Schon vier Bürgerinitiativen gegründet 3800 strikte Windkraft-Gegner

In der Wesermarsch formieren sich die Windkraftgegner. Es gibt bereits vier Bürgerinitiativen mit insgesamt 3800 Mitgliedern. Vor allem in Brake und Ovelgönne protestieren sie gegen den Bau oder die Erweiterung von Windparks.
18.08.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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3800 strikte Windkraft-Gegner
Von Barbara Wenke

„Wir sind gefrustet und haben Angst um unseren Wohnort.“ Wenn Heiko Ideler aus dem Moordorf Barghorn den Begriff Windpark hört, sträuben sich ihm die Nackenhaare. Idelers Heimatgemeinde Ovelgönne plant, im Torfabbaugebiet hinter seinem Wohnhaus einen Windpark mit acht bis zu zehn Anlagen zu genehmigen.

„Früher war es nicht möglich, hier Windkraftanlagen aufzustellen, weil hier Torf abgebaut wird“, berichtet Ideler. Im Jahr 2010 hat der Kreistag jedoch sein Regionales Raumordnungsprogramm (RROP) geändert. Der Passus über „konkrete Vorrangstandorte für die Nutzung der Windenergie“ wurde gestrichen. Den Kommunen eröffnet dies „größere Spielräume hinsichtlich der Standortsuche, Standortsicherung und Festlegung von Ausschlussflächen“ heißt es im RROP.

Einige Kommunen wollen nun von der Neuerung Gebrauch machen und zusätzliche Standorte für Windparks ausweisen. Aufgrund ihrer exponierten Lage direkt am Meer erhalte die Gemeinde Butjadingen immer wieder Anfragen, heißt es beispielsweise aus dem Bauamt der Kommune. Derzeit schaue der Gemeinderat, ob weitere Flächen für die Windenergiegewinnung zur Verfügung gestellt werden könnten. Zwei ins Auge gefasste Areale habe der Rat dabei bereits ausgeschlossen.

Größte Veränderungen in Övelgönne und Brake geplant

Ideler klagt insbesondere über fehlende Akteneinsicht. Unterstützung hat sich die Bürgerinitiative gemeinsam mit der BI Hammelwarder Moor beim Landesverband der Bürgerinitiativen Umweltschutz Niedersachsen geholt. „Es ist niemand gegen Windenergieanlagen“, versichert deren Sprecherin Cordula Rebehn. Sie sagt aber: „Die Menschen wollen hier nicht nur ihre Betten aufstellen. Die wollen auch leben.“

Deshalb würden die Bürger darum kämpfen, „informiert zu sein.“ Der Weg ihres Widerstands führte Rebehn und Mitstreiter kürzlich nach Hannover. Dort übergaben sie dem Präsidenten des Niedersächsischen Landtags, Bernd Busemann, eine Petition. Rund 3800 Bürger haben sich laut Rebehn mittlerweile zu vier Bürgerinitiativen zusammengeschlossen, „um dem in unserem Landkreis ausgebrochenen ,Windwahn’ entgegenzutreten“.

Insbesondere in der Gemeinde Ovelgönne und in der Stadt Brake gehen die Bürger auf die Barrikaden. Dort sind die größten Veränderungen geplant. Die Kreisstadt möchte in ihrem bereits bestehenden Windpark Hammelwarder Moor ein Repowering zulassen, also die vorhandenen Anlagen durch höhere und leistungsfähigere Rotoren ersetzen. Zudem möchte sie Platz für weitere Windräder schaffen.

2003 war der Windpark östlich der Grenze zur Gemeinde Ovelgönne mit fünf jeweils 100 Meter hohen Rotoren gebaut worden. Der Stadtrat habe damals zugesagt, es dauerhaft bei diesen fünf Anlagen belassen zu wollen, berichtet Cordula Rebehn. Nun seien die Zusagen plötzlich hinfällig. Nicht genug damit, dass die Kreisstadt eine Erweiterung des Parks plane. Auch die Gemeinde Ovelgönne möchte an den bestehenden Park andocken. Rund ein halbes Dutzend weiterer „Spargelstangen“ sollen auf ihrem Gebiet in den Himmel wachsen.

