Check-up im Dienst der Forschung

10.000 Bremer lassen sich untersuchen

Die größte Gesundheitsstudie Deutschlands läuft seit vier Jahren mit Bremer Beteiligung: Nach vier Jahren geht sie in die nächste Runde. Erste Ergebnisse sollen im Herbst vorgestellt werden.
10.06.2018, 18:06
Lesedauer: 4 Min
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10.000 Bremer lassen sich untersuchen
Von Sabine Doll
10.000 Bremer lassen sich untersuchen

Gesundheitscheck im Dienst der Forschung: Die bundesweite Studie ist den großen Volkskrankheiten auf der Spur.

Frank May

9650 Bremerinnen und Bremer haben es schon getan, 10.000 sollen es bis August insgesamt sein – Männer in der Altersgruppe 42 bis 49 Jahre zieren sich allerdings noch ein wenig. "Das überrascht uns nicht besonders. Das dürfte am Thema Gesundheit liegen, ähnliche Teilnahmeergebnisse hat man auch bei den von den Krankenkassen angebotenen Vorsorgeuntersuchungen", sagt Kathrin Günther. Dabei geht es in diesem Fall um Größeres. Es geht darum, wie gesund und fit die Deutschen als Volk sind und was getan werden kann, damit die großen Krankheiten künftig früher erkannt und behandelt werden. Und wer eine Einladung bekommt, hat die Gelegenheit, seinen Beitrag für die größte Gesundheitsstudie in Deutschland zu leisten.

Günther ist Leiterin des Bremer Teils der Studie mit dem etwas sperrigen Titel "Nationale Kohorte", der inzwischen zu "Nako" abgekürzt wurde. 18 Studienorte gibt es bundesweit, einer von ihnen ist das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen. Im April vor vier Jahren ist die Gesundheitsstudie gestartet, seitdem hat das Institut Einladungen an Tausende Bremerinnen und Bremer zwischen 20 und 69 Jahren verschickt. Mit der Bitte, sich für die Studie im wahrsten Sinne des Wortes auf Herz und Nieren untersuchen zu lassen. Per Zufallsstichprobe und auf Basis von Daten aus dem Einwohnermelderegister wurden die Einladungen verschickt.

Der Fokus der "Nako"-Studie liegt auf den großen Volkskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs, Demenz, Allergien und Depressionen. "Wir wollen mehr über Ursachen und Risikofaktoren wissen. Vor allem auch über Risikofaktoren durch den Lebensstil und äußere Einflüsse. Und wenn man dem so umfassend auf den Grund gehen will, braucht man eine große Anzahl von Teilnehmern, die man über mehrere Jahre immer wieder befragt und untersucht", sagt Kathrin Günther. Krebserkrankungen etwa hätten eine lange Entstehungszeit.

200.000 Teilnehmer sind es bundesweit, 165.000 Frauen und Männer sind nach Angaben der Bremer Studienleiterin bisher in ganz Deutschland untersucht worden. Die sogenannte Beobachtungsphase der Langzeitstudie ist auf einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren angelegt. In dieser Zeit soll erforscht werden, wie sich Gesundheitszustand, Risikofaktoren, Lebensstil und andere Einflüsse verändert haben. Deshalb werden die Teilnehmer im Abstand von mehreren Jahren wieder befragt und zu Folgeuntersuchungen eingeladen.

Diese Phase steht jetzt in Bremen kurz bevor. "Im August haben wir, wenn die Marke 10.000 erreicht ist, die erste Etappe geschafft", sagt die Studienleiterin. Bremen sei einer der schnellsten Studienorte. Die Teilnehmer, die gleich zu Beginn der Studie vor vier Jahren befragt und untersucht wurden, bekommen jetzt wieder Post vom BIPS. Um einen Fragebogen auszufüllen oder mit der Bitte, zu einem erneuten Check-up in das Institut an der Achterstraße zu kommen. "Dass wir schnell viele Teilnehmer hatten, liegt unter anderem daran, dass wir Arbeitgeber als Unterstützer gewinnen konnten. Sie haben ihre Mitarbeiter mit einer Einladung für die Teilnahme freigestellt. Der erste Arbeitgeber war die Stadt."

Je nach Programm dauert die Untersuchung im Dienste der Forschung zwischen drei und fünf Stunden. Zu Beginn werden die Teilnehmer in einem Interview zu Familie, Ausbildung, medizinischer Vorgeschichte, der Einnahme von Medikamenten und dem Lebensstil befragt. Allen Teilnehmer werden dieselben Fragen gestellt. Es folgt ein ebenso standardisierter Fragebogen am Computer, den sie alleine ausfüllen.

Im medizinischen Teil stehen Untersuchungen auf dem Programm, die viele vom Hausarzt kennen: Blutabnahme, Blutdruckmessung, Urin- und Stuhlabgabe, Nasenabstrich, Gewichtskontrolle. Weniger bekannt sind andere Tests, die zum Beispiel die Greifkraft der Hand messen, die Verteilung des Körperfetts bestimmen oder das Riechvermögen testen. Der Augenhintergrund wird fotografiert, das Lungenvolumen erfasst, der Zahnstatus erhoben, die körperliche Fitness auf dem Fahrradergometer ermittelt, die Elastizität der Blutgefäße untersucht. Auch die Schlafqualität ist von Interesse, dafür bekommen die Teilnehmer ein kleines Messgerät mit, das nachts wie eine Uhr am Handgelenk getragen wird. Nicht jeder muss das ganze Programm mitmachen, einzelne Untersuchungen können auch abgelehnt werden.

Wer bei der Studie mitmacht, leistet aber nicht nur einen Beitrag zur Erforschung der großen Volkskrankheiten. "Solch einen umfassenden Gesundheitscheck gibt es sonst in keiner Arztpraxis", sagt Günther. Am Ende des Untersuchungstags bekommen die Teilnehmer erste Ergebnisse im Gespräch mit einem Arzt mitgeteilt und dann noch einmal schriftlich nach Hause geschickt, wenn sie dies möchten. "Diagnosen dürfen wir nicht stellen, es wird natürlich auf auffällige Ergebnisse hingewiesen und je nach Ergebnis, etwa bei sehr hohen Blutdruckwerten, zum Hausarzt weitergeschickt", betont die Studienleiterin.

Erste Ergebnisse der bundesweiten Gesundheitsstudie sollen laut der Bremer Studienleiterin im Herbst vorgestellt werden. Geplant sei auch, dass die Teilnehmer einen persönlichen Zugang zu einem Online-Portal bekommen, in dem jeder sehen kann, in welche Erhebungen seine Daten eingeflossen sind. "Befürchtungen wegen ihrer Daten müssen die Teilnehmer nicht haben", versichert Günther. Sie würden anonymisiert gespeichert, sodass keine Rückschlüsse von den Untersuchungsergebnissen auf die jeweilige Person gezogen werden könnten.

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