Habenhausen

15. HABENHAUSER SCHAFFERMAHL: GÄSTE AUS POLITIK, WIRTSCHAFT UND GESELLSCHAFT LASSEN SICH VERWÖHNEN

Habenhausen. So voll war es in der Simon-Petrus-Kirche noch nie gewesen: Zum 15. Schaffermahl kamen 158 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft zusammen.
25.02.2016, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Christian Markwort
15. HABENHAUSER SCHAFFERMAHL: GÄSTE AUS POLITIK, WIRTSCHAFT UND GESELLSCHAFT LASSEN SICH VERWÖHNEN

Jana Tillwick servierte den 158 Gästen beim 15. Habenhauser Schaffermahl die Bremer Traditionsspeise – die laut Bülent Uzuner vor rund 2500 Jahren über Äthiopien nach Deutschland „eingewandert“ ist und hier als heimisches Gemüse angesehen wird. CM·

Walter Gerbracht

Abend der Rekorde

So voll war es in der Simon-Petrus-Kirche noch nie gewesen: Zum 15. Schaffermahl kamen 158 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft zusammen. „Damit haben wir eine neue Rekordmarke erreicht“, freute sich Gastgeber Jens Lohse, der auch einen neuen Rekord bei den Spenden vermelden konnte: 20 000 Euro kamen zusammen.

Dieses Mal stand das Schaffermahl unter dem Eindruck der aktuellen Flüchtlings-krise. Als Titel der Veranstaltung hatten sich Lohse und die Mitglieder der Habenhauser Schaffergesellschaft für das Thema „Deutschland – vom Auswandererland zum Einwandererland“ entschieden. Zahlreiche Redner richteten flammende Appelle an die Gäste.

Karl-Heinz Heidemeyer, Geschäftsbereichsleiter bei der Handelskammer Bremen und Bülent Uzuner, geschäftsführender Gesellschafter eines Bremer IT-Beratungsunternehmens, bezogen eindeutig Stellung und warnten vor Vorurteilen und Abgrenzung gegenüber den Schutzsuchenden, die derzeit nach Deutschland strömen. Als Ehrengäste richteten Bürgermeister Carsten Sieling und Pastor Bernd Kuschnerus, stellvertretender Vorsitzender des Kirchenausschusses der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK), ein Grußwort an die Gäste.

Jens Lohse erzählte den Gästen von seinen Träumen: „Ich träume von einem Bremen, in dem nicht immer die Investoren das letzte Wort haben“, sagte er, „und ich träume von einer Stadt, in der die Einwohner stolz sind auf die vielen tollen Errungenschaften.“ Die Hansestadt solle „eine Stadt des vielfältigen Miteinanders und nicht ein Ort des ständigen Gegeneinander“ werden, verdeutlichte Lohse seinen größten Traum: „Erzählt der Welt doch einfach, wie schön es in Bremen und umzu ist“, rief er, „und fragt nicht immer, was es eigentlich kostet.“ Mittellose Menschen dürften nicht von Kultur und Gesellschaft ausgeschlossen werden – „dann schaffen wir uns ein Paradies auf Erden“. Für den Plan, eine Moschee in unmittelbarer Nähe der Simon-Petrus-Kirche zu errichten, „würde ich dem Projektentwickler persönlich 1000 Euro zahlen“, schloss der Kirchenmann seine viel beachtete Rede.

Bürgermeister Carsten Sieling war bereits das dritte Oberhaupt der Hansestadt, das am Habenhauser Schaffermahl teilnahm. Nach Henning Scherf und Jens Böhrnsen wechselte auch er die Rolle vom Gastgeber zum Gast. „Ich freue mich sehr“, betonte Sieling, „dass ich nach gerade einmal sieben Monaten im Amt bereits als Ehrengast eingeladen worden bin.“ Sieling begann seine Ansprache, indem er einen gravierenden Unterschied zwischen dem „großen“ und dem „kleinen“ Schaffermahl aufzeigte: „In Habenhausen ist der Frauenanteil deutlich höher als im Rathaus“, stellte er fest. Anschließend bezog Sieling deutlich Stellung zur Migration. „Flucht und Völkerwanderung prägen die Menschheitsgeschichte bereits seit Jahrtausenden“, so Sieling, der Bremen in der Tradition dieser Bewegung sieht. Drei Bremer Wahrzeichen zeugten von der Bereitschaft der Bremerinnen und Bremer, sich für andere und schwächere Menschen einzusetzen: Die Glucke über dem zweiten Rathausbogen sei geflohen und habe laut Legende durch ihre Ansiedlung nahe der „guten Stube“ der Hansestadt maßgeblich zu deren Gründung beigetragen. Die Bremer Stadtmusikanten seien ebenfalls auf ihrer Flucht vor Verfolgung und Tod nach Bremen gekommen. Und der Roland stehe schließlich seit Jahrhunderten als Symbol für Freiheit und Eigenständigkeit. „Einwanderung prägt die Bremer Geschichte“, bilanzierte Sieling, der „über die Maße stolz auf die große Hilfsbereitschaft der vielen Bremerinnen und Bremer ist“. „Wir haben noch genügend freie Kapazitäten“, versuchte Sieling abschließend den zahlreichen Kritikern der aktuellen rot-grünen Flüchtlingspolitik in Bremen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Während Pastor Bernd Kuschnerus versuchte, „die vielen Chancen und Möglichkeiten, aber auch die großen Herausforderungen für uns alle“ aufzuzeigen, die durch die Zuwanderung entstünden, betonte Karl-Heinz Heidemeyer, „dass Integration am besten über Bildung, Ausbildung und Arbeit“ funktioniere: „Wir müssen den Menschen, die auf ihrer Flucht zu uns kommen, einen möglichst unkomplizierten und schnellen Zugang zum Arbeitsmarkt verschaffen“, erklärte Heidemeyer. Die Handelskammer habe in der jüngeren Vergangenheit zahlreichen Unternehmen vorgeschlagen, Flüchtlinge in Lohn und Brot zu bringen. „Die Resonanz war überwältigend“, so Heidemeyer.

