Positionspapier der Bremer Grünen

365 Euro-Ticket stößt auf geteiltes Echo

Der Vorschlag der Bremer Grünen, das Jahresabonnement für Bus und Bahn in der Stadt auf 365 Euro zu senken, stößt bei den übrigen Bürgerschaftsfraktionen auf unterschiedliche Resonanz.
22.05.2018, 19:27
Lesedauer: 3 Min
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365 Euro-Ticket stößt auf geteiltes Echo
Von Aljoscha-Marcello Dohme

Wer Tag für Tag mit Bus und Bahn durch Bremen fährt, muss dafür jährlich rund 650 Euro berappen. Deutlich günstiger ist man in Wien unterwegs. Dort kostet ein Jahresticket 365 Euro, wenn die Summe auf einmal beglichen wird. Bei monatlicher Zahlung steigt der Preis auf rund 400 Euro im Jahr. "Für Bremen ist das Angebot derzeit nicht leistbar", sagt Heike Sprehe, verkehrspolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion. Ein solches Ticket müsse gegenfinanziert werden. Außerdem würde eine Jahresfahrkarte für 365 Euro deutlich mehr Fahrgäste bedeuten. Entsprechend müsste die BSAG mehr Fahrten anbieten, wodurch die Kosten für den ÖPNV in Bremen weiter steigen würden. "Schließlich ist neben dem Preis auch die Qualität der Angebote ausschlaggebend", sagt Sprehe.

In einem Positionspapier hatte Ralph Saxe als verkehrspolitischer Sprecher der Bremer Grünen gefordert, das Wiener Modell auf Bremen zu übertragen und in der Hansestadt ebenfalls ein Jahresabonnement für 365 Euro einzuführen (wir berichteten). "Dieses Ticket ist nur ein Baustein von vielen, um den ÖPNV in Bremen attraktiver zu gestalten", sagt Saxe. Die genaue Finanzierung des Tickets stehe noch aus. Denkbar sei beispielsweise, auf Subventionen für Dieselautos zu verzichten und stattdessen den Nahverkehr zu fördern.

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In Wien gibt es die Jahreskarte für einen Euro am Tag seit Mai 2012. "Das Ticket entstand während des Wahlkampfs und sollte eigentlich 100 Euro im Jahr kosten", berichtet Daniel Amann, Sprecher der Wiener Linien. Dieser Preis habe sich jedoch politisch nicht durchsetzen lassen und so sei als Kompromiss die Karte für 365 Euro gekommen.

"Mittlerweile gibt es in Wien mehr Jahreskarten als Autos"

Durch die preisreduzierte Jahreskarte ist nicht nur die Zahl der verkauften Abos in Wien gestiegen, sondern auch die Fahrgastzahlen insgesamt. Besaßen vorher 373.000 Wiener ein Jahresticket, waren es 2017 780.000. Die Zahl der Fahrgäste stieg von 875 Millionen auf jetzt 960 Millionen Passagiere im Jahr. "Mittlerweile gibt es in Wien mehr Jahreskarten als Autos", berichtet Amann.

Ausschließlich durch die vergünstigte Jahreskarte konnten die Wiener Linien ihre Fahrgastzahlen allerdings nicht steigern. Gleichzeitig wurde das Netz ausgebaut und die Fahrpläne verdichtet. "Wenn die nächste Haltestelle zu weit entfernt ist oder die nächste U-Bahn erst in 15 Minuten kommt, nutzen die Menschen unsere Angebote auch trotz günstiger Fahrpreise nicht", erläutert Amann. Zudem seien neue Fahrzeuge angeschafft worden, um den Komfort der Fahrgäste zu erhöhen.

Der Zuschuss der Stadt Wien habe sich durch das 365 Euro-Ticket nicht erhöht. "De facto sind die Kosten nicht gestiegen", sagt Amann. Schon vor Mai 2012 hätten die Wiener Linien 60 Prozent ihrer Kosten durch den Verkauf von Fahrkarten decken können. Daran habe sich nichts geändert. Allerdings bekäme das Verkehrsunternehmen für den Ausbau des Netzes oder die Anschaffung neuer Fahrzeuge zusätzliche Mittel von der Stadt sowie vom Bund.

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Heiko Strohmann, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, steht dem Vorstoß der Bremer Grünen kritisch gegenüber. "Die Forderung ist schräg. So lange die nötige Infrastruktur nicht vorhanden ist, brauchen wir nicht über die Attraktivität von Ticketpreisen zu diskutieren", sagt Strohmann. Einige Stadtteile, wie beispielsweise Schwachhausen, seien bereits gut an den Nahverkehr angebunden. Anders sei es etwa in Huchting. Ohne den Ausbau der Straßenbahnlinien 1 und 8 sei der Weg in die Innenstadt zu lang und zu umständlich. Nicht zu vergessen seien auch die Umlandgemeinden. Erst wenn diese Probleme gelöst seien, sei es Zeit für eine Debatte über ein vergünstigtes Jahresticket in Bremen.

Fahrscheine für Empfänger von Sozialleistungen

Als "keinen falschen Ansatz" bezeichnet Klaus-Rainer Rupp, verkehrspolitischer Sprecher der Linken, den Vorstoß der Bremer Grünen. Die Priorität der Partei liege jedoch auf einem günstigeren Sozialticket. "Ein Ticket für 365 Euro im Jahr kostet etwa 30 Euro im Monat. Das kann sich beispielsweise ein Hartz IV-Empfänger nicht leisten", kritisiert Rupp. Deshalb müsse es einen Fahrschein geben, der auch für Empfänger von Sozialleistungen nicht zu teuer sei. Denn gerade diese Menschen seien auf Bus und Bahn angewiesen. Positiv sei auch der Effekt für die Umwelt, wenn weniger Autos unterwegs sind. Um ein solches Ticket finanzieren zu können, müsse darüber nachgedacht werden, die Zuschüsse der Stadt für die BSAG zu erhöhen.

Mehrkosten für den Bremer Senat will die FDP in jedem Fall vermeiden. "Wir sind bereit, über andere Tarifmodelle zu sprechen. Das darf die Stadt aber nicht mehr kosten", sagt Magnus Buhlert, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP Bürgerschaftsfraktion. Bremens Zuschüsse an die BSAG seien sehr hoch und müssten in Zukunft gesenkt werden. Bremen könne es sich nicht leisten, eine Vorreiterrolle zu übernehmen.

Die BSAG begrüßt den Vorstoß. "Das ist eine gute Idee, um den ÖPNV nach vorne zu bringen", sagt Jens-Christian Meyer, Sprecher der BSAG. Allerdings müsse so ein Vorhaben vernünftig vorbereitet werden, indem etwa mehr Fahrzeuge angeschafft werden. Zudem müsse geregelt werden, wie das Projekt finanziert werde. Schließlich bleiben die Kosten für die BSAG dieselben.

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