Asbest als Gefahr

3500 Bremer wollen Berufskrankheit wegen Asbest anerkennen lassen

3500 Bremer, die früher bei ihrer Arbeit mit Asbest zu tun hatten, haben Anträge auf Anerkennung als Berufskrankheit gestellt. Teilweise liegt die Anerkennungsquote um die 40 Prozent. Zu niedrig, so die Linken.
06.05.2019, 05:33
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
3500 Bremer wollen Berufskrankheit wegen Asbest anerkennen lassen
Von Sabine Doll
3500 Bremer wollen Berufskrankheit wegen Asbest anerkennen lassen

Viele Berufsgruppen kamen vor dem Verbot im Jahr 1993 mit Asbest in Kontakt: Beschäftigte im Schiffbau etwa, aber auch Bauarbeiter, Dachdecker, Heizungsbauer oder Automechaniker.

Kay Nietfeld/dpa

Die Flut der Anträge reißt nicht ab: Asbest ist in Deutschland zwar seit 1993 verboten, die Gefahr für Menschen, die bis dahin berufsbedingt mit Asbest zu tun hatten, ist aber längst nicht vorbei. Denn: Die Zeit bis zum Ausbruch einer asbestbedingten Erkrankung kann 30 Jahre und mehr betragen. Allein in den vergangenen zehn Jahren haben 3500 Menschen in Bremen und Bremerhaven Anträge auf eine Anerkennung als Berufskrankheit gestellt. 2018 haben die Unfallversicherer der Gesundheitsbehörde 245 Anträge gemeldet, 2009 waren es 420. Das geht aus einer Antwort des Senats gervor, die Fraktion der Linken hatte die Anfrage gestellt.

Niklas Wellmann von der Bremer Arbeitnehmerkammer berät Betroffene, die an den Folgen von Asbest leiden: „Bremen ist eine Hochburg bei der Anzahl der Erkrankungen“, sagt er. „Das liegt daran, dass die bremischen Häfen in den 1950er-Jahren der Hauptumschlagplatz für losen Asbest waren, und auf den Großwerften wurde der Werkstoff außerdem in großen Mengen verbaut." Tausende Beschäftigte seien bis zu dem Verbot über die Jahre mit dem extrem gesundheitsschädigenden und krebserregenden Stoff in Kontakt gekommen.

Erste öffentliche Beratungsstelle

Allein aufgrund dieser Größenordnung richtete Bremen 2011 die bundesweit erste öffentlich finanzierte Beratungsstelle für Berufskrankheiten ein. „In den Sprechstunden geht es meistens darum, wie die gesundheitlichen Folgen als Berufskrankheit anerkannt werden und was in die Anträge gehört. Eine medizinische Beratung können wir nicht übernehmen“, sagt Wellmann.

Mehrere Berufskrankheiten würden durch Asbest verursacht: Asbestose etwa, eine Art Staublunge. In einer zweiten Gruppe sind Lungen-, Kehlkopf- und Eierstockkrebs zusammengefasst. Dritte anerkannte Berufskrankheit ist Krebs des Rippenfells (Mesotheliom). Die Anerkennungsquoten für die jeweiligen Krankheitsgruppen unterscheiden sich allerdings teilweise deutlich: Anträge wegen Asbestose und Mesotheliom wurden laut der Senatsantwort in den Jahren 2009 bis 2017 von den Unfallversicherern in jeweils 67 und 78 Prozent der Fälle positiv beschieden – bei Lungen-, Kehlkopf- und Eierstockkrebs wurde mit 40 Prozent allerdings noch nicht einmal jeder zweite Antrag anerkannt.

Lesen Sie auch

Wellmann: „Bei Lungenkrebs ist es für die Betroffenen oft deshalb schwierig, ihre Ansprüche durchzusetzen, weil auch andere Einflüsse am Arbeitsplatz oder auch Tabakrauch als Verursacher infrage kommen könnten, so argumentieren die Unfallversicherer.“ Die Betroffenen müssten in diesem Fall eine bestimmte Konzentration von Asbestfaserstaub nachweisen, der sie über Jahre an ihrem damaligen Arbeitsplatz ausgesetzt waren. „Bei den anderen beiden Berufskrankheiten ist dieser spezielle Nachweis in der Regel nicht notwendig, da sie so gut wie eindeutig auf Asbest zurückzuführen sind“, sagt der Berater.