Um noch mehr jugendliche Flüchtlinge, aber auch deutsche Jugendliche besser und schneller erreichen zu können, schlug Heidemeyer vor, „weitere Verfahren zu etablieren, mit denen wir die Jugendlichen dort abholen, wo sie stehen“. Als mögliche Kooperationspartner sieht Heidemeyer unter anderem die Berufsagentur, Verantwortliche in den Übergangswohnheimen und Schulen sowie in Kirchen und Verbänden jeglicher Couleur. Ähnlich wie auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich Karl-Heinz Heidemeyer von dem Erfolg überzeugt: „Wir schaffen das“, sagte er, „wenn alle mitziehen.“

Nach den vielen eher nachdenklichen Worten sorgte Unternehmensberater Bülent Uzuner für den Höhepunkt des Abends. Der 43-Jährige trat als letzter Redner vor die Gäste und riss die Zuhörerinnen und Zuhörer mit einer launigen und dennoch ernsthaften Rede förmlich von den Stühlen. Nachdem der „Migrant ohne Migrationserfahrung“ (Uzuner ist als Sohn türkischer Gastarbeiter in Deutschland geboren und aufgewachsen) den Gästen erklärte, „das, was Sie gerade essen, ist auch ein Einwander“, konnte man im voll besetzten Saal eine Stecknadel fallen hören.

Der Grünkohl sei um etwa 400 vor Christus über Äthiopien nach Europa und schließlich nach Deutschland „eingewandert“, teilte der ausgezeichnet vorbereitete Uzuner den verdutzten Gästen mit. Mittlerweile werde es seit vielen Generationen als heimisches Gemüse angesehen – was den Gastredner zu folgender Frage inspirierte: „Wie viele Generationen wird es wohl dauern, bis die vielen Zuwanderer hierzulande auch endlich als Deutsche angesehen werden?“. Er habe „noch nie etwas von einer Grünkohl-Feindlichkeit gehört“, sagte er, womit er einen Sturm der Heiterkeit auslöste. „Fremdenfeindlichkeit kann man nicht nur mit Bildung und Arbeit entgegenwirken“, zeigte sich Uzuner überzeugt, „die Menschen müssen zuerst einmal ihre Herzen öffnen“.

Uzuner sprach von einer „neuen Epoche, obwohl es in Deutschland schon zuvor in vielen vergangenen Jahrhunderten zahlreiche vergleichbare Flüchtlingswellen gegeben hat“. Statt ständig die Nachteile in den Fokus zu rücken, „sollten die Menschen erkennen und akzeptieren, dass durch die Zuwanderer auch unzählige neue Chancen entstehen“. Gerade Habenhausen sende mit dem 15. Schaffermahl „ein tolles Signal des vielfältigen Miteinanders“ in die Welt: „Hier lässt man den Sohn eines Einwanderers sprechen“, hob er hervor, um mit einer weiteren Kunde zu enden: „Wussten Sie eigentlich, dass es in der deutschen Sprache rund 166 Lehnwörter aus dem Türkischen gibt?“, fragte er. Begriffe wie „Joghurt“, „Döner“ oder „Kefir“ seien seit langer Zeit schon Bestandteil der deutschen Sprache, „jetzt gehören in Zukunft auch viele neue Mitbürgerinnen und Mitbürger zu unserem Alltag“, beendete Uzuner seine Rede, für die er nicht enden wollenden Beifall erntete.

