Wiedersehen nach fast fünf Jahrzehnten

48 Stunden für 48 Jahre

Wie soll man in zwei Tagen bereden, was in 48 Jahren alles passiert ist? Sabine Keichel und Christel Behnke Gehlert haben sich viel vorgenommen. Die alten Freundinnen haben sich ewig nicht gesehen.
07.09.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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48 Stunden für 48 Jahre
Von Frauke Fischer
48 Stunden für 48 Jahre

Zwei, die sich verstehen: Sabine Keichel (links) und Christel Behnke Gehlert haben sich nach Jahrzehnten wiedergetroffen.

Christina Kuhaupt

Wie soll man in zwei Tagen bereden, was in 48 Jahren alles passiert ist? Sabine Keichel und Christel Behnke Gehlert haben sich viel vorgenommen. Die alten Freundinnen haben sich ewig nicht gesehen.

Wie soll man in zwei Tagen bereden, was in 48 Jahren alles passiert ist? Sabine Keichel und Christel Behnke Gehlert haben sich viel vorgenommen. Der Grund für ihren Ehrgeiz ist nachvollziehbar, die Geschichte, die dahinter steht, eine sehr lange. Sie umfasst die unterschiedlichen Lebenswege der heute 73 Jahre alten Frauen, die sich 1967 zum letzten Mal sahen, bevor sie sich aus den Augen verloren. In diesem Frühjahr aber half Keichels Sohn, die Jugendfreundin seiner Mutter wiederzufinden. Jetzt haben sich die beiden Frauen in Bremen erstmals getroffen.

„Das Internet sei gepriesen“, sagt Sabine Keichel, als sie mit Christel Behnke gemeinsam versucht, die gemeinsamen Tage in den 50er- und 60er-Jahren zu schildern, und dann jene der Jahrzehnte, in denen die Frauen getrennte Wege gingen. Eines zeichnet sich während des lebhaften Gesprächs ab: Sie sind beide viel in der Welt herumgekommen. Neben vielen „Weißt du noch...?“ voller Vertrautheit gibt es Gesprächsphasen, in denen die eine der anderen konzentriert zuhört. Der Zeitabschnitt getrennter Lebenswege ist ja deutlich länger als jene gemeinsamen Jahre voller Jungmädchenträume und Erwartungen an die Zukunft.

England, Ägypten, Kenia, Tansania, Hamburg, Berlin

Wer kann schon von sich sagen, dass er zum dritten Mal in Bremen wohnt? Sabine Keichel kommt das ohne Zögern über die Lippen. England, Ägypten, Kenia, Tansania, Hamburg, Berlin – an so vielen Orten hat sie gelebt. 1941 in Stettin geboren, verschlugen die Kriegswirren sie und ihre Familie über Umwege nach Hamburg. Dort lernte Keichel schließlich 1954 im Gymnasium die gleichaltrige Christel Behnke kennen, die waschechte Hamburgerin, die übrigens nach 53 Jahren in den USA immer noch den leicht breiten norddeutschen Zungenschlag behalten hat.

Beide gingen nach dem Gymnasium auf die Höhere Handelsschule und begannen dann, in Büros zu arbeiten. Es war die Zeit des Aufbruchs. „Damals haben sich die Firmen um die Schulabgänger gerissen“, erinnert sich Sabine Keichel. Es war also leicht, eine Stelle zu finden. Doch den beiden unternehmungslustigen Frauen, die in Hamburg so gern in die Oper gingen und mit dem Alter mogelten, um den James-Dean-Kinofilm „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ sehen zu können, wollten mehr von der Welt sehen. So gingen sie beide nach England als Au-Pair-Mädchen.

Christel Behnke traf es gut nahe London in einer Familie mit drei Söhnen, die glücklicherweise längst aus dem Windelalter heraus waren. Auch Sabine Keichel war nicht weit von London weg, zunächst in einem Herrenhaus, später in einem sogenannten Short Stay Home, einer Kurzzeitunterkunft für Kinder aus nicht funktionierenden Familien. „Ich habe morgens den Jungs die Schlipse für die Schule gebunden. Manche wollten mich heiraten“, sagt sie mit einem Schmunzeln. Die resolute Stimme, der wache Blick – das lässt auf Tatkraft schließen, mit der sie sich Ansehen verschaffte.

