Tag der Architektur

18 Bremer Wohnungen und Bauwerke öffnen ihre Türen

18 Wohnungen und Bauwerke in Bremen öffneten am Sonntag ihre Türen. Anlass war der Tag der Architektur. Hunderte Besucher nutzen die Gelegenheit, hinter die Bremer Fassaden zu schauen.
27.06.2016, 00:21
Lesedauer: 4 Min
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18 Bremer Wohnungen und Bauwerke öffnen ihre Türen
Von Antje Stürmann
18 Bremer Wohnungen und Bauwerke öffnen ihre Türen

Architekt Wolfgang Hübschen präsentierte am Sonntag die beiden von ihm entworfenen Gebäude "The Portment" an der Konsul-Schmidt-Straße.

Frank Thomas Koch

18 Wohnungen und Bauwerke in Bremen öffneten am Sonntag ihre Türen. Anlass war der Tag der Architektur. Hunderte Besucher nutzen die Gelegenheit, hinter die Bremer Fassaden zu schauen.

Chapeau – das Haus hat einen neuen Hut. Grau und mit sehr hohen Fenstern im modernen Design – so haben die Architekten den Aufbau des Hauses Kornstraße 175 gestaltet. Die Fassade darunter: historisch. So, wie sie in etwa vor mehr als Hundert Jahren aussah, als das Haus erbaut wurde. Wie es zu dem „Hut“ kam und was sich die Bauherren dabei gedacht haben, das erfuhren die Besucher am Sonntag vor Ort beim Tag der Architektur.

Natascha Zupkovic und Daniel Knezovich öffneten die Türen zu ihrem Haus aus diesem Anlass weit. Sie beantworteten Fragen und erläuterten die Details. „Wir mögen sehr, dass es hier oben so hell ist“, schwärmte Natascha Zupkovic, „ich mag den Blick aus dem Fenster, die Galerie, eigentlich alles“. Die Serbin mit besonderer Verbindung zu Australien und ihr Partner haben das Haus vor Jahren gekauft und reiflich überlegt, wie sie es gestalten wollen. „Wir haben uns mit der Planung zwei Jahre Zeit gelassen und geschaut, was wir wollen und was möglich ist“, so Daniel Knezovich. Weil der Bebauungsplan in diesem Bereich der Kornstraße Aufbauten zulässt, sei es von Anfang an reizvoll gewesen, dem Haus einen Hut aufzusetzen. Die wichtigsten Wünsche dagegen: viel Licht und Platz.

Mutiger Materialmix in der Kornstraße

Benjamin und Jan Wirth haben dem Haus ein neues Gesicht gegeben. Sie kreierten ein neues Geschoss, wo vorher ein Spitzdach war, haben das Haus behutsam modernisiert. „Es ist fantastisch gelungen, das Alte und das Neue zu verbinden“, meinte am Sonntag Nachbarin Cornelia Buchholz, „vorher war das Haus völlig heruntergekommen“. Kritik ist den Bauherren noch nicht zu Ohren gekommen.

Natascha Zupkovic und Daniel Knezovich öffneten am Tag der Architektur ihr Haus Chapeau an der Kornstraße.

Natascha Zupkovic und Daniel Knezovich öffneten am Tag der Architektur ihr Haus Chapeau an der Kornstraße.

Foto: Frank Thomas Koch

Die Architekten haben vorgebeugt. In der Kornstraße gebe es so viele Gauben, Giebel und Baustile, dass der Aufbau nicht störe, glaubt Benjamin Wirth. Mit Gegenwind aus der Bevölkerung und Kritik hatte aber auch er gerechnet. Der Aufbau ist nach den Worten Benjamin Wirths „ein zeitgemäßer Ausdruck der Bedürfnisse der Leute“. Wirth hat den Aufbau zusammen mit seinem Bruder Jan Wirth geplant. „Unten hätte man viele Wände herausbrechen müssen, um so viel Platz zu schaffen.“ Netto sind laut Jan Wirth nur rund 20 Quadratmeter hinzugekommen. Doch weil die Wände 4,50 Meter hoch sind, vergrößern sie den Raum optisch enorm.

Eindrucksvoll ist der Blick aus den großen Fenstern: Zur Kornstraße blicken die Besitzer in die Tiefe einer Seitenstraße. Ein dreieckiges Fenster bietet freie Sicht auf die Kirche. Wer auf der 24 Quadratmeter großen Terrasse steht, hat einen wunderbaren Ausblick über die kleinen bunten Dächer der Reihenhäuser in der Neustadt. Licht und Platz: Auftrag erfüllt.

