Beschäftigungsträger schreiben an Sieling 200 Jobs in Gefahr

Eine feste Tagesstruktur ist wichtig, vor allem für Langzeitarbeitslose. Deshalb gibt es öffentlich geförderte Stellen in Stadtteilcafés oder Streichelzoos. Diese Arbeitsmöglichkeiten sind nun gefährdet.
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200 Jobs in Gefahr
Von Sara Sundermann

Eine feste Tagesstruktur ist wichtig, vor allem für Langzeitarbeitslose. Deshalb gibt es öffentlich geförderte Stellen in Stadtteilcafés oder Streichelzoos. Diese Arbeitsmöglichkeiten sind nun gefährdet.

Morgens zur Arbeit gehen, eine Tagesstruktur haben, gebraucht werden: All das ist wichtig, gerade für diejenigen, die es schwer haben, eine normale Stelle auf dem freien Arbeitsmarkt zu finden. Deshalb gibt es öffentlich geförderte Stellen für Langzeitarbeitslose.

Sie arbeiten in Bremen zum Beispiel in Stadtteilcafés, versorgen Tiere in Streichelzoos, verstärken Spielgruppen für Kinder oder verteilen Lebensmittel bei der Bremer Tafel. Doch nun sehen Beschäftigungsträger einen Teil dieser Arbeitsmöglichkeiten gefährdet – obwohl der Senat angekündigt hat, den sozialen Arbeitsmarkt zu erhalten und auszubauen.

Träger, Ortsamtsleiter und Quartiersmanager schlagen Alarm: Mehr als 200 Beschäftigungsmöglichkeiten für Langzeitarbeitslose in der ganzen Stadt würden zum Jahresende wegfallen. In der Tat läuft die Förderung für öffentlich geförderte Stellen als Teil der sogenannten „Regionalen Netzwerke“ zum 31. Dezember aus.

Zugleich würden dadurch soziale Angebote in den Stadtteilen stark eingeschränkt oder fielen ganz weg, sagt Peter Dorlöchter vom Verbund arbeitsmarktpolitischer Dienstleister (Vadib). Das Café Blau im Speicher XI wird laut Vadib-Sprecher Peter Härtl schließen müssen. „Wenn diese Stellen wegfallen, wird das hier einiges verändern“, sagt auch Tenevers Quartiersmanager Jörn Hermening. „Das Haus der Familie und der Kinderbauernhof verlieren einen wichtigen Teil ihrer Leute.“

Die Vadib-Vertreter haben nun einen offenen Brief an Bürgermeister Carsten Sieling formuliert, der von mehreren Stadtteilpolitikern und den Trägern der freien Wohlfahrtspflege (LAG) unterstützt wird. Sie üben darin deutliche Kritik und sprechen von einem „Skandal“, das Auslaufen der Förderung sei „ein falsches politisches Signal“. Wenn diese 200 Stellen für Langzeitarbeitslose verschwinden, werde Menschen die Möglichkeit zur sozialen Integration und ein Teil ihrer Würde genommen.

„Carsten Sieling hat die Stärkung eines sozialen Arbeitsmarktes angekündigt, wir erleben noch nicht, dass das mit Leben gefüllt wird – den Worten müssen endlich Taten folgen“, sagt Dorlöchter. Der Wegfall sozialer Angebote in den Stadtteilen und der Wegfall von Stellen für Langzeitarbeitslose sei kontraproduktiv, wenn man Armut bekämpfen wolle. Laut Senatssprecher André Städler ist der Brief an Sieling eingegangen. Man wolle sich Anfang der Woche mit dem Arbeitsressort verständigen.

Derzeit arbeiten laut Dorlöchter rund 200 bis 220 Langzeitarbeitslose als bezahlte Ehrenamtliche in Stadtteil-Einrichtungen. Sie sind zum Beispiel 30 Stunden pro Woche ehrenamtlich im Einsatz und können sich dadurch neben dem Bezug von Hartz IV anrechnungsfrei bis zu 200 Euro dazuverdienen. Nicht viel Geld für eine 20- oder 30-Stunden-Stelle. „Aber das ist immerhin mehr als ein Drittel des Hartz-IV-Satzes, der ab Januar 405 Euro beträgt – ein Drittel, das man hinzubekommt“, ordnet Dorlöchter ein. „Wenn jemand in einem Mietshaus in Tenever oder Gröpelingen wohnt, wo die meisten Bewohner arbeitslos sind, dann ist es etwas, worauf man stolz sein kann, wenn man morgens aus dem Haus und zur Arbeit geht.“

Das Besondere: Während der größte Teil der öffentlich geförderten Stellen für Arbeitslose auf höchstens zwei Jahre befristet ist, können bezahlte Ehrenamtliche auch länger arbeiten. Das ist von Bedeutung. Denn auch wenn staatlich geförderte Beschäftigung idealerweise dazu dienen soll, dass Arbeitslose sich weiterbilden und danach einen normalen Job finden, fallen in der Praxis viele nach Ende des Beschäftigungsprogramms zurück in die Arbeitslosigkeit. Der Chef der Bremer Arbeitsagentur, Götz von Einem, geht davon aus, dass 30 Prozent der Erwerbslosen nicht mehr erreichbar sind, weil sie nicht bildungsfähig, nicht arbeitswillig seien oder schwere Gesundheitsprobleme hätten.

„Wenn solche geförderten Stellen wegfallen, werden viele wieder zu Hause hocken – einige halten das aus, andere nicht“, sagt Dorlöchter. „Im Extremfall verfestigt sich die Depression oder die Leute greifen zum Alkohol: wir wissen, dass Arbeitslosigkeit Krankheiten und Sucht fördert.“ Von 1200 Stellen für Langzeitarbeitslose seien in Bremen nur 45 unbefristet, sagt Dorlöchter. Hinzu kämen derzeit noch die mehr als 200 unbefristeten Ehrenamts-Stellen, die nun wegzubrechen drohten.

Die Arbeitsbehörde widerspricht dieser Darstellung deutlich: „Dass wir den sozialen Arbeitsmarkt nicht ausbauen, ist schlicht falsch, wir nutzen alle Möglichkeiten, um ihn zu erhalten und auszubauen“, sagt Behördensprecher Holger Bruns. Der überwiegende Teil der 200 Stellen für Arbeitslose bleibe in Zukunft erhalten. Die Beschäftigungsmöglichkeiten würden aber künftig in anderer Form weitergeführt und über das Jobcenter finanziert. Mit EU-Mitteln wolle man befristete Stellen fördern und Arbeitslose qualifizieren.

Bei Vadib sieht man die Pläne der Arbeitsbehörde skeptisch: Neue Formen der Beschäftigungsförderung, die der Senat plane, seien nur begrenzt geeignet, die bisherige soziale Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Viele Stadtteil-Einrichtungen seien in dem künftigen Fördersystem nicht mehr in der Lage, Stellen einzurichten.

Derzeit bekommen auch die Träger selbst Mittel für die Koordination der Ehrenamtlichen-Stellen. Es gibt ein Interesse der Träger, die Stellen zu erhalten, bestätigt Vadib – es gehe aber bei der Forderung an den Senat darum, die Möglichkeiten für die soziale Integration zu erhalten. Gebraucht würden auch weiterhin Angebote für Arbeitslose, die sonst keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hätten.

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