Undurchsichtige Methoden der Gemeinde

Cordula Rebehn spricht von undurchsichtigen Methoden der Gemeinde-, Stadt- und Kreisverwaltung. Als Bauamtsleiter der Stadt Brake habe der heutige Kreis-Baudezernent Matthias Wenholt noch vor wenigen Jahren eine Absage für ein Zielabweichungsverfahren im Hammelwarder Moor kassiert. Jetzt, in neuer Funktion, genehmige er das Verfahren. Wenholt widerspricht der Aussage energisch. Das Zielabweichungsverfahren habe sich auf einen möglichen Windpark in Golzwarderwurp bezogen, zu dem es aber „niemals einen ablehnenden Bescheid“ gegeben habe.

Am sauersten stößt es Cordula Rebehn und ihren Mitstreitern aber auf, „dass Daten nicht offen gelegt werden“. Seit Februar liege eine Anfrage beim Land Niedersachsen. Dennoch würden ihnen die geplanten Änderungen am Flächennutzungsplan nicht zugänglich gemacht.

Die Mitglieder der Bürgerinitiativen sind überzeugt, dass es keinen neuen Windparks in der Wesermarsch bedarf. Die Vorgaben der Landesplanung, Windenergie in einem Mindestumfang von 150 Megawatt zu erbringen, seien erfüllt. Diese Aussage wird durch das RROP des Landkreises gestützt. Im Abschnitt (Wind-)Energie, der von der Homepage des Landkreises heruntergeladen werden kann, steht: „Für den Planungsraum des Kreisgebietes ergeben sich (. . .) bis dato 14 Windkraftparks, die (. . .) die Vorgaben der Landesplanung (. . .) erfüllen.“ Bei den Angaben handele es sich um ein Mindestmaß, das durchaus überschritten werden dürfe, sagt Kreis-Baudezernent Wenholt.

Der Braker Stadtrat und der Ovelgönner Gemeinderat wollen deshalb weitere Flächen für die Produktion von Windenergie ausweisen. Neben der geplanten Erweiterung des Windparks Hammelwarder Moor und dem Neubau des Windparks Barghorner Moor sollen westlich der Bundesstraße 212 die Windparks Golzwarderwurp (Brake) und Frieschemoor (Ovelgönne) entstehen. Zusätzlich soll es Investoren ermöglicht werden, den bestehenden Park im Oldenbroker Feld (Gemeinde Ovelgönne) zu erweitern. In der Gemeinde Rodenkirchen gibt es keinen Widerstand gegen eine Erweiterung des Windparks Rodenkircherwurp. Er habe die Bürger von Anfang an mitgenommen, begründet Investor Dierk Dettmers.

Bauarbeiten in Lemwerder vorerst eingestellt

Weiterer Widerstand formiert sich hingegen in der Gemeinde Jade. Dort haben sich Bürger zur BI „Gegen Windpark Bollenhagen“ zusammengeschlossen. Auf Facebook bemängelt ein Mitglied eine unzureichende Umweltverträglichkeitsprüfung sowie eine mangelhafte Schallimmissionsprognose. Auch seien negative Einflüsse auf das Landschaftsbild und damit verbundene Auswirkungen auf den Tourismus zu erwarten. In Südbollenhagen wächst als Ausgleichsfläche für eine Baumaßnahme in Wilhelmshaven gerade das größte zusammenhängende Waldgebiet der Wesermarsch heran.

Mit 500 Metern sei der Abstand zur Wohnbebauung zu gering, bemängelt ein Mitglied. In anderen Bundesländern gelte die 10-H-Regel, die eine Entfernung von Wohngebäuden von mindestens der zehnfachen Höhe einer Windkraftanlage vorschreibt. Dies würde einen Abstand von zwei Kilometern nach sich ziehen, denn die neuen Anlagen sind mit Höhen von 200 Metern geplant. Windparkgegner befürchten massiven Schattenwurfs und Störungen durch eine dauerhafte Tag- und Nachtbeleuchtung.

In Lemwerder hatte es keine Bürgerinitiative gegen den Windpark an der Sannauer Helmer gegeben. Dennoch sind die Bauarbeiten vorerst eingestellt. Wie berichtet, hatte die Deutsche Flugsicherungs GmbH über das Oberverwaltungsgericht Lüneburg einen Baustopp erwirkt. Die Behörde befürchtet, dass durch die Rotorblätter die Funknavigationsanlagen im Bereich des Bremer Flughafens gestört werden, wenn mehr als die vier bereits gebauten Rotoren in Betrieb gehen.

15 Windkraftanlagen befinden sich somit noch in der Warteschleife. Gleiches gilt für 14 weitere Anlagen, die auf einer direkt angrenzenden Fläche auf Ganderkeseer Gebiet geplant sind.

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