Auffallend ist im Hause Zupkovic/Knezovich der mutige Materialmix. Opulent gemusterte, klassisch bremische Fußbodenfliesen liegen neben Holzdielen; rote Fliesen schmücken die Wand in der weißen Küche; der große Hängeschrank ist aus Massivholz. Auf dem Fußboden liegt ein schwarz-weiß gemusterter Teppich neben einem knallgelben. Chapeau.

Wie Cornelia Buchholz haben am Sonntag zahlreiche Menschen aus Bremen und umzu die Chance genutzt, hinter die Fassaden zu schauen. Teilweise waren sie aus anderen Städten angereist, um sich einige der insgesamt 18 Neu- und Umbauten sowie gestaltete Außenanlagen im Land anzuschauen. Durchschnittlich 20 Interessierte nahmen an jeder Führungen teil, zählte ein Architekt. Bei besonders beliebten Objekten, wie den Flüchtlingswohnbauten an der Corveystraße, waren es bedeutend mehr.

„Es ist eine stetig steigende Anzahl Menschen, die wissen, dass am letzten Sonntag im Juni Tag der Architektur ist und die wiederkommen, Neues entdecken und gemeinsam Objekte anschauen“, resümierte Projektleiterin Kristin Kerstein von der Architektenkammer Bremen. Unter ihnen sind Fachleute, Bauwillige, Hausbesitzer, Studenten und wissbegierige Laien. „Die Leute freuen sich Monate lang und suchen sich weit im Voraus Objekte aus, die sie sehen wollen“, berichtet Kerstein. Vor Ort fachsimpelten die Besucher über Wohnungszuschnitte, fehlende Abstellflächen, den Zuschnitt von Balkonen oder die Auswahl von Materialien.

Maritimes in der Überseestadt

Eine gut besuchte Führung nach der anderen bot auch Architekt und Büroinhaber Wolfgang Hübschen in der Überseestadt an. Während am Himmel die Möwen kreischten, eine Brise wehte und die Wolken tief im azurblauen Himmel über der Weser hingen, stellte Hübschen die beiden Wohngebäude „The Portment“ direkt an der Uferpromenade am Europahafen vor. Der maritime Charakter findet sich in der Architektur wieder: gelbe Klinker in der Farbe nassen Sandes; große Fenster, in denen sich der Himmel spiegelt, die Brüstungen der Loggien aus Glas – „von da oben haben Sie einen Blick wie vom Deck eines Ozeandampfers“, sagte Hübschen. Nicht zu viele Details, keine aufregenden Materialwechsel. Zurückgesetzte Klinkerreihen nehmen der eher gleichförmigen Fassade der Kubusbauten die Härte. Die Jury der Architektenkammer bescheinigt den Gebäuden eine „zurückhaltende, feine Architektursprache“.

Modell von Gebäuden an der Uferpromenade des Europahafens. Die Architektur zeigt eine gewisse Dominanz und Größe in Richtung Innenstadt.

Modell von Gebäuden an der Uferpromenade des Europahafens. Die Architektur zeigt eine gewisse Dominanz und Größe in Richtung Innenstadt.

Foto: Frank Thomas Koch

Das Wohnen hier hat einen ganz eigenen Flair. „Wir sind hier nicht in der Innenstadt, aber auch nicht in der Vorstadt“, so Hübschen. Die Anforderungen darum: Es soll keine Vorgärten geben. Alles, was die Bewohner brauchen, muss im Haus untergebracht sein. Dazu ein guter Blick aufs Wasser und möglichst wenig Lärm vom Großmarkt und der Hafenwirtschaft. Architekten aus Berlin, Hannover, Hamburg, Kassel und Bremen haben um den Auftrag gebuhlt, Hübschen hat den Zuschlag erhalten.

In jedem der beiden Geschwisterhäuser, die vertikal zum Wasser stehen, sind heute 18 Wohnungen untergebracht. Sie sind 80 bis 120 Quadratmeter groß. Hinzu kommen zwei Penthouses, die jeweils 200 Quadratmeter messen. Ihre Autos stellen die Bewohner in der Tiefgarage mit 80 Plätzen ab. „Die Energiebilanz entspricht der eines KfW-Effizienzhauses-55“, so Hübschen. Damit sparten die Gebäude 30 Prozent mehr Energie als vorgegeben.

Architekturfan Kerstin Bernard zeigte sich begeistert von den als 2,70 Meter hoch beschriebenen Räumen, dem Lichteinfall und der Spiegelung des Wassers. „Ein schönes Haus“, resümierte sie. Enttäuscht war Bernard, dass der Bauherr, die Weser-Wohnbau-Gesellschaft, kurzfristig doch keinen Blick in eine Wohnung ermöglichte. Die meisten Besucher nahmen‘s sportlich.

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