Grundstein für den Aufstieg 125 Jahre Europahafen Bremen

125 Jahre her, dass in Bremen der Europahafen in Betrieb genommen wurde. Er war der Grundstein für Bremens Aufstieg zum Welthafen. Heute ist der Hafen eine Marina mit Booten. Drumherum boomt die Überseestadt.
15.07.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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125 Jahre Europahafen Bremen
Von Jürgen Hinrichs

Bremen. 125 Jahre her, dass in Bremen der Europahafen in Betrieb genommen wurde. Er war der Grundstein für Bremens Aufstieg zum Welthafen. Heute ist der Hafen kein Hafen mit Schiffen mehr, sondern eine Marina mit Booten. Und drumherum boomt die Überseestadt.

Wie eine Wanne mit wenig Wasser drin. Ein Trog, trostlos. Da ist kein Schiff, so wie früher, da sind nur Boote, aber immerhin, denn das hat es bis vor zwei Jahren noch nicht gegeben. Eine Marina im Europahafen mit ein, zwei, drei, nein mehr, mit rund 30 Booten. Die "Sventana" aus Hooksiel, die "Inge 3" aus Solingen oder "Anna", der Grönland-Kutter. Er ist 50 Jahre alt, solide gebaut und komplett aus Holz. "Hier liegen in Spitzenzeiten so viele Boote wie es früher Schiffe waren", sagt Jens Wirdemann. Der Hafenmeister ist stolz darauf. Wenn in diesem Jahr das große Jubiläum gefeiert wird, 125 Jahre Europahafen, kann er sagen, dass diese Tradition noch lange kein Ende hat. "Wir führen sie fort, nur eben anders."

Wirdemann kassiert im Europahafen die Liegegebühren und verleiht Boote. Ein Geschäft, das sich lohnt, sagt der 42-Jährige. Vor ein paar Tagen war die "Delma" da, eine 85 Meter lange Motorjacht. Niemand aus Brake, Burhave oder Bensersiel, wie sonst so oft, wenn ein kleiner Törn die Weser hoch nach Bremen unternommen wird, sondern internationale Gäste. "Der russische Eigner hat hier Freunde aus den USA an Bord genommen und ist dann weiter nach Spanien", erzählt Wirdemann.

Flair von weiter Welt

Da hatte der Europahafen kurz mal wieder das Flair von großer weiter Welt, so wie es hundert Jahre lang war. Vom Jahr 1888, als das 1,8 Kilometer lange Hafenbecken in dem 60 Hektar großen Gebiet der Stephanikirchweide in Betrieb genommen wurde. Bis zum Ende der 1980er-Jahre, als der Hafen in Bremen wegen der Containerschifffahrt seine Bedeutung verlor.

Angefangen hatte alles mit einer blanken Notwendigkeit. Spätestens mit dem Bau der Eisenbahnbrücke über der Weser war klar, dass die jahrhundertealte Ära der Schlachte als zentraler Bremer Hafen zu Ende geht. Die Seeschiffe mit ihren hohen Masten konnten die alten Anleger nicht mehr erreichen. Als Alternative wurde direkt vor der Brücke der Weserbahnhof gebaut. Es war der Beginn der modernen Hafenorganisation in Bremen. Die Waren wurden entladen und gleich weitergeleitet, alles aus einer Hand. Am Ufer stand ein Koloss von Speicher. Genau dort, wo heute der 82 Meter hohe Weser-Tower aufragt.

Der 1859 fertiggestellte Weserbahnhof konnte im Zuge der Industrialisierung und des weltweiten Warenaustausches schon sehr früh nicht mehr den Platz bieten, der notwendig war, um die vielen Schiffe abzufertigen. Zumal die Perspektiven für den stadtbremischen Hafen wieder glänzend wurden, nachdem Bremens damaliger Oberbaudirektor Ludwig Franzius sich erfolgreich die Mammutaufgabe gestellt hatte, die Weser zu begradigen und sie ausbaggern zu lassen. Franzius wollte das lukrative Umschlagsgeschäft nicht Vegesack, dem oldenburgischen Brake und seit 1830 auch Bremerhaven überlassen. Bremen sollte einen großen Freihafen bekommen. Und so kam es dann auch. Der Freihafen I entstand, kurz Europahafen genannt.

Die Anlage war seinerzeit wegen ihrer Größe und Modernität ohne Beispiel. Der besondere Clou: die Anbindung an die Eisenbahn. Die Ware konnte direkt vom Schiff auf Güterwaggons verladen werden. Hinter den Gleisen standen die Schuppen und dahinter die Speicher, wenn das Stückgut wie Kaffee, Tabak oder Baumwolle zwischengelagert werden musste. Ein Prinzip, das als "Bremer System" bekannt wurde.

Lebensnerv der Stadt

Wenn Bremen am kommenden Wochenende das Jubiläum des Europahafens feiert, werden die Veranstalter den historischen Rang betonen. Für die Stadt, so sagt sie es selbst, hat das Hafenbecken im Gebiet der Stephanikirchweide den Grundstein gelegt für Bremens Aufstieg zum Welthafen. Und mehr noch. Baumwollbörse, Getreidespeicher, Fruchthandel-Gesellschaft Kaffee Hag und Jacobs – das alles kam ja erst im Gefolge. Genauso die Entwicklung der Stadtteile Walle und Gröpelingen. Der Hafen kurzum, zu dem wenige Jahre später auch der Holz- und Fabrikenhafen gehörte und von 1906 an der Überseehafen, war für Bremen ein Lebensnerv.

Und heute? Was ist das noch – der Hafen in Bremen? Wenn Schiffe kommen, und das passiert gar nicht mal selten, legen sie im Holz- und Fabrikenhafen an, am Pier der Roland-Mühle oder am Fischmehl-Terminal, dem größten und modernsten Umschlagunternehmen seiner Art in Europa. Es ist also noch Betrieb, aber nur dort. Der Überseehafen wurde vor 15 Jahren zugeschüttet, ein Frevel, wie die Stadtplaner heute zugeben müssen. Der Großmarkt auf der Fläche wirkt bis heute wie ein Fremdkörper. Er gehört da nicht hin.

Den Europahafen gibt es noch oder es gibt ihn wieder, er wird wieder wahrgenommen, seitdem die Überseestadt erfunden wurde. Er hat seine Schuppen und Speicher behalten, die mittlerweile denkmalgeschützt sind und von den Kreativen der Stadt bevölkert werden, die dort ihre Büros und Ateliers haben. Er hat seine Kajen, die heute als Promenaden genutzt werden, sie reichen bis weit hinaus zur Wohnbebauung rund um den Landmark-Tower. Und er hat seinen Hafen, der Hafen, seine Marina. Keine Schiffe mehr, aber immerhin Boote.

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