Diebstahl auf Autozug

45 Sekunden reichen, um Lenkrad und Airbag zu stehlen

Am Landgericht Bremen ist am Mittwoch der Prozess gegen einen Angeklagten gestartet, der im großen Stil Autolenkräder und Navogationsgeräte gestohlen haben soll.
20.02.2019, 09:43
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45 Sekunden reichen, um Lenkrad und Airbag zu stehlen
Von Ralf Michel
45 Sekunden reichen, um Lenkrad und Airbag zu stehlen

Der Angeklagte will am Freitag ein Geständnis ablegen.

Ralf Michel

Bahnkilometer 111,0 in Mahndorf erfreut sich in Verbrecherkreisen großer Beliebtheit. Er gehört zur Strecke Wunstorf-Bremen, auf der regelmäßig Autotransportzüge von und nach Bremerhaven unterwegs sind. Und wenn die aus irgendeinem Grund mal warten müssen, etwa um einen anderen Zug vorbeizulassen oder weil ihr Gleis am Rangierbahnhof Walle noch besetzt ist, dann halten die Transportzüge exakt hier, bei Kilometer 111,0 auf einem Nebengleis kurz vor Mahndorf.

Das scheint sich rumgesprochen zu haben bei Dieben, die sich auf Autoteile wie Lenkräder und Airbags spezialisiert haben. Allerdings auch bei der Polizei. In deren Falle tappte im vergangenen Herbst ein 25-Jähriger aus Bremen. Seit Mittwoch steht der Mann vor dem Landgericht. Ihm werden schwerer räuberischer Diebstahl und Körperverletzung vorgeworfen.

Der Täter will ein Geständnis ablegen. Zumindest kündigte sein Verteidiger dies an. Aber erst am Freitag, dem nächsten Verhandlungstag. Trotzdem konnte das Gericht den Tathergang bereits zum Prozessauftakt weitgehend rekonstruieren. Diebstahl und Festnahme datieren vom 26. Oktober 2018. In den Tagen davor war der Polizei mehrfach ein verdächtiges Fahrzeug im Bereich des Bahnhofs Mahndorf aufgefallen, berichtete der Ermittlungsführer der Polizei als Zeuge vor Gericht. Da es zu dieser Zeit im norddeutschen Raum eine Vielzahl von Fällen gegeben hatte, bei denen Fahrzeugteile gestohlen wurden, vermutete die Polizei, dass es sich hierbei um "Aufklärungsfahrten" handeln könnte und installierte mehrere Überwachungskameras.

Erfolgreiche Falle

Gerade rechtzeitig, denn schon in der nächsten Nacht tauchte wieder ein Wagen auf, ein weißer BMW. Die Polizei kontrollierte das Fahrzeug, am Steuer saß der 25-Jährige. Da außer der vermuteten Sondierungsfahrt nichts geschehen war, konnte er weiterfahren. Und ging der Polizei eine Nacht später dann endgültig ins Netz. Die verfolgte per Videokamera live mit, wie der weiße BMW um 4.45 Uhr erneut vorfuhr. Diesmal stiegen zwei Männer aus, verschwanden etwa eineinhalb Stunden in den Gleisanlagen und verluden dann das erbeutete Diebesgut – 45 Multifunktionslenkräder samt Airbags, wie sich später zeigte.

Die aufgestellte Sperre der Polizei durchbrach der BMW allerdings rabiat, wobei zwei Polizisten verletzt wurden. Das Fahrzeug wurde kurz darauf auf dem Autobahnrastplatz Stellheide entdeckt. Die Täter waren verschwunden, ihre Beute auch. Aber die Polizei fand eine Tasche mit Werkzeugen, die man zum Ausbau von Airbags benötigt. Und sie fand in einem Seitenfach des Wagens die Krankenkassenkarte des Angeklagten, mit Foto, Namen und Adresse. Er selbst konnte kurz darauf dank eines aufmerksamen Zeugens auf der Autobahnraststelle Aarbachkate festgenommen werden. Die 45 gestohlenen Lenkräder wurden eineinhalb Monate später zufällig bei Landvermessungsarbeiten in der Nähe der Autobahnabfahrt Elsdorf gefunden.

Da der Angeklagte sich zu alldem erst am Freitag äußern wird, informierte sich das Gericht am Mittwoch ganz allgemein über den Autoteilediebstahl. Durchschnittlich 1500 Euro kostet eine Einheit Lenkrad/Airbag bei BMW, erklärte der Ermittlungsführer. Um diese auszubauen, benötige ein Dieb "wenn er gut ist" 45 Sekunden. "Nicht so Gute brauchen ein bis zwei Minuten."

Dieb vergisst Versichertenkarte

Zur vergleichsweise leichten Beute werden die Pkw, weil sie laut Polizei unverschlossen auf den Zügen transportiert werden. BMW sichere seine Wagen zwar mit einer durchgehenden Metallhülle. Doch um die für die Fahrt notwendige Flexibilität dieser Konstruktion zu sorgen, seien die Hüllen zwischen den einzelnen Waggons mit sogenannten Faltenbälgen verbunden, elastische, ziehharmonikaartige Kunststoffschläuche. Durch eben diese seien die Täter an die Autos gelangt. 13 zerschnittene Faltenbälge waren es am Ende, an jedem entstand ein Schaden in Höhe von 18 000 Euro. Den Gesamtschaden, den der Angeklagte bei der Tat am 26. Oktober verursachte, schätzt die Polizei auf 300.000 Euro.

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