Wohnprojekte in Bremen 40 Menschen bauen gemeinsames Haus

In Huckelriede haben 20 Parteien gemeinsam ein großes Haus in der Nähe des Werdersees gebaut: Entstanden ist das Wohnprojekt Mosaik.
10.03.2017, 20:58
Lesedauer: 5 Min
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40 Menschen bauen gemeinsames Haus
Von Sara Sundermann

In Huckelriede haben 20 Parteien gemeinsam ein großes Haus in der Nähe des Werdersees gebaut: Entstanden ist das Wohnprojekt Mosaik.

Ich hatte heute ein Aha-Erlebnis“, sagt Michael Groher. „Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben ein Kind von der Schule abgeholt.“ Der 63-Jährige lacht. Das Mädchen, das er abgeholt hat, die siebenjährige Rhona, ist nicht seine Tochter, und nicht seine Enkelin. Es ist die Tochter seiner Nachbarin Emma Bergmann. Für die 36-Jährige war es hilfreich, dass ihr Nachbar einsprang, denn die Software-Entwicklerin musste noch arbeiten, als ihre Tochter aus der Schule kam.

Michael Groher und Emma Bergmann sind zwei von 40 Leuten, die zusammen im Wohnprojekt Mosaik leben. Zusammen haben sie ein Grundstück in Huckelriede gekauft und dort ein Haus gebaut. Manche Bewohner sind im Ruhestand, die jüngste Bewohnerin des Hauses ist vor zwei Wochen geboren worden. Dass ein Bewohner die Tochter der Nachbarin abholt, ist eines der kleinen Alltagsdinge, die hier leichter möglich sein sollen als anderswo. Jemanden zum Essen einladen, für die Nachbarin mit einkaufen, sich spontan auf dem Flur zum Plausch zusammenfinden, das ist hier gewollt.

Gemeinschaftlich zu wohnen war das Ziel der Gruppe Mosaik. Die Wohnungen sind in sich abgeschlossen, doch darüber hinaus gibt es Räume, die allen offen stehen: eine zusätzliche Küche, ein Waschraum, ein Werkraum und eine große gemeinsame Dachterrasse. Das alles ist in einem modernen viergeschossigen Wohngebäude untergebracht, in dem 20 Parteien leben – von der Single-Wohnung über die WG bis zur Familie sind verschiedene Wohnformen vertreten.

Wie das Projekt entstand

Gerade tobt in einem der Gemeinschaftsräume im Erdgeschoss ein halbes Dutzend Kinder durch die Gegend. Im Raum nebenan haben sich einige erwachsene Hausbewohner zum Kaffee eingefunden und erzählen, wie alles begann. Die ersten Pioniere trafen sich 2008, bei einem Stammtisch des Netzwerks „Bauen und Leben“, das Wohnprojekt-Interessierte zusammenbringt. „Damals haben wir uns im Bürgerhaus Weserterrassen getroffen“, erinnert sich Michael Groher.

Daran kann sich auch Ulrike Sachse erinnern, die ebenfalls von Anfang an dabei ist. „Die Nachbarn im Haus kennen, Vertrauen haben und sich gegenseitig unterstützen, das habe ich mir gewünscht“, sagt die 67-Jährige. Und stellt klar: „Ich bereue es keinen Tag.“

Genau genommen fusionierten für das Wohnprojekt Mosaik sogar zwei Gruppen: Eine Gruppe mit vorwiegend Älteren und eine mit mehreren jungen Familien schlossen sich zusammen, um gemeinsam zu bauen. Ein großes Projekt und nicht leicht zu stemmen. „Wir haben vier Jahre ohne Grundstück dagestanden – und auch der Bau hat viel länger gedauert als gedacht“, sagt Michael Groher. „Man braucht schon ein bisschen Geduld.“

Bewohner treffen sich spontan

2015 rückten die Bagger an, im vergangenen Sommer sind die ersten Bewohner eingezogen. Das Grundstück ist für Groher „ein Glücksfall“: Es liegt auf dem Gelände der ehemaligen Cambrai-Kaserne, zwischen Werdersee und Huckelrieder Park. „Eine Super-Lage“, findet auch Emma Bergmann. „Von hier aus bin ich in 13 Minuten auf dem Marktplatz“, sagt Ulrike Sachse vergnügt.

Auf dem ehemaligen Militärgelände, das lange brach lag, sind in den vergangenen Jahren Reihenhäuser, Wohnungen der Gewoba, ein Quartierszentrum mit Kita und eben das Wohnprojekt Mosaik entstanden. Die Gewoba bezeichnet das Gebiet als „Huckelriedes Neue Mitte“, als neues Herzstück eines Quartiers, in dem viele Wohnungen hinzugekommen sind. Nun geht zum Beispiel der vierjährige Jonte, Sohn von Bewohnerin Andrea Warnke, in die Kita nebenan.

