Schulschiff Deutschland

Der Bootsmann blickt durch

Die 93 Jahre alte „Schulschiff Deutschland“ hat 1944 die letzte Reise unter Segeln unternommen. Danach war sie in Bremen ein fest vertäutes Ausbildungsschiff. 1996 wurde der Dreimaster nach Vegesack geschleppt.
18.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jürgen Hinrichs (Text ) und Christian Kosak (Fotos)
Der Bootsmann blickt durch

Ingo Müller-Fellmett in der Segelkammer auf dem Lastendeck.

Christian Kosak

Tampen von anno Tobak. Segel, Ketten, Haken und Ösen. Zwei alte Seemannskisten. Und eben alles, was auf einem Schiff mal gebraucht wurde oder immer noch gebraucht wird. Die Segelkammer auf dem Lastendeck ist gesteckt voll. Ein einziges Durcheinander, das man auch als Chaos bezeichnen könnte, wenn es Ingo Müller-Fellmett nicht gäbe, denn er steigt durch, weiß über alles Bescheid. Der Mann im roten Overall taucht auf der „Schulschiff Deutschland“ regelmäßig in die Eingeweide ab, er ist auch auf den Decks zugange, in den Messen, Kajüten, im Salon des Kapitäns. Irgendwas ist ja immer. Immer zu tun. Und gut, dass Müller-Fellmett Helfer hat.

Ein grauer, nieseliger Novembertag, an dem zwischendurch überraschend die Sonne durchkommt, nur ganz kurz, aber gleich strahlt das Schiff noch einmal anders. Der Dreimaster, 93 Jahre alt und denkmalgeschützt, ist gut in Schuss. Frische Farben, poliertes Metall, und dieser matte Glanz, wenn Holz gut behandelt wurde. Das Ergebnis von Tausenden Arbeitsstunden. „Mein Lebenskampf“, sagt Müller-Fellmett. Drei Männer wuseln um ihn herum, alle im Rentenalter, denen er eine Aufgabe zugeteilt hat: Deck schrubben, ein Klassiker. „Könnte öfter sein“, knurrt der Chef an Bord. Nur Spaß natürlich, er ist froh, dass er die Leute hat, und sie sind fleißig.

45 Jahre gehört Müller-Fellmett nun schon zur „Schulschiff Deutschland“, fast sein ganzes Arbeitsleben lang – erst die Ausbildung als Matrose bei Hapag Lloyd, und dann gleich dort geblieben, wo er einen Teil seiner Lehre absolviert hat. Der Großsegler war jahrzehntelang außerbetriebliche Seemannsschule. Als die deutschen Reeder mehr und mehr ihre Schiffe ausflaggten und das Personal für wenig Geld im Ausland rekrutierten, gab es für die Ausbildung keinen Bedarf mehr. Seit 2001 ist die „Schulschiff Deutschland“ kein Schulschiff mehr.

„Wir haben an den Wochenenden für ein Taschengeld oft ausgeholfen, Rost gekloppt und gepönt“, erzählt Müller-Fellmett von seiner Zeit als Lehrling. Seeleute streichen nicht an, sie pönen. Er hatte das damals offenbar ordentlich gemacht. „Bist ja ganz vernünftig, haben sie mir gesagt, schneid’ Dir die Haare, dann kannste anfangen.“ Haare schneiden kam für ihn nicht in Frage, er trägt sie bis heute lang, zu einem Zopf geflochten. Im Ohr steckt ein goldener Ring. Müller-Fellmett ist nicht nullachtfünfzehn – genommen haben sie ihn damals trotzdem. „Ich hatte andere Chancen und Möglichkeiten, aber das hier ist mein Ding“, sagt der 64-Jährige.

Der Kapitänssalon – "nach dem Kapitän kommt nur noch der liebe Gott", sagt der Bootsmann.

Der Kapitänssalon – "nach dem Kapitän kommt nur noch der liebe Gott", sagt der Bootsmann.

