Von Dach verjagt 100 Möwenküken verendet - Kripo ermittelt

Unbekannte sollen vom Dach eines Firmengebäudes in Habenhausen bis zu 50 Sturmmöwen samt Nachwuchs verjagt haben. Nach Angaben von Augenzeugen sind dabei rund 100 Küken verendet. Die Kripo ermittelt.
04.06.2018, 18:31
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100 Möwenküken verendet - Kripo ermittelt
Von Antje Stürmann

Auf dem Dach eines Firmengebäudes an der Scipiostraße in Habenhausen sind vor einigen Tagen offenbar mehr als 100Möwenküken aus ihren Nestern vertrieben und in den Tod gejagt worden. Das berichtet die Mitarbeiterin einer benachbarten Firma. Eine Firma habe das Dach gesäubert und ein Netz gespannt, berichtet eine Augenzeugin.

Die Polizei hat den Fall auf Nachfrage des WESER-KURIER bestätigt, der Veterinärdienst des Landes Bremen ermittelt wegen eines Verstoßes gegen das Naturschutzgesetz. Nach Angaben des Hobbyornithologen Helmut Bähr haben auf dem Dach 30 bis 50 Sturmmöwenpaare gebrütet sowie mindestens ein Lachmöwenpaar.

Der Ornithologe beobachtet die Kolonie nach eigenen Worten bereits seit drei Jahren. Pro Vogelpaar rechnet Bähr mit drei bis fünf Jungen. Die Kolonie an der Scipiostraße sei eine von fünf bis zehn größeren Sturmmöwenkolonien in Bremen. In Deutschland stehen laut Torben Reininghaus vom Bremer Landesverband des Naturschutzbundes (Nabu) besonders in der Brutzeit alle Vögel unter Schutz.

Verdacht des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz

Das Bundesnaturschutzgesetz verbiete zudem, Tiere mutwillig zu stören, ihnen Leid anzutun, sie zu töten oder ihre Nester zu stören. Wolle jemand Vögel vergrämen, müsse die Naturschutzbehörde die Aktion genehmigen. „Und keine Behörde wird Ihnen während der Brutzeit eine solche Aktion genehmigen“, ist sich Reininghaus sicher.

Das bestätigt der Veterinärdienst auf Anfrage. Dessen Mitarbeiter seien dabei zu ermitteln, wer für die Vertreibung der Möwen verantwortlich ist, erklärt Behördensprecherin Christina Selzer. Es bestehe der Verdacht des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz. Erhärte sich dieser Verdacht, handelte es sich um eine Straftat und die Staatsanwaltschaft würde ein Strafverfahren einleiten, so Selzer.

Parallel ermittele die Kriminalpolizei wegen Verstoßes gegen das Naturschutzgesetz. Vergehen dieser Art würden als Ordnungswidrigkeit geahndet, so Selzer. Laut Umweltbehörde ist bekannt, dass auf dem Dach seit Jahren Sturmmöwen nisten – schon aus diesem Grund sei die Aktion nicht nachvollziehbar und inakzeptabel, sagt Sprecher Jens Tittmann.

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Torben Reininghaus hat sich vor Ort ein Bild von der Lage gemacht und, wie er sagt, noch 35 lebende Küken und viele Tote vorgefunden. „Die Küken liefen auf dem Parkplatz herum und versteckten sich teilweise unter den Autos“, so Reininghaus. Am Sonntag konnte sein Kollege Helmut Bähr dort noch zehn Küken beobachten.

Sie zu retten, sei von Anfang an aussichtslos gewesen, erklärt Bähr. „Die Tiere sind noch so klein, die brauchen noch rund zwei Wochen bis sie fliegen können und halbwegs sicher sind.“ Der Zeitpunkt, zu dem die Küken vertrieben worden sind, sei denkbar ungünstig gewesen, so Bähr. Größere, aus dem Nest gefallene Küken werden laut Bähr von ihren Eltern auch auf dem Boden beschützt und weitergefüttert.