„Wir wollten, dass unsere Kinder auch mal einfach im Haus mit anderen spielen können“, sagt die Architektin Warnke. Und dieser Wunsch wurde erfüllt, noch ehe das Haus innen ganz fertig war: „Bei den Kindern war der gemeinsame Alltag sofort da“, sagt Andrea Warnke. „Die Flure waren noch staubig von den Bauarbeiten, da tobten die Kinder schon hindurch.“

Inzwischen sei es manchmal gar nicht so einfach, herauszufinden, wo im Haus der eigene Nachwuchs gerade unterwegs sei, sagt Emma Bergmann und lacht: „Wir brauchen einen Familien-Messenger: Wo ist mein Kind?“ Der 36-Jährigen war es wichtig, nicht nur noch mit anderen Eltern Zeit zu verbringen. „Sich einfach mal spontan mit anderen treffen“, das war ihr Wunsch.

Was das Haus nicht sein will

Trotz einer gewissen ersten Ermattung nach der zweijährigen Bauzeit und dem Einzug gab es schon verschiedene Gemeinschaftsaktionen im Haus. Sonntagmorgens bietet eine Bewohnerin Yoga an, eine Bewohnerin möchte Volkstanz-Abende im Gemeinschaftsraum organisieren. Auch ein Beamer soll für den Raum noch angeschafft werden, für gemeinsame Fußball- und Tatort-Abende.

„Es ist wie in einer Wohngemeinschaft, die Menschen sind verschieden, und wir lernen uns jetzt, wo wir zusammen wohnen, erst richtig kennen“, sagt Ulrike Sachse. Neun Bewohner haben an Heiligabend zusammen gegessen, einige Bewohner haben zusammen auf der Dachterrasse des Hauses ins neue Jahr gefeiert. „Das ist der schönste Ausblick der Stadt“, schwärmt Michael Groher.

Besprochen wurde im Vorfeld aber auch, was das Wohnprojekt nicht sein will: „Wir haben gesagt, andere Bewohner zu pflegen, das kann hier keiner leisten“, sagt Ulrike Sachse. „Aber man kann mal für die Nachbarn etwas mit einkaufen, wenn jemand krank wird.“ Auch um kurzfristig auf die Kinder aufzupassen, könne man die Nachbarn gut ansprechen, sagt Emma Bergmann. „Ich gehe dann die Bewohner durch und frage, wer mal für eine Stunde da ist.“

Finanziert wurden Haus und Grundstück durch verschiedene Töpfe: Durch Eigenkapital der Bewohner, durch Privatdarlehen von ihren Freunden und Familien und durch Bankkredite, darunter auch ein Kredit der Bremer Aufbau-Bank. Eigene Rücklagen brachten die Bewohner in unterschiedlicher Höhe mit: „Was das angeht, ist es wirklich ein Solidarprojekt“, sagt Ulrike Sachse. Mit im Boot ist auch das Freiburger Mietshäuser-Syndikat.

Haus kann nicht so einfach verkauft werden

Konkret hat die Wohnprojekt-Gruppe einen Verein gegründet, dessen Mitglieder die Bewohner sind. Dieser Verein und das Freiburger Mietshaus-Syndikat sind zwei Gesellschafter einer GmbH, der dann das Haus gehört. Dadurch ist es nicht so einfach möglich, dass das Haus irgendwann auf dem freien Markt verkauft wird, denn dafür müssten beide Gesellschafter zustimmen. Ziel ist, dass das Haus dauerhaft ein Wohnprojekt bleibt.

Über die Kontrolle des Finanzierungsplans, anstehende Bauarbeiten und die Gestaltung des gemeinsamen Gartens sprechen die Hausbewohner bei ihrer Mitgliederversammlung. Dieses Plenum ist aber nicht nur ein reines Arbeitstreffen, sondern geht mit einem großen Buffet einher, erzählen die Bewohner: Wer will, bringt etwas mit. Oft kommt dann einiges zusammen – Ulrike Sachse hat gerade einen Nusskuchen fürs Plenum gebacken.

Im Haus leben die Bewohner zur Miete, durch die Mietzahlungen werden die Kredite nach und nach mit abgetragen. Doch dass dies kein normales Mietshaus ist, sieht man schon an den breiten Fluren, die mit farbigen Böden ausgestattet sind und lebhaft genutzt werden. „Auf den Fluren ist oft etwas los, da trifft man fast immer jemanden“, sagt Emma Bergmann. „Der Gang zum Briefkasten dauert meistens etwas länger“, sagt Michael Groher und schmunzelt.

Kann man in diesem Haus auch mal seine Ruhe haben? „Ja klar“, sagt Ulrike Sachse und ergänzt: „Vor allem, wenn die Bauarbeiter weg sind.“ Derzeit ist der gemeinsame Garten noch im Entstehen. Wenn der Sommer kommt, werden die Bewohner sich sicher auch öfter draußen treffen, vor ihrem gemeinsamen Haus.

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