Noch hielten die beiden Frauen Kontakt. Doch verschiedene Lebenswege waren absehbar. Beide hatten bereits ihre zukünftigen Ehemänner kennengelernt. Christel Behnke, die nach dem England-Jahr in einer internationalen Firma in Hamburg arbeitete, arrangierte ihre Versetzung nach New York. Dort traf sie ihren Freund wieder und zog mit ihm nach Michigan, wo sie ihn drei Jahre später heiratete. Sie wurde Mutter, studierte später Linguistik und arbeitete schließlich als Deutschlehrerin, erzählt sie und gesteht: „Ich wollte schon als Teenager in die Staaten.“

„Alle um mich herum träumten von den USA, aber ich wollte nach Afrika“

Und Sabine Keichel stellte derweil die Weichen, um nach Afrika zu kommen. „Alle um mich herum träumten von den USA, aber ich wollte nach Afrika“, sagt sie. Da traf es sich gut, dass ihr Mann sich bei seiner Firma nach Ausbildung und Studium für drei Jahre für den Einsatz in einer afrikanischen Niederlassung verpflichten musste. Von Äthiopien ging es in die kenianische Hauptstadt Nairobi, später noch einmal nach Arusha in Tansania. Sabine Keichel arbeitete in der Buchhaltung, ihre Tochter kam in Afrika zur Welt. Eine spannende Zeit, an die die heute 73-Jährige gern zurückdenkt. Lieber als an die folgenden sechseinhalb Jahre in der Pfalz, wie sie eingesteht.

Der Sohn kam dort zur Welt. Dann zog die Familie für elf Jahre nach Bremen. Als der nächste Auslandseinsatz ihres Mannes für dessen Firma anstand, war das aus Sicht seiner reisefreudigen Frau ein großes Glück für die Familie. Dieses Mal – das war 1984 – ging es nach Kairo. Es sollten viele Jahre in der ägyptischen Hauptstadt werden, die Keichels ganz große Liebe geblieben ist. Sie lernte viele muslimische Familien kennen und deren große Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft schätzen. „24 Stunden am Tag ist Chaos in der Stadt, aber alles läuft“, sagt sie.

Als sie 1996 nach Bremen zog, blieb sie nur kurz. Eine Stelle bei der Deutschen Versicherungswirtschaft führte sie erst nach Hamburg, später nach Berlin, wo Sabine Keichel schließlich auch das Rentenalter erreichte. Aus privaten Gründen – die Tochter lebt hier – zog sie schließlich nach Bremen zurück. Zum dritten Mal. Dabei könnte es bleiben. Doch die Unruhe hat die kreative Frau nicht verlassen. So ließ es ihr keine Ruhe, dass sie ihre einst beste Freundin „Krille“ 1967 zuletzt gesehen hatte.

„Es ist meine Schuld gewesen, ich bin so schreibfaul“

„Es ist meine Schuld gewesen, ich bin so schreibfaul“, erklärt sie das Auseinanderdriften der einst so engen Beziehung. Und Christel Behnke nickt ernst. Das Kontakthalten war – da sind sich beide einig – aber auch viel schwieriger als heute. Ein Brief zwischen Europa und den USA, womöglich zwischen Kenia und Michigan, dauerte Wochen. Bis die Antwort kam, vergingen weitere. So versandete die Beziehung allmählich. Als Christel Behnke ein zweites Mal heiratete und nach Indiana umzog, wurde es noch schwieriger, sich wiederzufinden.

Erst in diesem Frühjahr, als ihr Sohn zu Besuch war, kam Sabine Keichel auf die entscheidende Idee: Suche im Internet. An sich eine simple Sache. „Ich hatte es nie versucht, weil ich den neuen Nachnamen gar nicht kannte“, sagte Keichel. Dass ihre Freundin unter dem Geburtsnamen ein Buch geschrieben hatte, half entscheidend. „Recollections of a Hamburger“ erinnert an die Jugend von Christa Gehlert von 1941 bis 1962 in Hamburg. Auch Sabine Keichel kommt darin vor. Für Deutsche, auch für andere Ausgewanderte, ist das Buch eine Reise zurück in die eigene Vergangenheit, in die Kindheit und Jugend in Deutschland, die von Krieg und Nachkriegszeit, von Mangel und Wiederaufbau geprägt waren. „Die Amerikaner sind sehr am Zweiten Weltkrieg und der Zeit danach interessiert“, sagt die Autorin. Ihre Lesungen mit ihrem Buch seien gut besucht.

Als Sabine Keichel per E-Mail Kontakt zum Verlag aufnahm, bekam sie innerhalb von 20 Minuten Antwort – von ihrer Freundin selbst. „Seitdem mailen wir alle paar Tage“, erzählen die beiden unternehmungslustigen Frauen. Dass sie sich nun so schnell in Bremen treffen konnten, hängt mit einer Familienfeier von Christel Behnke zusammen. Den Anlass hat sie genutzt, um einen Abstecher in die Hansestadt zu machen. 48 Stunden Zeit für 48 Jahre – die beiden Frauen geben sich redlich Mühe, sich gegenseitig aufs Laufende zu bringen. Und es ist keine letzte Gelegenheit, da sind die beiden sich sicher. „Es ist, als ob sich ein Kreis schließt“, sagt Sabine Keichel mit einem zufriedenen Blick. Es könnte aber auch der Anfang einer neuen Freundschaft werden.

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