Tag des offenen Denkmals in Vegesack 400 Jahre maritimes Zentrum

Vegesack. Hinauf unters Dach geht’s über den neuen Treppenturm mit Fahrstuhl. Vier Stockwerke ragt der gläserne Vorbau, gestützt auf Betonpfeiler im ehemaligen Auebecken, an der Ostseite des Speichers in die Höhe. Moderne Architektur an einem historischen Bau.
13.09.2010, 09:06
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Vegesack. Hinauf unters Dach geht’s über den neuen Treppenturm mit Fahrstuhl. Vier Stockwerke ragt der gläserne Vorbau, gestützt auf Betonpfeiler im ehemaligen Auebecken, an der Ostseite des Speichers in die Höhe. Moderne Architektur an einem historischen Bau.

„Das Erstaunliche war, dass der Denkmalpfleger das mitgemacht hat“, sagt Christof Steuer. Verwunderung klingt noch heute aus seinem Mund. Vor dem seit 1997 denkmalgeschützten Hafenspeicher auf dem Haven Höövt erzählt der ehemalige Leiter des Bauamtes Bremen-Nord der Gruppe, wie „das Unvorstellbare“ möglich wurde.

Damals, vor zwei Jahren, als das Architekturbüro Feldschnieders und Kister den Wettbewerb für den Umbau des Lange-Speichers gewann. Mit einem Entwurf, der laut Steuer alle ursprünglichen Pläne über den Haufen warf. Die Architekten wagten es, am fast 200 Jahre Speicher der ehemaligen Schiffbauwerft von Johann Lange Altes mit Neuem zu verbinden. Stolz führt Steuer das Ergebnis beim Tag des offenen Denkmals vor. „Mit diesem Projekt bewirbt sich der Architekt jetzt um den Deutschen Denkmalpreis“, erfährt die Gruppe.

22 Frauen und Männer folgen Steuer an diesem Sonntag bei einem Rundgang um den Vegesacker Hafen. Die wechselvolle Geschichte von Deutschlands ältestem künstlichen Hafen und seiner Umgebung ist ein Paradebeispiel für „Kultur in Bewegung“, dem Motto zum diesjährigen Tag des offenen Denkmals. Mit Dieter Meyer-Richartz, gebürtiger Vegesacker mit Kapitänspatent und ein Kenner der maritimen Geschichte Vegesacks, lässt Steuer beim Rundgang vom Utkiek um den Hafen zum alten Speicher fast vierhundert Jahre Hafengeschichte und -wandel Revue passieren. 1619 bis 1622 als Winterquartier für Schiffe gebaut, erlebte der Hafen laut Steuer „Höhen und Tiefen“. Unter der anfänglichen Verwaltung von Haus Seefahrt blühte er auf, 1645 bis 1648 wurde das Havenhaus gebaut. Als 1671 ein privater Pächter übernahm, verfiel der Hafen. Widrige äußere Umstände taten ein übriges. „Schiffe blieben aus, weil die Weser zu wenig Wasser führte. Dazu kam, dass die Oldenburger Zoll erhoben.“

Bergauf ging’s wieder um 1800 mit der Blüte des bremischen Handels. Auf dem Hafengelände siedelte sich die Werft von Johann Lange an. „Sie baute fast zwei Dritter der bremischen Segel-Handelsschiffe.“ Ein Tiefschlag für den Vegesacker Hafen war laut Steuer die Gründung von Bremerhaven um 1825. „Das war ein schwerer Einschnitt.“ Mit der 1895 gegründeten Bremen-Vegesacker Fischereigesellschaft erlebte der Hafen noch einmal eine Blütezeit. Steuer zeigt ein historisches Foto: Hinter- und nebeneinander reihen sich die Schiffe der einst größten Loggerflotte der Welt dicht an dicht im Winterlager.

Längst werden keine Schiffe mehr im Hafen gebaut, rollen keine Kantjes genannten Heringsfässer mehr über die Kaje. Im Zuge der Vegesacker Stadtsanierung von 1975 bis 1985 und mit der Entwicklung der Werftbrache ab 1995 hat der Hafen sein Gesicht verändert. Heute können Einheimische und Touristen an der 1976 erbauten Hafenrand-Promenade und über die im Jahre 2000 eingeweihte Klapp-Brücke flanieren. Im Museumshaven lassen sich Traditionsschiffe wie die „Atlantic“ bestaunen. „Das ist das älteste fahrende Segelschiff der Welt mit einem Stahlrumpf. Kaiser Wilhelm II. besichtigte mit dem Schiff seine Flotte“, erzählt Meyer-Richartz.

Neben dem Konsumtempel Haven Höövt sind mit dem Hafenmeister- und dem Nautilushaus zwei moderne Neubauten aus dem Hause Feldschnieders und Kister entstanden. Mit dem restaurierten alten Speicher schließt sich nicht nur architektonisch der Kreis zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Als Zentrum für Yachtdesign setzt das Gebäude die maritime Tradition auf dem Hafengelände fort. Ein ab 2011 eröffnendes Werftmuseum im Speicher widmet sich dem Schiffbau gestern, heute und morgen.

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