Ausstellung im Oktober in Schuppen I 232 Fotografen beim Bremer Fotomarathon

Die Uhr tickt. Neun Stunden, dann ist Schluss. Neun Stunden für neun Fotos. Nicht mehr, nicht weniger, das sind die Regeln. Der Wettkampftag der Profi- und Hobbyfotografen beginnt um 11 Uhr am Güterbahnhof.
13.09.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Myriam Apke

Die Uhr tickt. Neun Stunden, dann ist Schluss. Neun Stunden für neun Fotos. Nicht mehr, nicht weniger, das sind die Regeln. „Es ist Stress“, sagt Irina Lindemann. Und trotzdem: Sie macht es immer wieder. Das hier – ist bereits ihr dritter Fotomarathon.

Der Wettkampftag der Profi- und Hobbyfotografen beginnt um 11 Uhr am Güterbahnhof. Lindemann und ihre beiden Mitstreiterinnen Anita Dehnert und Hanne Lindemann sind pünktlich. Fünf Kameras haben sie dabei, diverse Speicherkarten und Ersatzakkus. Alle drei sind Hobbyfotografinnen, ehrgeizig aber trotzdem: „Jedes Mal nehmen wir uns vor, entspannt und weniger perfektionistisch zu sein. Bisher hat das nicht geklappt“, sagt Irina Lindemann.

Sie ist Architektin und hat vor zehn Jahren die Fotografie für sich entdeckt. Mittlerweile übernimmt sie ab und an auch Aufträge für Freunde: „Profi bin ich aber noch lange nicht“, sagt sie. Auch deswegen macht sie beim Marathon mit, denn „ich lerne, wie ich aus dem, was ich kriege, das Beste mache“, sagt sie.

Das hier ist zwar schon ihr dritter Fotomarathon, aber der erste vor heimischer Kulisse. So geht es viele Teilnehmern, denn der bisher letzte Fotomarathon in Bremen liegt zehn Jahre zurück. Steffi Urban und Annica Müllenberg haben den Wettbewerb in der Hansestadt neu belebt – nachdem sie selbst bei Rallyes in anderen Städten gestartet sind. „Wir wollen, dass Touristen, Bremer und Zugezogene die Stadt aus neuen, verschiedenen Perspektiven kennenlernen“, sagt Annica Müllenberg. „Vielleicht geht der eine oder andere unbekannte Wege, abseits der üblichen Routen.“ Seit Anfang des Jahres bereiten sie den Wettkampf vor und haben sich ein komplexes Regelwerk überlegt. Die Fotografen müssen drei Stationen ansteuern. An jeder erhalten sie drei Themen, zu denen sie je ein Foto machen müssen. Die Reihenfolge der gestellten Aufgaben muss eingehalten werden, Bildbearbeitung ist nicht erlaubt und auch das Smartphone muss in der Tasche bleiben. „Was am Ende dabei raus kommt, ist absolut individuell“, sagt Müllenberg.

Im Oktober sollen die Gewinner bekannt gegeben und alle Bilder ausgestellt werden. Die Veranstaltung ist mit 232 Teilnehmer restlos ausgebucht: „Das heißt, wir können 232 Mal Bremen in neun Bildern zeigen“, sagt Steffi Urban. Besonders freut die Initiatorinnen, dass auch zehn Flüchtlinge bei der Rallye dabei sind und ihre neue Heimat entdecken wollen.

Irina Lindemann kennt ihre Stadt. Was ihr aber fehlt, ist ein guter Schlachtplan. „Am Ende braucht man vor allem Intuition für Ort und Motiv, sonst nützt die beste Kamera nichts“, meint sie. Anita Dehnert, Hanne und Irina Lindemann zieht es für die ersten drei Fotos spontan zum Wasser – schließlich ist das Motto: „Stadt im Fluss“. Doch sie sind ratlos. Wie können sie Themen wie „abgefahren“, „aufgetakelt“ und „überschäumend“ in Szene setzen?

Irina Lindemann entscheidet sich für vorbeifahrende Schiffe auf der Weser als erstes Motiv: „Manchmal habe ich tolle Ideen und bin stolz, aber dann kommt schnell das nächste Problem.“

Zehn Mal drückt sie auf den Auslöser, hockt sich hin, kommt ein Stück hoch, sucht nach dem perfekten Moment. Am Ende muss sie ein Bild auswählen und alle anderen von der Speicherkarte löschen. Das sind die Regeln.

Das sollte man normalerweise nicht tun, denn „durch Praxis lernt man, man muss sich mit den Fotos auseinandersetzen“, meint Stefan Bischoff, Inhaber vom Fotofachgeschäft Foto Bischoff. Typische Anfängerfehler sind beispielsweise falsche Belichtung oder ein zu großer Ausschnitt: „Der Fotograf muss immer direkt an das Motiv heran, das werden die besten Bilder“, sagt Bischoff. In der Fotoszene beliebt sind derzeit sogenannte Systemkameras, kompakte Geräte mit Wechselobjektiv. „Qualitativ so gut wie Spiegelreflexkameras, nur ohne Spiegel“, sagt Bischoff.

Irina Lindemann hat beide Modelle dabei, um zu vergleichen. „Es ist ein teures Hobby, preislich gibt es keine Grenzen, aber das ist es mir wert“, sagt sie. Schließlich sind Fotos Erinnerungen.

Für das Frauen-Trio läuft es gut: An der Weser konnten sie die ersten drei Fotovorgaben umsetzen. Anita Dehnert ist zwar unzufrieden mit einem ihrer Motive. Aber es nützt ja nichts, es muss weitergehen. Die Konkurrenz schläft nicht. Im Gegenteil.

Unterwegs treffen sie immer wieder auf eifrige Wettkampfteilnehmer, die mit der Kamera im Anschlag Momente festhalten. Irina Lindemann bleibt gelassen. „Wir haben anscheinend ähnliche Ideen.“

Vom Weserufer geht es mit der Straßenbahn zur Botanika, von da aus in die Speicherstadt und anschließend in Richtung Goethe-Theater. An jeder Station drei neue Aufgaben. Die Frauen sind erschöpft, die Köpfe rauchen, immer wieder müssen neue Motivideen her. „Es ist schon schwierig, mir fällt manchmal nichts ein“, sagt Irina Lindemann.

Doch der Gedanke an den Abend, wenn sie im Ziel sind, motiviert: „Wenn wir nicht zu müde sind, gehen wir essen“, sagt Lindemann. Um 20 Uhr haben sie es geschafft und geben die Speicherkarten ab, die ihre Marathonleistung beweisen. Neun Fotos in neun Stunden. Wie sie am Ende abgeschnitten haben, erfahren sie am 10. Oktober. Dann werden alle Bilder im Schuppen 1 ausgestellt. Der Eintritt ist frei.

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