Im aktuellen Fall seien jedoch so gut wie alle Küken – und damit ein Fünftel der in Bremen brütenden Population – verloren. Weil sie zu klein waren, hätten einige ausgewachsene Vögel ihre Jungen vermutlich aufgegeben, sagt Bähr. „Wenn die Situation außerdem zu unübersichtlich ist, sind die Vögel überfordert damit, die Küken vor Greifvögeln, Katzen und Krähen zu schützen und sie gleichzeitig zu füttern.“ Folge: Die Küken werden gefressen, verhungern oder verdursten.

Versandapotheke distanziert sich

Wie Augenzeugen beobachtet haben, waren sowohl Mitarbeiter des Veterinärdienstes als auch der Polizei kurz nach der Tat vor Ort. „Zu dem Zeitpunkt waren aber schon alle Nester entfernt“, berichtet Reininghaus, „sie konnten keinen Verstoß gegen den Tierschutz feststellen“. Die Versandapotheke Eurapon, die in einem der Firmengebäude ihren Sitz hat, distanzierte sich von dem Vorfall: „Nach dem derzeitigen Erkenntnisstand gab es auf unserem Dach keine Möwenkolonie, allerdings auf einigen der Nachbardächer“, heißt es in einem Schreiben.

Deshalb und auf Anraten des Sicherheitsdienstes des Bremer Flughafens habe Eurapon den Dienstleister DNL mit dem fachgerechten Aufbau einer Netzanlage auf dem eigenen Hallendach beauftragt – auch deshalb, weil die Halle von Eurapon in der Einflugschneise liege. Aufgrund voller Auftragsbücher habe der Dienstleister die Netzanlage erst in diesem Frühjahr aufbauen können.

„Weder vor, noch während des Aufbaus der Netzanlage gab es eine Möwenkolonie mit Nestern, Eiern und Möwenküken auf dem Dach von Eurapon“, versichert die Unternehmensleitung. Dies habe sowohl der beauftragte Dienstleister wie auch am 31. Mai das Veterinäramt bestätigt. Inzwischen sei auch die Polizei vor Ort gewesen: „Bis jetzt liegen uns keine Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten seitens unseres Dienstleisters oder gar eigener Mitarbeiter vor“, so das Unternehmen.

Immer wieder Angriffe auf Möwen

In einer schriftlichen Stellungnahme ergänzte Eurapon am Dienstagabend, dass laut einer eidesstattlichen Versicherung auf dem Dach der Firma weder Möwennester oder Küken gesehen noch entfernt worden seien. Und eine Akteneinsicht bei der Polizei habe ergeben, dass auf dem Dach keine Nester oder Reste davon festgestellt worden seien. Auch das Landesveterinäramt habe laut Polizeibericht keine tierrechtlichen Verstöße festgestellt.

Maike Schaefer, umweltpolitische Sprecherin der Grünen, hält die Aktion in Habenhausen für einen „ungeheuerlichen Vorfall“, den die Stadt nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfe. Schaefer fordert deshalb vom Senat pünktlich zur Deputation in der kommenden Woche einen Bericht über den Vorfall. „Wir leben in einer Großstadt, hier sind die großen Sturmmöwenkolonien etwas Besonderes und schützenswert“, so Schaefer. Erst recht dürften die Vögel nicht während der Brutsaison gestört werden. „Dieses Vergehen muss geahndet werden“, so Schaefer.

Angriffe auf Möwen gibt es in Bremen immer wieder. Vor vier Jahren hatte unter anderem eine Firma in der Überseestadt eine Sturmmöwenkolonie aus den Brutwiesen vertrieben. Dabei waren die aufgezeichneten Schreie eines Falken und einer sterbenden Möwe zum Einsatz gekommen. 2013 dagegen hatte ein Nestplünderer rund 600 Eier gestohlen.

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