CSD in Bremen

10.000 feiern unter dem Regenbogen

Menschen aller sexuellen Orientierungen sind am Samstag gegen Ausgrenzung und Diskriminierung beim Christopher Street Day in Bremen auf die Straße gegangen. Zehntausend Teilnehmer schlossen sich dem Demonstrationszug an.
31.08.2019, 18:43
Lesedauer: 3 Min
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Von Jean-Pierre Fellmer
10.000 feiern unter dem Regenbogen

Die Demonstranten und Partygäste legten die Innenstadt lahm.

Torsten Spinti

Vom Theater zur Stadtbibliothek sind es nur zweihundert Meter. Trotzdem braucht Andreas Breden zehn Minuten für den Weg. Jeder Zweite, der ihm entgegenkommt, hat eine Frage an „Andi“. Er weist zwei Männer vor der Kunsthalle an: „Wir brauchen noch Getränke für die Wagen. Fünf Kisten Wasser, drei Kisten Cola.“ Dann geht er flott weiter in Richtung Bibliothek. „In den vergangenen drei Wochen habe ich jede Nacht nur drei, vier Stunden geschlafen“, sagt er. Die Vorbereitung für diesen Sonnabend sei viel Arbeit gewesen. Schlechte Laune habe der Co-Organisator des Christopher Street Days (CSD) deswegen aber nicht, im Gegenteil.

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Breden hat sein Ziel erreicht: den Altenwall. Die Wagen für den Demonstrationszug stehen schon auf der gesperrten Straße bereit. Es ist kurz nach 11 Uhr, noch sind wenige Menschen vor Ort. Das ändert sich innerhalb einer Stunde rasant: Mehrere Tausend versammeln sich auf dem Wall und der Kreuzung. Sie sind gekommen, um gegen Diskriminierung und Ausgrenzung von Lesben, Schwulen, queeren, bi-, trans- und intersexuellen Menschen zu demonstrieren – und, um Party zu machen. Es sind laut Polizei 10.000 Menschen, die später friedlich und ohne Zwischenfälle durch die Stadt über den Hauptbahnhof und Marktplatz wieder in Richtung Viertel ziehen werden.

csd bremen 2019

Es wurde ordentlich gefeiert auf und an den Wagen.

Foto: Torsten Spinti

„Ein bisschen Chaos muss man mit einplanen“

Mittendrin im Durcheinander: Robert Dadanski, der Organisator des CSD in Bremen. Der große Mann mit grauem Haar und violettem T-Shirt trifft viele Bekannte, grüßt sie. Nebenbei erledigt er noch die letzten Aufgaben. Zwei Männer kommen mit einer Sackkarre zu Dadanski, ihre Ladung: fünf Kisten Wasser, drei Kisten Cola, wie bestellt. Es geht wirsch zu, aber „ein bisschen Chaos muss man mit einplanen“, sagt er. Auf einem Wagen hinter ihm geht auf einmal Musik an, die ersten Leute feiern schon. Dadanski redet mit Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne), wenig später trifft auch Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) ein. Gemeinsam mit anderen Leuten stellen sie sich in eine Reihe und tragen ein Banner: „40 Jahre CSD in Deutschland“.

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Die Polizei bildet eine Gasse auf der Kreuzung. Dadanski, Bovenschulte und die anderen gehen los, Seite an Seite mit dem Banner in der Hand über den Wall in Richtung Hauptbahnhof. Auf den Wegen am Straßenrand haben sich viele Menschen versammelt, sie winken dem Demozug zu oder machen Fotos. Am Kopf der Menschenschlange ist es relativ still, wenige Meter dahinter dröhnt die Musik aus den Lautsprechern eines Partytrucks. Frauen und Männer, jung oder alt, bunt verkleidet oder nicht – sie tanzen, lachen.

csd bremen 2019

Mit dabei: Bürgermeister Andreas Bovenschulte, Irene Klock, Robert Dadanski und Anja Stahmann (v.l.).

Foto: Torsten Spinti

Der Umzug legt die Stadt lahm. Bahnen und Busse in der Innenstadt stehen still, kein Auto ist erlaubt auf der CSD-Route. Eine Frau macht das Fenster auf, schaut sich das Spektakel an und nickt mit dem Kopf im Takt der Musik. Eine der Zehntausend ist Brita Jansen. Die Bremerin war das erste Mal vor zwei Jahren auf dem CSD, damals aus Zufall. „Ich finde die Veranstaltung total klasse. Es ist toll, wie der CSD gewachsen ist.“ Als sie für ein Foto posiert, ruft sie noch schnell: „Aber die Kinder müssen mit auf das Bild, die sind toll verkleidet.“

csd bremen 2019

Zum ersten Mal wehte am Bremer Rathaus die Regenbogenflagge.

Foto: Torsten Spinti

Vierzig Jahre danach

Nach eineinhalb Stunden ist der Umzug am Rathaus angekommen. Die Stadt hat die Regenbogenflagge gehisst, seit langer Zeit das Symbol der Schwulen- und Lesbenbewegung. Die Menschen verteilen sich auf dem Marktplatz, eine Zwischenkundgebung steht bevor. Dadanski klettert auf einen der Wagen, der direkt vor dem Rathaus geparkt hat. Er bittet den DJ, die Musik abzustellen. „Zum ersten Mal hat das Rathaus die Regenbogenflagge aufgehängt.“ Zu verdanken hätten er und die Bewegung das Irene Klock. Sie hat in Bremen vor 40 Jahren den ersten CSD in Deutschland organisiert. Dadanski gibt Klock das Mikrofron. „1979 lief das mit dem CSD noch etwas anders“, sagt sie. Damals hatten sie sich im Viertel getroffen, sind Richtung Marktplatz gezogen. Ein Mann kam zu ihr, habe sie angespuckt und gesagt: „Bei Adolf hätten sie dich vergast.“ Es sei eine ganz andere Zeit als heute gewesen, sagt sie. „In diesem Sinne wünsche ich euch ganz, ganz viel Spaß heute.“ Das Publikum jubelt los, applaudiert heftig.

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Kurz darauf läuft die Musik auf dem Wagen wieder, die Menschenmenge bewegt sich erneut. Das Ziel ist das Theater am Goetheplatz im Viertel, dort endet der Umzug. Die Party geht auch nach der Abschlusskundgebung weiter: friedlich, bunt, anders – bis in die Nacht.

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