Laut der Senatsantwort wird die Gesundheitsbehörde auf Basis einer Vereinbarung mit den Trägern der Unfallversicherung über die Entscheidungen informiert: Primärer Ablehnungsgrund sei danach das Fehlen von medizinischen und arbeitstechnischen Voraussetzungen zur Anerkennung der Berufskrankheit – im Fall von Lungen-, Kehlkopf- und Eierstockkrebs sei das der erforderliche Nachweis der Asbestfaserstaub-Dosis an dem früheren Arbeitsplatz. Einen Einfluss auf die Entscheidung der Versicherer habe der Senat nicht.

Beweislast liegt bei Betroffenen

Die Linken-Fraktion hält die Anerkennungsquoten für viel zu niedrig: Tausende Beschäftigte in Bremen und Bremerhaven seien bis zu dem Verbot Anfang der 1990er-Jahre Asbest ausgesetzt gewesen. Auch in öffentlichen Gebäuden sei Werkstoff verbaut worden. Die Hürden zur Anerkennung von asbestbedingten Berufserkrankungen seien aber nach wie vor hoch, so die Reaktion der Fraktion auf die Senatsantwort. Deshalb gebe es immer wieder Betroffene, die zwar lange und massiv Asbest-Kontamination ausgesetzt gewesen seien, aber dennoch keine Anerkennung und die entsprechenden Leistungen der Unfallversicherung erhielten.

„Wir fordern deshalb, dass das Berufskrankheitsrecht im Sinne der Betroffenen überarbeitet wird. Entsprechende Beschlüsse haben auch die Bundesländer schon mehrfach getroffen, eine Lösung gibt es aber immer noch nicht“, sagt Fraktionschefin Kristina Vogt. Die Beweislast liege bei den Betroffenen, und die Verfahren zur Anerkennung seien häufig langwierig – für erkrankte Menschen sei das eine Zumutung.

Umgang mit Asbest hatten auch Beschäftigte in anderen Branchen, etwa im Handwerk: Fußbodenbeläge, Bauprodukte zur Abdichtung, zum Spachteln und als Feuerschutz, Textilien und Schutzkleidung, Straßenbeläge, Brems- und Kupplungsbeläge sowie Filter enthielten sehr häufig Asbest.

In der Beratungsstelle der Arbeitnehmerkammer können sich Betroffene und Angehörige informieren, wobei es beim Ausfüllen des Antrags ankommt und welche zusätzliche Unterlagen sie dafür benötigen: „Ganz wichtig ist, dass in dem Antrag der Arbeitsalltag, Arbeitsweise und der Umgang mit Gefahrenstoffen ausführlich und detailliert beschrieben werden“, sagt Wellmann. „In dem Antrag selbst ist für die detaillierten Angaben nur wenig Platz vorgesehen, und daran halten sich Antragsteller dann häufig. Das kann und sollte man auf einem oder mehreren Extra-Zetteln schildern.“

Auch heute gibt es noch Altlasten, etwa in Wohnungen und auch öffentlichen Gebäuden, in denen Asbest verbaut ist. Was schädigt, sei nicht der gebundene Asbest, sondern Fasern oder Faserstäube, die beim Verarbeiten frei werden, wie die Arbeitnehmerkammer informiert. Im unbeschädigten Zustand stellten sie kein gesundheitliches Risiko dar; würden Bauteile beschädigt, etwa durch Bohren oder Schleifen, könnten Fasern und Stäube jedoch freigesetzt werden. Laut der Senatsantwort führt die städtische Liegenschaftsverwaltung Immobilien Bremen (IB) für die von ihr zu verwaltenden öffentlichen Einrichtungen im Land ein Asbest-Kataster. Vor Beginn der Baumaßnahmen werde in der Regel eine Anfrage gestellt; für die Einhaltung der Schutzmaßnahmen bei Bauarbeiten und Sanierung sei der Bauherr verantwortlich.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+