerzeit noch im Bau ist. 
1960: Baustelle des neuen Hertie-Warenhauses an der Obernstraße vom Finke-Hochhaus aus gesehen zwischen Gewerbehaus und dem alten Lloydgebäude, das 1969 abgerissen wurde. 
 
1960 beginnen die Bauarbeiten zum neuen Hafen am linken Weserufer. Dieses Foto zeigt den Baufortschritt im Jahre 1961. 
 
Fotostrecke: So war Bremen in den 60er-Jahren

An Schienenverkehr waren die Bürgerinnen und Bürger des Stadtteils seit jeher gewöhnt. Von 1873 bis 1889 nutzte die Hamburger Eisenbahnstrecke die Trasse im Zuge der heutigen Eickedorfer Straße in Richtung Venloer Bahnhof, der ungefähr dort stand, wo heute die ÖVB-Arena steht, berichtet Brünjes. Von 1900 bis 1954 fuhr auf derselben Trasse die Kleinspurbahn Jan Reiners auf ihrem Weg Richtung Lilienthal und Tarmstedt und wieder zurück. 

Die erste Straßenbahn in Findorff war die Linie 9, die am 6. August 1913 ihre Fahrt aufnahm, erzählt Brünjes. Sie fuhr von der Hemmstraße über die Admiralstraße durch den Findorfftunnel zum  Hauptbahnhof und über den Dobben und Sielwall bis zur St.-Jürgen-Straße. Ihre Findorffer Endhaltestelle lag an der Hemmstraße, kurz vor Kreuzung Eickedorfer Straße. Die einzeln fahrenden Triebwagen wurden sehr gut angenommen, weiß der Kenner: „Die Linie 9 erbrachte von allen Straßenbahnlinien ihrer Zeit den zweithöchsten Kilometerertrag!“ Doch sie hatte nur eine kurze Lebens­dauer. „Im Jahr 1927 – vor 90 Jahren – wurde die seit 1890 bestehende Straßenbahnstrecke vom Bürgerpark bis zur Hemmstraße verlängert, sodass in Findorff eine Ringstrecke entstand“, so Brünjes weiter. Die neue Ringbahn führte vom Hauptbahnhof über Bürgerpark, Eickedorfer Straße und weiter über Hemmstraße, Admiralstraße, Findorffunterführung und Breitenweg zurück zum Hauptbahnhof. 1930 wurde das Bremer Liniennetz neu geordnet. Die Linie 9 wurde aufgegeben. Stattdessen fuhren die Straßenbahnlinien 5 und 6 im Ringverkehr von Findorff durch die Innenstadt bis in die Neustadt. „Die Strecke durch die Admiralstraße lief so gut, dass die Linien 5 und 6 dort von der Linie 15 verstärkt wurden“, berichtet Brünjes. „Den westlichen Abschnitt zwischen dem Hauptbahnhof und dem Steintor übernahm die Straßenbahnlinie 10 – und so ist es bis heute geblieben.“

WES Findorff Eickedorfer Straße ehemalige Endhaltestelle der Straßenbahn Linie 6
WES Findorff Eickedorfer Straße ehemalige Endhaltestelle der Straßenbahn Linie 6 (Roland Scheitz)

Die nächste große Veränderung folgte im Jahr 1952. Fortan bedienten die Linien 5, 6 und 7 den Stadtteil Findorff. Die Linien 5 und 7 fuhren im Ringbetrieb. Die Linie 5 führte über die Eickedorfer Straße und die Admiralstraße, die Linie 7 in entgegengesetzter Richtung. „Die Linie 6 verstärkte den über den Bürgerpark führenden Ast. Nach einem Umbau 1960 fuhr die Straßenbahn in der Eickedorfer Straße ganz modern auf einem besonderen Bahnkörper unabhängig vom Autoverkehr“, erklärt der Straßenbahn-Historiker.

Linie 5 schon 1964 eingestellt

Dennoch waren die Jahre für die Straßenbahn in Findorff gezählt. Bereits 1964 wurde die Linie 5 eingestellt. „Zunächst übernahm die Linie 7 beide Richtungen über die Admiralstraße“, berichtet Heiner Brünjes. „Sie trat im Jahr 1965 ihre letzte Fahrt an, die Linie 6 folgte 1967. Die Busse der Linien 25 und 26 ersetzten sie. Damit hatte der Stadtteil keine Anbindung per Schiene mehr.“ Tatsächlich wurde diese Tatsache in Findorff später oft bedauert. Immer wieder war die Wiedereinführung einer Straßenbahnanbindung ein Thema in der Stadtteilpolitik. Vor einigen Jahren hatten Befürworter Grund, optimistisch zu sein. Im Jahr 2013 waren Bundesmittel in Aussicht gestellt worden, die den Bau einer Straßenbahnstrecke realistisch gemacht hätten.

Diese Pläne haben sich zerschlagen. Eine bessere Versorgung mit öffentlichen Verkehrsmitteln bleibt ein Wunsch. In bestimmten Ortsteilen sind die Wege zur nächsten Haltestelle weit, die Abstände zwischen den fahrenden Bussen zu lang, hatten Bürgerinnen und Bürger erst kürzlich wieder vor dem Findorffer Verkehrsausschuss kritisiert. In der Stadt sei der öffentliche Personennahverkehr ein wichtiger Baustein für eine nachhaltige Mobilität im Sinne des Klimaschutzes, findet auch Heiner Brünjes. Und in dieser Hinsicht ist die „Elektrische“ durchaus nicht von Gestern.

Linie 9 BSAG Findorff
Fototermin für die stolze Besatzung der Linie 9 an der Gustav-Deetjen-Allee. (Freunde der Bremer straßenbahn)

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