Am 31. Oktober beginnt das Jubiläumsjahr der Reformation - die Kirche in Bremen will dabei nach vorne schauen 500 Jahre nach Luther

Bremen. Martin Luther als Playmobil-Figur kostet 3,50 Euro. Das Schild steht bereits draußen vor dem Eingang des evangelischen Informationszentrums Kapitel 8 – auch wenn es noch über zwei Wochen dauert, bis das Jubiläumsjahr der Reformation beginnt.
13.10.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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500 Jahre nach Luther
Von Alice Echtermann

Bremen. Martin Luther als Playmobil-Figur kostet 3,50 Euro. Das Schild steht bereits draußen vor dem Eingang des evangelischen Informationszentrums Kapitel 8 – auch wenn es noch über zwei Wochen dauert, bis das Jubiläumsjahr der Reformation beginnt. Und obwohl es bei dem Jubiläum gar nicht so sehr um die Person Luthers gehen soll. Keine Verherrlichung, keine Folklore, verspricht Sabine Hatscher, Sprecherin der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) beim Pressegespräch am Mittwoch. Die Kirche wolle den Blick nicht in die Vergangenheit richten, sondern nach vorn, in die Gegenwart und die Zukunft.

Am 31. Oktober wird das Jubiläumsjahr mit einem Festgottesdienst in der St. Ansgarii Kirche eingeleitet. Das ganze folgende Jahr sind zahlreiche Veranstaltungen geplant, bis zum Reformationstag am 31. Oktober 2017. Exakt 500 Jahre zuvor, am 31. Oktober 1517, so heißt es, schlug der Gelehrte Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Mit seiner Kritik an der Kirche und dem Ablasshandel begann eine Revolution, die ganz Europa erfasste und zur Spaltung der Kirche führte. Auch Bremen wurde von der Reformation erreicht: Der Augustiner-Mönch Heinrich von Zütphen hielt 1522 die erste evangelische Predigt in Bremen. 1534 wurde dann die erste evangelische Kirchenordnung geschaffen.

Das Jubiläum sei ein „Weltereignis“ für Kirchen von Argentinien bis Südkorea, sagt Pastor Renke Brahms, Schriftführer der BEK. Die Reformation habe ihre Schattenseiten, denn sie habe zur Trennung der Kirchen geführt. Dennoch gebe es etwas zu feiern: Luther habe einen Glauben ohne Angst vor einem bedrückenden Gottesbild wiederentdeckt, ohne den Zwang einer Kirchenhierarchie. Die Fragen der Reformation seien daher aktuelle Fragen von Freiheit und Verantwortung.

Diese Themen wollen die Bremer Reformationsbotschafter, der ehemalige Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) und die Medienwissenschaftlerin Maria Esfandiari, nun ein Jahr lang in die Öffentlichkeit tragen. Die beiden repräsentieren die Zusammenarbeit der Kirchen: Böhrnsen ist evangelisch, Esfandiari katholisch. Die 23-Jährige engagiert sich auch in der evangelischen Studierendengemeinde (ESG). Sie tue das, weil dort der Respekt vor anderen Religionen im Vordergrund stehe, sagt sie. „Wir arbeiten international und laden generell jeden ein.“ Auf andere Religionen zuzugehen sei ihr wichtig, deshalb habe sie das Amt der Reformationsbotschafterin angenommen – obwohl es ihr zunächst etwas seltsam erschien.

Die Reformation und ihr Freiheitsverständnis sei die Wurzel der Menschenrechte, die in unserer Gesellschaft heute oft selbstverständlich erschienen, sagt Böhrnsen. „Die Reformation war eine Freiheitsbewegung.“ Das Jubiläum solle keine „innerkirchliche Veranstaltung“ sein: Alle Teile der Gesellschaft würden zum Dialog eingeladen. Es gehe um Themen wie Nächstenliebe und Solidarität, um die Verantwortung jedes Einzelnen in der Demokratie und Toleranz gegenüber anderen Religionen. „Wir wollen nicht auf Werbetour für die evangelische Kirche gehen, sondern werben für Vielfalt der religiösen Bekenntnisse“, so Böhrnsen. Dazu gehöre auch der Dialog mit Nichtgläubigen.