Foto: Christian Kosak

Vom Titel her ist er Schiffsbetriebsmeister, man könnte ihn genauso gut aber auch Bootsmann nennen, wie es früher üblich war. Seine Aufgaben: Die „Schulschiff Deutschland“ auf Vordermann bringen und aufpassen, dass nichts passiert, wenn Besucher an Bord sind. Seit Corona ist der Zutritt für die Öffentlichkeit allerdings gesperrt. Keine Übernachtungen, keine Empfänge oder sonstige Veranstaltungen, und getraut oder getauft wird auf dem Schiff vorerst auch niemand mehr. Als die Berufsschule noch in Betrieb war, haben die Lehrer gerne Müller-Fellmett eingespannt: „Ingo, mach mal.“ Er hat die jungen Leute in den allgemeinen Bootsdienst eingewiesen, beim Feuerschutz und der Bearbeitung von Holz und Metall. Das ist vorbei.

Umso mehr gilt das Augenmerk der „alten Dame“, wie Müller-Fellmett die „Schulschiff Deutschland“ nennt. „Sie ist das letzte Vollschiff in Deutschland, alle drei Masten sind rahgetakelt.“ Von den alten Segeln liegen noch ein oder zwei unter Deck, benutzt werden sie aber nicht mehr. Der Dreimaster schwimmt, er kann mit Schleppern auch in Bewegung gesetzt werden, zuletzt 2014, als es zur Reparatur in die Werft ging – der Wind als Antrieb fällt aber aus. Dafür wurde an Bord zu viel verändert. Im Kielraum sind viele Stellen mit Beton dichtgemacht worden. „Sonst wäre das Schiff schon lange nicht mehr da“, sagt Müller-Fellmett.

Die Schiffsglocke ist etwas angeschlagen – ungewöhnlich, denn sonst ist an Bord alles gut in Schuss.

Die Schiffsglocke ist etwas angeschlagen – ungewöhnlich, denn sonst ist an Bord alles gut in Schuss.

Foto: Christian Kosak

Der Bootsmann führt ins Allerheiligste, in den Kapitänssalon. Hier hat sich nichts verändert. Ein großer, blank gewienerter Holztisch mit Stühlen drumherum, der Ort für Besprechungen oder wenn hohe Gäste empfangen wurden. Bilder von alten Segelschiffen an der Wand. Auch eines, das einen älteren Herrn zeigt, mit mächtigem Schnurrbart und einem treuen, leicht melancholischen Blick. Friedrich August von Oldenburg war Schirmherr des Deutschen Schulschiff-Vereins. Der Großherzog adelte das Projekt, als es vor 120 Jahren in Oldenburg aus der Taufe gehoben wurde. Beteiligt hatten sich damals unter anderem die führenden deutschen Reedereien und die Senate der Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck.

Müller-Fellmett zeigt noch das Arztzimmer und führt dort ein ausklappbares Waschbecken vor. Raffinierte Technik und der reine Luxus. Die Matrosen mussten sich früher an Deck waschen. Sie schöpften das Wasser aus großen Bottichen, standen nackt da und machten alles nass, nicht nur sich selbst. Danach das Deck zu schrubben, ergab sich automatisch. Heute nicht mehr. „Könnte öfter sein“, hatte Müller-Fellmett geknurrt, als seine Rentnergang sich ans Werk machte. Nur Spaß natürlich.

Info

Zur Sache

Die wichtigsten Daten

Die „Schulschiff Deutschland“ wurde am 11. August 1927 in Dienst gestellt. Den Großsegler gebaut hat die Werft Joh. C. Tecklenborg in Geestemünde, die später zur Seebeckwerft wurde. Das Vollschiff hatte 25 Segel mit einer Gesamtfläche von 1900 Quadratmetern. Die Länge des Rumpfes beträgt über alles 86,20 Meter, die Breite liegt bei 11,90 Meter. Als Konstruktionstiefgang wird 5,20 Meter angegeben. Das Schiff hat drei Masten, die bis zu einer Höhe von 52 Metern aufragen.

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