Ein Blick hinter die Kulissen: „Alles Routine“

Während es beim 15. Habenhauser Schaffermahl im Festsaal in der

Simon-Petrus-Kirche gediegen und zünftig zugeht, herrscht rundherum reges Treiben. Neben dem Servieren der einzelnen Gänge haben die insgesamt 15 ehrenamtlichen Helfer sowie die vier Service-Profis alle Hände voll zu tun, um den 158 Gästen einen schönen Abend zu bereiten. Zu Braunkohl, Pinkel und Roter Grütze präsentieren zudem verschiedene Künstlerinnen und Künstler ihr Können, gleichzeitig kommt es zu Begegnungen zwischen vielen unterschiedlichen Konfessionen.

Jana Tillwick ist mit dem Schaffermahl groß geworden. Die 29-Jährige ist seit der Premiere dabei, immer haben sie und die übrigen ehrenamtlichen Helfer hinter den Kulissen für einen reibungslosen Ablauf gesorgt. „Meine Mutter Christa ist Alt-Schafferin“, erklärt die junge Frau, „da war es klar, dass auch ich mich in irgendeiner Form hier engagiere.“ Auch für die 22-jährige Franziska Köster aus Arsten ist die Mithilfe beim Schaffermahl eine Selbstverständlichkeit: „Ich bin hier in der Kirchengemeinde groß geworden“, erklärt sie, während ihr Hauswirtschafts-Leiterin Claudia Knie aus Arsten ein rotes Tuch um den Hals bindet. Aufgeregt seien sie alle drei „kein bisschen“, wie Claudia Knie betont: „Hier ist noch nie etwas schief gegangen“, versichert sie – als einer Ehrenamtlichen just in diesem Moment ein Glas aus der Hand rutscht und auf dem Boden zerbricht.

Gemeinsam mit Teamleiterin Simone Müller aus Schwachhausen und deren vierköpfigem Service-Team sind Knie, Köster, Tillwick und der Rest der Ehrenamtlichen für Essen und Getränke der Gäste verantwortlich. Insgesamt vier Gänge werden aufgetischt, alles muss zum einen pünktlich, zum anderen auch gleichzeitig und heiß an den fünf Tafeln platziert werden. Koch Jan Gefken muss das Essen – wie immer zubereitet von der Fleischerei Rasch – in einer improvisierten Küchenzeile lediglich lange genug warm halten und rechtzeitig an die vielen Service-Kräfte herausgeben. „Alles Routine“, betont Simone Müller, die bereits seit vielen Jahren beim Schaffermahl im Einsatz ist.

Draußen trudeln derweil die 158 Gäste ein. Neben Gästen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft kommt es in diesem Jahr zu einer Besonderheit: Gleich vier unterschiedliche Konfessionen sitzen gemeinsam im Saal. Neben Erzpriester Alexander Bertasch von der russisch-orthodoxen Kirche kommen auch der Vertreter der nigerianischen Glaubensgemeinschaft, Pastor George Okoro, der gastgebende Pastor Jens Lohse, der ehemalige Pastor der Neustädter Zionskirche, Hans-Günter Sanders, und Bassam Elchoura, Mitarbeiter im Vorstand der muslimischen Schura beim und nach dem Essen miteinander ins Gespräch.

„Es ist wunderbar, dass es den Mitgliedern der Habenhauser Schaffergesellschaft gelungen ist, zu dem Oberthema der diesjährigen Veranstaltung ein solch buntes und friedliches Zeichen zu setzen“, zeigten sich die Pastoren Lohse und Sanders ebenso begeistert wie auch die übrigen Gäste. „Ich habe mich sehr über die Einladung gefreut“, betont Elchoura im Gespräch mit dem „Integrations-Lotsen“ Hans-Günter Sanders.

Rechtsanwältin Dörthe Pröschild aus Habenhausen wird an diesem Abend eine weitere Ehre zuteil: Nach einer satzungsgemäßen Pause wird sie erneut zur Novizin berufen und soll zukünftig den „Notarius Publicus“ Claus Böhrnsen bei dessen Tätigkeit unterstützen. „Es ist eine ganz besondere Auszeichnung für mich“, konstatiert Pröschild, „besonders, weil ich mich der Kirchengemeinde sehr verbunden fühle.“

Die Spendensumme in Höhe von exakt 20 000 Euro wird nicht nur für kirchliche, soziale und kulturelle Projekte rund um die Simon-Petrus-Kirche verwendet, sondern soll auch integrative Projekte im Übergangswohnheim an der Steinsetzerstraße finanziell unterstützen. Ferner wird die Zusammenarbeit mit der Hochschule für Künste (HfK) fortgesetzt, damit die Konzertreihen „Alte Musik“ und „Jazz“ auch in Zukunft bei freiem Eintritt besucht werden können. Den Habenhauser Schaffern liegen zudem noch Förderanträge über je 3000 Euro vom Gospelchor sowie der Gemeindejugendband „Crossroads“ vor.

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