Fünf Jahrzehnte Blocklanddeponie 50 Meter über Bremen

Einmal auf den höchsten Berg Bremens: Diese Gelegenheit nutzten am Sonntag zahlreiche Besucher des Tags der offenen Tür auf der Mülldeponie im Blockland.
25.08.2019, 19:43
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50 Meter über Bremen
Von Carolin Henkenberens

Was für Menschen aus Süddeutschland allenfalls als kleinerer Hügel durchgeht, ist Bremens höchster Berg. Gut 50 Meter hoch, am Rande des Blocklands gelegen, zwischen Autobahn 27 und Kleiner Wümme. Er bietet eine ungewohnt weite Sicht. Nach Süden hin das Stadion, die Domspitze und auch der Waller Fernsehturm. Nördlich erstreckt sich das grüne Blockland mit seinen zahlreichen Wassergräben. Unter einem: Der Müll aus fünf Jahrzehnten.

Im Oktober 1969 nahm die Blocklanddeponie ihren Betrieb auf. Zu diesem runden Geburtstag öffnete die Bremer Stadtreinigung am Sonntag den sonst nicht frei zugänglichen Berg für die Öffentlichkeit – samt fröhlichem Familienfest mit Hochseilgarten und Bühnenprogramm. Einige Bremer erklommen den Berg mit Sonnenhut und aufgespanntem Regenschirm, so heiß war es.

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Eine Ausstellung informierte über die Entwicklung der Deponie, die zu einer Zeit entstand, in der Bremens Einwohnerzahl mit mehr als 607.000 Menschen einen Höchststand erreicht hatte. „Neuer Wohlstand und Konsumfreudigkeit lassen auch die Müllmenge pro Kopf drastisch anwachsen“, heißt es auf einer Schautafel. Der Leiter der Deponie, Christian Vater, ergänzte: „1969 wurde auch noch Hausmüll hier entsorgt.“

1969 wurde in Bremen eine Müllverbrennungsanlage in Betrieb genommen. Heute landet auf der Blocklanddeponie kein Hausmüll, sondern mineralischer Abfall, sagte Vater. Der Umweltingenieur nannte Beispiele: Asche aus verbranntem Klärschlamm (etwa 20.000 Tonnen pro Jahr), die damals noch in der Landwirtschaft als Düngemittel taugte, Bauschutt, teerhaltige Straßenreste, mit Herbiziden belasteter Schotter aus Zuggleisbetten, Strahlsand oder sonstiger verunreinigter Boden. Der werde in einer Anlage biologisch behandelt, bevor er aufgeschüttet werde. Es kämen auch zerschredderte Autos auf die Deponie, sagte Vater. Aus dem Schrott würden die Metall- und Kunststoffteile aussortiert. Der feine Rest lande dann auf dem Berg.

Geruch entsteht durch benachbarte Kompostierungsanlage

Die Abfälle auf der Deponie stauben. Aus diesem Grund sind Wassersprenger im Einsatz. „Stinken war gestern“, sagte Antje von Horn, Sprecherin der Bremer Stadtreinigung. Der Geruch entstehe in der benachbarten Kompostierungsanlage, die von Nehlsen betrieben wird. In der öffentlichen Wahrnehmung werde beides aber oft als Blocklanddeponie betrachtet, meinte Vater.

Wer auf der Deponie steht, der sieht erst einmal wenig, was nach Müll aussieht. Braune Hügel dort, grauer Schotter da, weiße Steine, Nur weiter hinten sieht man Bauschutt. Eine Kloschüssel, Klinkersteine, Metallreste. Der Bauschutt werde verwendet, um gefährlichere Stoffe abzudecken, erklärte Vater.

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Und was sähe man, wenn man am grün bewachsenen Berg graben würde? In den Kern hinein? Die ersten fünf bis zehn Meter stammten wohl noch aus der Anfangszeit, schätzte Vater. Dort lagerten Sperrmüll, Kanister, Bauschutt, Plastikteile und auch Asbest. Über dieser Schicht lägen Steine, Böden, Schutt. Ist der Müllberg an einer Stelle fertig aufgetürmt, wird die Stelle mit Kunststoff und Lehm abgedichtet. Die Abdichtung ist 1,7 bis 2,7 Meter hoch, je nachdem, wie belastet der Abfall war.

Aussichtsplattform auf dem Müllberg

In Zukunft wird sich die Deponie verändern. Voraussichtlich im Jahr 2030 wird sie eine Höhe von 60 Metern erreicht haben. Dann ist Schluss. Wohin der Bremer Müll dann kommt, ist eine politische Frage. In die Breite kann die Deponie nicht mehr wachsen. In zwei Jahren soll ein Teil der Deponie dauerhaft zugänglich sein für die Allgemeinheit. Es sei eine Aussichtsplattform geplant, berichtete Christian Vater. Die bisherige Hauptzufahrtstraße zum Gipfel kommt weg, eine neue Straße außen herum wird angelegt.

„Ich habe das noch nie gesehen hier“, sagte Bettina Jacobs. Sie stapfte mit ihrer Begleitung Sven Hartmann einen Abschnitt hoch, die beiden blickten über das vor ihnen liegende Blockland. „Ich hatte eine Knie-OP und darf ohnehin nicht baden, deshalb sind wir hergekommen“, sagte Hartmann. Ein anderer Besucher, Dieter Fulfs, war zuletzt vor etwa 30 Jahren hier, sagt er. Er hat ein Wochenendhäuschen im Kleingarten hinter dem nahen Waller Feldmarksee und kennt die Deponie gut. „Das ist ein menschengemachter Berg“, meinte er. Es klang mahnend.

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