Ein Baum als stummer Zeitzeuge 250 Jahre alte Rotbuche in Lesum gefällt

In Lesum ist am Donnerstag eine 250 Jahre alte Rotbuche gefällt worden. Wegen Pilzbefalls war der Baum nicht mehr zu retten - in seinem langen Leben hat er allerdings viel miterlebt.
20.02.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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250 Jahre alte Rotbuche in Lesum gefällt
Von Nikolai Fritzsche

Zwar werden die Menschen immer älter, 250 Jahre sind auf absehbare Zeit aber nicht in Reichweite. Bei Bäumen ist eine Lebensdauer von einem Vierteljahrtausend hingegen keineswegs außergewöhnlich. Für eine Rotbuche in Lesum war am Donnerstag trotzdem Schluss. Schuld daran, wie so oft bei Buchen: Pilze.

Noch fünf Jahre, mehr hätte Klaus Blohm vom Umweltbetrieb Bremen dem Baum ohnehin nicht mehr zugetraut. Zu stark war der Befall mit Pilzen. Weil diese bereits die Hälfte der Wurzeln bis in 90 Zentimeter Tiefe zersetzt haben, wird die Buche jetzt gefällt. Beim nächsten Sturm hätte sie sonst auf den Admiral-Brommy-Weg am Ufer der Lesum stürzen können. Fußgänger, Radfahrer und andere Pflanzen wären in Gefahr gewesen.

Die Mitarbeiter des Umweltbetriebs setzten die Motorsäge ganz oben an – in der 26 Meter breiten Krone. Der Baum muss Scheibe für Scheibe abgetragen werden, sonst würde er beim Umfallen andere Bäume mitreißen oder schädigen. Vier Tage soll die Operation dauern.

Am Ende wird ein acht Meter hoher Stumpf stehen bleiben – ein Kompromiss zugunsten des Naturschutzes. Wenn schon der Baum keine Zukunft mehr hat, soll er wenigstens als Brutstätte für neues Leben dienen: Stare bauen ihre Nester gerne in Buchen.

Dass Pilze einen Riesen wie die Lesumer Rotbuche – der Umfang ihres Stammes beträgt 5,87 Meter – zu Fall bringen, ist keine Seltenheit, sagt Blohm. „Pilze lieben Buchen“, sagt Blohm. So sehr, dass auf ihrem Holz sogar Speisepilze gezüchtet werden.

Wenn Bäume sprechen könnten...
  • Als die Rotbuche das Licht der Welt erblickt, befindet Europa sich im Umbruch: Im Siebenjährigen Krieg (1756 - 1763) steigt Preußen unter König Friedrich I. zur Großmacht auf.
  • Mit 50 Jahren wird der Baum für kurze Zeit zum Franzosen: In den Jahren zwischen 1811 und 1814 ist Bremen von Napoleons Truppen besetzt.
  • Kurz nach ihrem 100. Geburtstag wird die Buche erstmals Untertan eines Kaisers: 1871 wird Wilhelm I. gekrönt.
  • Seinen 150. Geburtstag feiert der Baum während des Ersten Weltkriegs. Und wieder erhält der Staat, in dem die Buche steht, einen neuen Namen: Weimarer Republik.
  • Fünfzehn Jahre später versinkt die Buche wie der Rest des Landes im braunen Sumpf. Ein Besuch Adolf Hitlers in Lesum ist nicht überliefert – Glück gehabt, altes Holz!
  • Zum 200. Geburtstag blüht die Rotbuche noch einmal mal voll auf – dank 68er-Bewegung und Flower Power.
  • Um ein weiteres Vierteljahrhundert gealtert, erlebt die Buche den Mauerfall und die deutsche Wiedervereinigung.
  • Das Leben des Baums endet nach 250 Jahren, wo es angefangen hat: in einem Europa in unsicheren Zeiten.
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