Zwei Nordbremer Zeitzeugen erinnern sich an die Nacht zum 17. Februar 1962 24 Stunden knietief im Wasser

Ein Mann und eine Frau aus Bremen-Nord. Beide haben die große Sturmflut vor 50 Jahren miterlebt. Er, heute 64-jähriger Wirtschaftsprüfer, beobachtete das steigende Wasser als Jugendlicher vom ersten Stock seines Elternhauses am alten Speicher in Vegesack aus. Sie, 71-jährige Rentnerin aus Burgdamm, war angehende Altenpflegerin. Von ihrem Arbeitgeber wurde sie für einen Hilfseinsatz in die Fluten nach Bremen-Mitte geschickt. Über ihre Erinnerungen sprachen Holger Schleider und Inge Meyer mit der Redakteurin Patricia Brandt.
17.02.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Ein Mann und eine Frau aus Bremen-Nord. Beide haben die große Sturmflut vor 50 Jahren miterlebt. Er, heute 64-jähriger Wirtschaftsprüfer, beobachtete das steigende Wasser als Jugendlicher vom ersten Stock seines Elternhauses am alten Speicher in Vegesack aus. Sie, 71-jährige Rentnerin aus Burgdamm, war angehende Altenpflegerin. Von ihrem Arbeitgeber wurde sie für einen Hilfseinsatz in die Fluten nach Bremen-Mitte geschickt. Über ihre Erinnerungen sprachen Holger Schleider und Inge Meyer mit der Redakteurin Patricia Brandt.

Waren Sie auf die Sturmflut vorbereitet?

Inge Meyer: Ich war an dem Tag in Friedehorst, wo ich Altenpflegerin gelernt habe. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendetwas anders war. Doch gegen Abend bekam die Oberin einen Anruf vom Roten Kreuz, sie solle Leute freistellen. Es sei eine große Sturmflut angesagt, und sie bräuchten Helfer, um Leute zu retten. Wir sind dann mit einem Pritschenwagen losgefahren, nach Warturm zwischen Neustadt und Grolland.

Holger Schleider: Gestürmt hatte es schon den ganzen Tag. Es gab Rundfunkmeldungen und mein Vater bekam einen Anruf von der Wasserschutzpolizei, in dem er auf die Schwere der Sturmflut hingewiesen wurde. Mein Vater war leitender Angestellter bei der Vegesacker Heringsfischerei, die ihr Kontor auf der Grohner Seite der Aue im Erdgeschoss des Wohnhauses von Johann Lange junior am Vegesacker Hafen hatte. Wir wohnten im ersten Stock über dem Kontor der Fischereigesellschaft. Das Wasser wurde also erwartet. Es war dunkel und das Wasser stieg Zentimeter um Zentimeter. Hochwasser war für uns aber nichts Neues. Das hatte mein Vater viele Male erlebt. Einmal, 1954, sind ihm seine Hühner ertrunken. Das war bis dahin sein schlimmstes Hochwassererlebnis. Wir hatten mit Sandsäcken und einem Schott den Hauseingang etwa einen Meter hoch verbarrikadiert. Das hatte bis dahin immer ausgereicht.

Hatten Sie Angst?

Inge Meyer: Ich hatte keine Angst, es hieß nur: ,Raus und helfen'. Als wir in den Behelfswohnheimen in Warturm ankamen, stand das Wasser kniehoch. Die Leute standen zum Teil draußen oder saßen auf den Dächern. Ich habe sie untergehakt und ihnen durchs Wasser geholfen. Wir haben sie auf Laster vom Roten Kreuz und der Bundeswehr gebracht. Die fuhren dann in eine Jugendherberge an der Stephanibrücke, die als Auffanglager genutzt wurde. Ich kam 24 Stunden nicht aus den nassen Sachen heraus.

Holger Schleider: Als Jugendlicher fand ich die Ereignisse eher interessant. Ich saß den Abend über oben auf der Flurtreppe. Mein Vater diskutierte unten noch mit einem Kollegen von der Fischereigesellschaft, der die Akten des Kontors retten wollte. Mein Vater wiegelte aber ab, es würde schon nicht so schlimm kommen, sagt er. Dann lief das Wasser durch den Briefkastenschlitz. Es war über die Barriere aus Sandsäcken gelaufen. Ich guckte aus dem Fenster und das ganze Gelände rundherum stand unter Wasser - bis zum Bahnhof hinunter - eine Wasserwüste!

Wie war die Stimmung im Allgemeinen?

Inge Meyer: Es herrschte Chaos. Es war dunkel. Wir konnten nichts sehen, alles war nass. Erst später wurden Scheinwerfer aufgestellt. Die Stimmung war schlecht. Die Leute waren sowieso schon arm dran, sie wohnten in Behelfsheimen. Sie hatten Angst, plötzlich alles zu verlieren. Eine Frau war so durcheinander, dass sie mit einem Regenschirm auf uns losgegangen ist.

Holger Schleider: Es war kein Entsetzen, es war eher ungläubiges Staunen, aber auch etwas Bedrohliches, denn das Wasser stieg unaufhaltsam Zentimeter um Zentimeter. Man konnte es nicht aufhalten und auch nicht davor weglaufen. Wir waren eingeschlossen in unserem Haus. Der Kollege meines Vaters wurde später von Helfern im Schlauchboot abgeholt und zu seiner Wohnung auf dem Fischereigelände übergesetzt. Er hatte es aufgegeben, noch etwas für die Firma retten zu wollen.

Was war für Sie der eindrucksvollste Moment?

Holger Schleider: Ich sehe noch die Berge von Papier vor mir. Es waren aufgequollene Akten aus dem Archiv der Fischereigesellschaft, die auf Lastwagen zur Deponie abgefahren wurden. Mitarbeiter der Firma hatten die Geschäftsunterlagen am nächsten Morgen aus dem Keller geholt und mit Mistforken aufgeladen.

Inge Meyer: Als ich selbst in der Jugendherberge ankam und mir trockene Kleidung anziehen konnte. Es war so kalt gewesen. Dass ich mich aufwärmen konnte und alles überstanden war. Für meinen Einsatz habe ich später vom Präsidenten des Senats, Wilhelm Kaisen, ein Buch und ein Dankesschreiben bekommen.

Das Schreiben, mit dem sich Bürgermeister Wilhelm Kaisen bei Inge Meyer für ihren Einsatz bedankte, ist mit vielen anderen Exponaten zur Sturmflut von 1962 in der Foto-Ausstellung im Schloss Schönebeck zu sehen. Die Schau ist noch bis zum 18. März zu sehen.

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