Fotobuch über Wassersport

Mit Strohhüten und Matrosenkragen

Ein Fotobuch zeigt auf 180 Seiten die bewegte 100-jährige Bremer Wassersport-Geschichte. Kanu-Club feiert Gründungsjubiläum.
06.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Elegant wie eine Art-Déco-Figurine steht die junge Frau im knielangen weißen Sommerkleid am Uferrand, das Profil versonnen in die Weite gerichtet. Boote mit Herren in weißen Hemdkragen unter gemusterten Westovern ziehen vorbei. Die stimmungsvolle Szenerie ist eines der Lieblingsfotos von Inge Voigt-Köhler, und darum hat sie die gut hundert Jahre alte Schwarz-Weiß-Aufnahme auch als Titelbild ausgewählt. „Mit Stöckelschuh und Krawatte im Paddelboot“ heißt die Bremensie, die in der Bremer Edition Temmen erschienen ist. Ein Anlass war das hundertjährige Gründungsjubiläum des Bremer Kanu-Club. Doch die fotografischen Schätze aus Vereinsarchiven und privaten Sammlungen stecken auch voller Entdeckungen für all jene, die ein Kanu nicht von einem Kajak, und ein Paddel nicht von einem Ruder unterscheiden können.

In die letztere Kategorie darf man auch Co-Autor Diethelm Knauf einordnen, der sich nach eigenen Angaben das Wasser lieber von Außen anschaut. Doch ohne den ehemaligen Kollegen aus dem Zentrum für Medien im Landesinstitut für Schule wäre das Buch wohl gar nicht entstanden – oder zumindest nicht in dieser Form, betont Voigt-Köhler. Der Historiker ermutigte sie nicht nur, die Fotos in einem Bilder- und Lesebuch zu veröffentlichen – er steuerte auch viel lokalgeschichtliches Wissen und Erfahrung bei. „Der Band hat viele Elemente, die über den Wassersport hinausweisen“, betont Knauf. Er erzählt davon, wie sich nicht nur äußerlich die Stadt, das Land, die Gesellschaft und die Menschen im vergangenen Jahrhundert verändert haben.

Der Forschungsstoff waren drei ledergebundene Fotoalben mit rund 1500 Fotografien, die dem Landes-Kanu-Verband überlassen worden waren – die gesammelten Erinnerungen aus Bremens erstem reinen eingetragenen Kanu-Verein, der zwischen 1920 und 2003 existierte. Längst nicht alle Fotos waren beschriftet, und nicht alles war chronologisch sortiert, erzählt Voigt-Köhler, „aber es machte viel Spaß herauszufinden, was hinter den Fotos steckte". Mitunter dienten Frisuren- und Kleidermode, Werbeaufschriften an den Gebäuden und alte Stadtpläne als Indizien für die Datierung. Wo in Bremen und Umzu die Ortskenntnis der Findorfferin nicht ausreichte, die seit ihrer Kindheit mit den Bremer Wasserwegen vertraut ist, konnte man auf die Unterstützung von befreundeten Wassersportvereinen, und von Nachkommen der Vereinskanuten und Bootsbauer zurückgreifen. Unbekannte Orte wurden anhand von prägnanten Kirchtürmen oder Brunnen identifiziert. Begeistert habe sie die außergewöhnliche Qualität der Aufnahmen, erklärt die Autorin, die als erfahrene Amateurfotografin weiß, wovon sie redet. „Man merkt dabei, dass viele Vereinsmitglieder in diesen Jahren einen gutbürgerlichen Hintergrund hatten. Eine teure Kamera konnte sich damals nicht jeder leisten.“

Erst im Jahr 1929 fand der Begriff „Freizeit“ Eingang in den Duden. Bis dato konnten sich nur die betuchtesten Gesellschaftsschichten Muße für sportliche Hobbys leisten. „Es musste ja erst einmal zeitlich und finanziell die Möglichkeit geben, dass man sich nach der Arbeit oder am Wochenende sportlich betätigen konnte“, erklärt Knauf. Was ihn bei der Beschäftigung mit dem Thema besonders überrascht habe, sei die schiere Zahl an Wasserzugängen wie Badestellen oder Bootsanlegern, die sich einst mitten in der Stadt befanden. „Ein ganz konkretes Beispiel ist das Weserstadion. Für mich verband sich diese Sportstätte immer mit Fußball und Leichtathletikveranstaltungen. Dass auch Kanu-Sport einen Platz dort hatte, war mir vollkommen neu“, gesteht der Historiker.

Frauen entkamen den Zwängen

Die ältesten Fotografien stammen aus den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, und zeigen Menschen im Sonntagsstaat, mit Strohhüten, Sonnenschirmen und Matrosenkragen, die am damals noch naturbelassenen Weserufer flanieren. Mit Stöckelschuh und Krawatte bewegte man sich indes nur in festlichen Ausnahmesituationen. Ansonsten bot der Sport vor allem Frauen die Möglichkeit, den geltenden Zwängen eine Weile zu entkommen, weiß Voigt-Köhler, die sich im Ausschuss „Frauen und Gleichstellung“ des Landessportbunds engagiert. Frauen in Hosen? Selbstbewusste Backfische mit Bubiköpfen in Shorts oder knappen Badeanzügen? Fröhlich weinselig beim gemeinsamen Zeitlager mit den Jungs? Der Sport erlaubte viel früher, was ansonsten gesellschaftlich noch lange indiskutabel blieb.

Um Exotik zu finden, mussten die Kanuten kein Flugticket buchen. Die ländliche Großfamilie aus dem nordhessischen Allendorf etwa – die Mädchen mit blonden Zopffrisuren und langen Schürzenkleidern, die kleinen Jungs in Kniekitzlern – dürften Mitte der 1920er Jahre für die Besucher aus der Großstadt ein ebenso außerirdischer Anblick gewesen sein wie umgekehrt. Und auch wenn sich die Zeiten komplett geändert haben, Westover von wasserfester Funktionskleidung und die Maggi-Fahrtenbrühe von abwechslungsreicherer Reiseverpflegung abgelöst wurden: Das Gefühl von Freiheit und Abenteuer, die Verbindung von Sport und Naturerlebnis, der Abstand vom Alltag lässt sich auch heute noch auf dem Wasser finden, sagt Voigt-Köhler, die in der Saison mehrmals pro Woche im Boot unterwegs ist. Und in Zeiten wie diesen erfährt auch diese Form der Freizeitgestaltung eine Renaissance. Hersteller meldeten Lieferengpässe von Steh-Brettern bis zu kleinen Motoryachten. Für die Wassersportbranche könnte sich die Corona-Zeit sogar als golden erweisen.

Weitere Informationen

Inge Voigt-Köhler/Diethelm Knauf: Mit Stöckelschuh und Krawatte im Paddelboot: Bremen am Wasser - Von den Goldenen Zwanzigern bis in die 70er Jahre, Edition Temmen. Gebundene Ausgabe, 180 Seiten, 249 Abbildungen, im Buchhandel erhältlich, 19,90 Euro.

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