Fotoreportage: Breaking in Bremen

30 Sekunden Freiheit

Die Hip Hop Kultur lebt in Bremen auf, besonders wenn B-Boys und B-Girls zusammenkommen um gemeinsam zu tanzen. Sie bilden einen Kreis. Ein Ort der Begegnung, an dem Freiheitsgefühle spür- und erlebbar werden.
02.06.2019, 07:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Bernd Kramer

Ein Freitagnachmittag im Funpark Kattenturm. Funk und Soul dröhnen aus den Boxen, auf dem Skateplatz steht rund ein Dutzend Menschen zusammen. Sie formen einen Kreis. Die Musik stoppt. Ganz kurz, nur für den Bruchteil einer Sekunde. Jubel brandet auf, die Musik läuft weiter. In der Mitte des Kreises tanzt Hakan Ugurlu, knapp 30 Sekunden lang. Applaus, Wechsel. Er reiht sich wieder ein. Schulterklopfer, anerkennende Blicke. Nun tanzt sich Mathias Dollner bis ins Zentrum des Kreises vor. Wieder ungefähr eine halbe Minute, wieder kurzer Applaus, erneut ein fliegender Wechsel.

Es ist Footwork Friday, eine Tanzveranstaltung unter freiem Himmel – trotz des drohenden Regens. Die Leute dort haben eine eigene Sprache: Hip Hop. Die Veranstaltung ist eine Breaking Jam, die Tänzer sind B-Boys und B-Girls. Sie kommen an diesem Tag aus Braunschweig, Berlin, Mannheim und Bremen. Gelebte Hip-Hop-Kultur in Bremen. Den Kreis nennen sie Cypher. Was bedeutet dieser Raum den Menschen, die hier sind?

„Der Kreis ist unsere Bühne“, sagt Ugurlu. Er ist 43 Jahre alt und nennt sich Khan Kid 7. Er ist ein Urgestein der Bremer Szene. 1984 spürt er zum ersten Mal, welche Faszination der Kreis in ihm auslöst: „Du siehst von Weitem nichts, weil auf dem Boden getanzt wird“, sagt er. „Aber du siehst: Da geht was.“ Vorher habe er solche Kreise nur von Schlägereien gekannt. „Menschen stehen zusammen, normalerweise liegen da Leute am Boden“, sagt Ugurlu. „Nur diesmal liegen da Leute am Boden und drehen sich dabei.“

Für die Tänzer hat der Kreis eine besondere Bedeutung. „Es soll ein schneller Austausch werden“, sagt Timo Bölte, der sich auch Tiim-Oh nennt. Er ist 32 Jahre alt, seit 20 Jahren tanzt er. Die Konstellation im Kreis verändert sich ständig. Ein B-Girl reiht sich neu in den Kreis ein, ein anderer B-Boy setzt sich abseits auf den Boden – durchatmen. Ein wenig dahinter steht Tiim-Oh an den Plattentellern und legt auf. Er ist am Knie verletzt kann heute nicht mit tanzen.

Die Wechsel im Kreis sind fließend. Die Tänzer kennen sich nicht immer. Das Kennenlernen findet im Kreis statt. Über den Tanz entsteht ein Austausch, fast wie ein Spiel: Wie bewegt sich ein Tänzer, wie geht ein anderer auf seine Schrittfolgen ein?

Mathias Dollner brachte Tiim-Oh das Tanzen bei, heute stehen sie häufig gemeinsam im Kreis. Dollner ist 42 Jahre alt und seit 1993 in der Szene. Er erzählt, was es bedeutet, wenn aus dem Austausch ein Wettkampf wird. Ein Battle, mal auf Asphalt, mal auf Parkett oder anderem Boden, bei dem die Tänzer versuchen, sich gegenseitig zu übertrumpfen. „Gewinnen oder verlieren, das ist im Endeffekt egal“, sagt er. „Hauptsache man reicht sich nachher die Hände und gibt sich gegenseitig den Respekt.“

Er tanzt seit 26 Jahren, dennoch kann er den Kreis manchmal nicht unbeschwert betreten. Entweder fühle er die Musik nicht oder die Stimmung sei nicht so funky, sagt Dollner. Auch von den Leuten hänge es ab. „Wenn halt wirklich krasse Leute am Start sind, muss ich mich überwinden.“ Man solle das nicht aus Zwang machen, sondern weil man in dem Moment Lust darauf habe.

Tiim-Oh kennt dieses Gefühl, besonders wenn er den Kreis zum ersten Mal betritt. „Man will da schon was zeigen und nicht gleich verkacken“, sagt er. Aber sobald er in der Mitte gewesen sei und einige Runden getanzt habe, werde es ihm egal. „Es ist eher mein Ziel, mich selbst zu überraschen“, sagt er. „Wenn das die anderen Leute auch noch cool finden, umso geiler.“

Nach der Überwindung beginnt das, was für sie den Kreis ausmacht: die Freiheit. „Du vergisst erst deine Probleme aus dem Alltag und danach vergisst du deine Schritte“, sagt Dollner. Irgendwann denke man im Kreis nicht mehr nach. Einfach machen, tanzen bis zur Freiheit. Ugurlu empfindet das ähnlich. „Erst, wenn man alles gezeigt hat, völlig verschwitzt und erschöpft dasteht, merkt man: Okay, da passiert was“, sagt er. „Es geht los mit der Freiheit.“

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