Nach Brandserie in Bremerhaven

22-Jähriger wegen schwerer Brandstiftung vor Gericht

Der junge Mann aus Bremerhaven beschäftigte Feuerwehr und Ermittler über zwei Jahre. Er soll seine Wohnungen angesteckt haben. Offenbar ist der junge Syrer psychisch erkrankt
01.10.2019, 20:39
Lesedauer: 3 Min
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22-Jähriger wegen schwerer Brandstiftung vor Gericht
Von Carolin Henkenberens

Mehr als zwei Jahre hielt eine Brandserie in Bremerhaven die Feuerwehr und zahlreiche Ermittler in Atem. Nun steht ein junger Mann wegen schwerer Brandstiftung vor dem Landgericht Bremen. Dem 22-Jährigen wird vorgeworfen, vier Feuer in von ihm selbst bewohnten Wohnungen gelegt und auch die Gefährdung anderer Menschen in Kauf genommen zu haben.

Der Angeklagte, rot-schwarzes Karohemd und Flecktarnjacke, wird in Handschellen in den Saal geführt. Er sitzt in Untersuchungshaft, im März wurde er festgenommen. Der junge Mann, der als Geflüchteter aus Syrien nach Deutschland kam, soll 2017 als Heranwachsender drei Feuer in Bremerhaven gelegt haben: Ende Januar in der Gnesener Straße, drei Monate später in der Gorch-Fock-Straße und im September in der Jahnstraße. Ein viertes Feuer soll er im März 2019 in der Surfeldstraße verursacht haben. In allen Wohnungen hatte er selbst gelebt. Warum ist er so oft umgezogen? Warum legt jemand ein Feuer in seiner eigenen Wohnung?

Angeklagter nannte Wohnungsvermittler Onkel

Diese Fragen blieben am zweiten Verhandlungstag am Dienstag weitgehend unklar. Ein Zeuge, ein Wohnungsvermittler, gab an, der Angeklagte sei in die Surfeldstraße gezogen, weil das näher an der Stadt, Freunden und Bekannten gelegen habe. Er habe ihm noch Farbe und einen neuen Teppich besorgt, der junge Mann sollte selbst renovieren. „Er ist ein guter Junge“, sagte der Zeuge. Und: „Ich war vollkommen zufrieden mit ihm.“ Der Angeklagte habe ihn Onkel genannt.

Ein Polizist wiederum, der den Angeklagten drei Mal vernommen hat, berichtete, es habe Hinweise von einem Informanten aus Leipzig gegeben, dass es in Bremen jemanden in der syrischen Community gebe, der angeblich damit prahle, schon zwei Mal seine vom Amt finanzierten Wohnungen angezündet zu haben, weil sie ihm nicht gefielen. Auch habe sich der Angeklagte in Widersprüche verstrickt. So habe er zunächst gesagt, er sei am Tag des Brandes im März 2019 bei seiner Schwester gewesen, dann wiederum, er sei in einem Café gewesen und schließlich habe der 22-Jährige angegeben, mit einem Freund zur Wohnung gefahren zu sein.

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Der Freund sei hoch in die Wohnung, habe das Sofa aufgeschlitzt und den Schaumstoff entzündet. Er selbst habe draußen am Briefkasten gewartet. Der 22-Jährige bestritt, die vier Brände gelegt zu haben. Als Grund für seine häufigen Umzüge, teils nur einige Straßen voneinander entfernt, gab der Angeklagte bei der Polizei an, er sei der Arbeit hinterher gezogen. Als Grund für den Brand in der Surfeldstraße nannte er, dass sein Freund wollte, dass er schneller aus dem Mietvertrag komme und dann dessen Wohnung übernehme. Drei Tage vor dem Brand im März 2019 habe ihn eben jener Freund mit zwei weiteren Bekannten bedroht. Sie hätten ihn auf den Boden gedrückt, ihm eine Flasche mit abgeschlagenem Hals vors Gesicht gehalten und ihm seinen Wohnungsschlüssel weggenommen, schilderte der Polizist die Aussagen des Beschuldigten bei einer polizeilichen Vernehmung. Seine Bekannten hätten „Hasch und Frauen“ in die Wohnung bringen wollen, er habe aber keine Plantage in seiner Wohnung gewollt.

Die Polizei, so schildert es der Beamte, glaubte dem Angeklagten nicht, dass es durch Zufall vier Mal in seinen Wohnungen brannte. Auch habe das Jobcenter dem Beschuldigten vorgeworfen, in Bezug auf Geld, das für Möbel gedacht war, betrogen zu haben.

Psychische Probleme

Der 22-Jährige hat offenbar schwere psychische Probleme. Bei einer Vernehmung kündigte er seinen Suizid an, dieses Wochenende verletzte er sich im Gefängnis selbst. Von der vorsitzenden Richterin gefragt, was passiert sei, sagte er, dessen Worte aus dem Arabischen von einem Dolmetscher übersetzt wurden: „Ich weiß nicht. Ich kriege solche Anfälle regelmäßig.“ Als er aufgewacht sei, sei er am Arm verletzt gewesen, mit einem Obstmesser. Ein Anfall bedeute, er werde unruhig, habe Ängste, verletze sich selbst und verliere sein Bewusstsein. Aufgrund des Verdachts auf eine posttraumatische Belastungsstörung wird er derzeit mit Medikamenten behandelt. Ein Psychiater war als Sachverständiger bei der Verhandlung.

Der Angeklagte erwähnte außerdem, von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gefoltert worden zu sein, unter anderem im Intimbereich. Weil eine Frau bei dem Gespräch mit dem Sachverständigen mit im Raum gewesen sei, habe er sich nicht getraut, die Sache mit dem Intimbereich zu erzählen. Er beklagte außerdem, dass der Übersetzer beim Gespräch mit einem Sachverständigen falsch übersetzt habe. Dieser habe übersetzt, er sei Mitglied des IS gewesen.

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Der Angeklagte beantragte zudem zu Beginn einen anderen Pflichtverteidiger zu erhalten. Der aktuelle habe seiner Familie erzählt, dass auf ihn mindestens zwölf Jahre Haft warten. Auch wisse jetzt seine ganze Familie von seinem Prozess. Er wolle nicht, dass das alle wüssten. Der Anwalt bestritt, der Familie eine Zahl genannt zu haben zu einer möglichen Strafe. Es müsse sich um ein Missverständnis handeln.

Der zweite Anwalt des 22-Jährigen kritisierte das Vorgehen der Polizei. Der Beschuldigte sei während der Vernehmung unter Druck gesetzt worden, der Polizist habe mit einer Mappe auf den Tisch geschlagen und sei laut geworden, als sein Mandant die Taten abstritt. Aufgrund der Presseberichte habe Ermittlungsdruck existiert, behauptete der Verteidiger.

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