Die Kirche werde nicht auf Verbandsebene auf anderen Religionsgemeinschaften wie die muslimischen Gemeinden zugehen, sagt Pastor Hans-Gerhard Klatt, der Reformationsbeauftragte der BEK. Allerdings stehe noch nicht fest, welche Veranstaltungen die einzelnen Kirchengemeinden planen. Bei den Festgottesdiensten am 31. Oktober 2017 seien diese jedenfalls dazu aufgefordert, den Anlass mit einem Bürgerbrunch zu verbinden, damit alle Menschen im Stadtteil teilhaben können. Zudem verweist Klatt auf Bremens Teilnahme an dem Europäischen Stationenweg, bei dem ein „Geschichtenmobil“ vom 24. bis 26. März 2017 auf dem Bremer Marktplatz haltmachen wird. „Im aktuellen Zustand Europas ist das ein wertvolles Projekt für das europäische Gemeinschaftsgefühl“, sagt Klatt.

In Zeiten, in denen die evangelische und auch die katholische Kirche immer mehr Mitglieder verlieren – durch Austritte und den demografischen Wandel – stößt das Reformationsjubiläum auch die Frage nach dem heutigen Veränderungsbedarf der Kirche an. Im Sommer 2016 zählte die BEK 202 956 Mitglieder. Darüber hinaus gibt es auch Freikirchen, deren Mitglieder nicht in dieser Statistik auftauchen. 2015 traten 2824 Bremer aus der evangelischen Kirche aus. Die Zahl der Wiedereintritte und Taufen im selben Jahr ist insgesamt geringer – die Kirche schrumpft also. Gerade für viele junge Menschen spielt sie als Institution keine große Rolle mehr. Das bestätigt auch Maria Esfandiari: Für sie sei der Glaube ein individueller Prozess, der nicht gleichzusetzen ist mit der Mitgliedschaft in einer Kirche. Aber: „Die Kirche unterstützt einen auf diesem Weg.“ In einer globalisierten Welt könnten Kirchen ein Gemeinschaftsgefühl geben, das kein Christ allein finden könne.

Für Jens Böhrnsen kann die Kirche etwas zu der Gesellschaft beitragen, das der Staat in dieser Form nicht bietet: Werte und Orientierung, aber auch diakonische Leistungen in Kindergärten, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Das Verhältnis von Kirche und Staat in Deutschland möchte er daher nicht infrage stellen. „Ich möchte nicht, dass wir einen laizistischen Staat haben, der die Religion ins private Kämmerlein verbannt“, sagt Böhrnsen. Eine konkrete Veränderung wünscht er sich allerdings: Der Reformationstag am 31. Oktober solle auch in Bremen dauerhaft ein gesetzlicher Feiertag sein. Für das Jubiläum 2017 ist er bereits ausnahmsweise zum bundesweiten Feiertag erklärt worden – Bremen war das erste Land, das diesem Vorschlag zustimmte.

Ausgewählte Termine des Reformationsjahres 2016/2017 31. Oktober 2016, 18 Uhr: Festgottesdienst zur Eröffnung des Jubiläumsjahres, St. Ansgarii Kirche, Schwachhauser Heerstraße 40. 22. November 2016, 16 Uhr: Bremen erhält den Titel „Reformationsstadt Europas“, Rathaus Bremen. 11. März 2017, 18 Uhr: „Anne - auf dass wir klug werden“, Konzert des Anne Frank Bläser-Oratoriums im Bunker Valentin. 24. bis 26. März 2017: Das Geschichtenmobil macht auf dem Europäischen Stationenweg Halt auf dem Bremer Marktplatz. 24. März 2017, 19 Uhr: Geschichtenabend: „Deine Geschichte für Europa“, Festsaal der Bremischen Bürgerschaft 14. September 2017 bis 19. Januar 2018: „Re-FORM-ation in der christlichen Bilderwelt“, Temporäres Kunstprojekt, Kulturkirche St. Stephani 31. Oktober 2017, 10 Uhr: Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum, St. Petri Dom.
„Die Reformation war eine Freiheitsbewegung.“ Jens Böhrnsen, Reformationsbotschafter
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