Bremer Kirche wird Notunterkunft 40 Flüchtlinge ziehen in Versöhnungskirche

40 Menschen ziehen kommende Woche in die Versöhnungskirche in Sebaldsbrück - es ist die erste evangelische Kirche in Bremen, die als Notunterkunft für Flüchtlinge dient. Eine Turnhalle wird dafür frei.
03.03.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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40 Flüchtlinge ziehen in Versöhnungskirche
Von Frauke Fischer

40 Menschen ziehen kommende Woche in die Versöhnungskirche in Sebaldsbrück - es ist die erste evangelische Kirche in Bremen, die als Notunterkunft für Flüchtlinge dient. Eine Turnhalle wird dafür frei.

Die Bettgestelle, Tische und Stühle sind schon drin. Metallschränke werden am Mittwoch gerade hereingerollt, als Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne), die Pastoren Renke Brahms und Tilman Gansz-Ehrhorn sowie Bertold Reetz vom Verein für Innere Mission eine neue Bleibe für Flüchtlinge präsentieren. Das Besondere an dem Ort: Die Versöhnungskirche in Sebaldsbrück ist die erste evangelische Kirche in Bremen, die zur Notunterkunft für Flüchtlinge umgebaut wurde. 40 Menschen ziehen Anfang kommender Woche dort ein. Zwei Jahre, bei Bedarf auch länger, kann die Unterkunft dort bleiben.

An das Kirchengebäude ist ein Container mit Duschen und Toiletten angedockt, sodass die Bewohner gar nicht erst ins Freie müssen, um zum Container zu gelangen. Im Kirchenschiff sind sieben Wohnkabinen eingebaut worden, in denen je sechs beziehungsweise vier Erwachsene und Kinder Platz finden. Es gibt eine Küche mit Essenausgabe, eine Gemeinschaftssitzecke sowie ein Mitarbeiterbüro in der Taufkapelle. In den nächsten Monaten soll der Garten neu bepflanzt und ein Zaun gezogen werden, damit die Kinder beim Spielen nicht auf die Straße laufen. Damit es drinnen heller wird, sind zusätzliche Fenster ins Dach eingebaut, die Innenräume weiß gestrichen worden.

180.000 Euro für Um- und Rückbau

Mit Kosten von 180.000 Euro rechnet die Kirche nach eigenen Angaben für den Um- und späteren Rückbau. „Wenn es einen Überschuss geben sollte, fließt er in die Flüchtlingshilfe“, sagte Sabine Hatscher, Sprecherin der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK). Ein „moderates Nutzungsentgelt“ sowie die anfallenden Betriebskosten zahle die Stadt. Laut Sozialbehörde liegt dies deutlich unterhalb dessen, was Unterbringungen etwa in Hallen kosten.

„Es wird hier sehr familiär, und deshalb wird auch eine entsprechende Betreuung möglich sein“, sagte Bertold Reetz, Bereichsleiter Flüchtlingshilfe beim Verein für Innere Mission. Abgesehen von den 40 Menschen in der Mitte der 60er-Jahre gebauten Versöhnungskirche betreue die Innere Mission als Träger 1620 Flüchtlinge. Und zwar in zwei Containerdörfern, in zwei Übergangswohnheimen, zwei Turnhallen und an drei Zeltstandorten. Die Turnhalle an der Parsevalstraße wird nun mit dem Auszug der 40 Flüchtlinge entlastet. Sie soll bald wieder für den Sport frei werden.

Damit komme die Sozialsenatorin einem Wunsch der Sportsenatorin nach, sagte Stahmann augenzwinkernd mit dem Hinweis auf ihre Doppelfunktion. Sie freue sich, dass nach dem Einzug von Flüchtlingen in die katholische St.-Benedikt-Kirche in Woltmershausen nun auch in einem evangelischen Gotteshaus Menschen Zuflucht finden. „Das drückt aus, was in Deutschland wichtig ist: Toleranz, Respekt, unabhängig von der Religion“, sagte Anja Stahmann. Die Bereitstellung habe hohe „Symbolkraft“.

"Nächstenliebe in Wort und Tat"

Aus Sicht der Kirchenvertreter ist es wichtig, Nachbarn und Gemeindemitglieder rechtzeitig und fortlaufend zu informieren und zu begleiten. „Für viele ist es ein Abschiednehmen von einem Ort“, sagte Renke Brahms. Mitglieder seien dort getauft worden, hätten Weihnachtsgottesdienste und andere besondere Tage dort erlebt.

Nach Ansicht von Gemeindepastor Tilman Gansz-Ehrhorn ist es „Nächstenliebe in Wort und Tat“, die Flüchtlinge aufzunehmen. In Gottesdiensten und Informationsveranstaltungen habe man Nachbarn und Gemeindemitglieder über die Veränderungen informiert. Zahlreiche Mitglieder wollten sich nun engagieren. Die Gottesdienste finden derweil im Gemeindehaus statt, was ohnehin aus energetischen Gründen in den Wintermonaten der Fall sei.

Sozialbehörde sucht weitere Übergangswohnheime

Absehbar bleibt die Versöhnungskirche die einzige evangelische Kirche in Bremen, die zur Flüchtlingsunterkunft wird. Nach Prüfungen anderer Gebäude und eines Außengeländes seien Einrichtungen dort aus baulichen Gründen verworfen worden, sagte Sabine Hatscher. Möglicherweise werde aber der Kindergarten St. Georg in Huchting Flüchtlinge unterbringen. Auch seien bereits vor längerer Zeit Menschen in leer stehende Pfarrwohnungen und -häuser eingezogen, betonte Brahms, Schriftführer der BEK. Weit über 500 Mitglieder seien inzwischen ehrenamtlich in ihren Kirchengemeinden in der Flüchtlingshilfe aktiv. „Wir können die Zahlen gar nicht mehr erfassen. Dass wir eine Kirche zur Verfügung stellen, ist sicherlich ein Beitrag in der Flüchtlingshilfe, doch der größte Beitrag sind unsere Ehrenamtlichen.“

Benötigt wird die Hilfe allemal. Die Sozialbehörde suche dringend weitere Übergangswohnheime. Auch die Wohnungsvermittlung sei noch einmal intensiviert worden, sagte Stahmann. Land und Stadt Bremen bieten nach Angaben der Sozialbehörde derzeit 8300 Plätze für Flüchtlinge in Übergangswohnheimen und Notunterkünften. 2015 hat Bremen demnach 10.274 Menschen aufgenommen. Das entspreche einem Bevölkerungsanteil von 1,6 Prozent. Im Januar und Februar sind 1579 neue Flüchtlinge und Asylbewerber in Bremen gezählt worden.

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