Bremer Hörkino präsentiert prämiertes Radiofeature über eine Vater-Tochter Beziehung 54 Stunden Angst

Altstadt. Als freundlicher und zurückhaltender älterer Herr zeigte sich Autor Egon Koch bei der Präsentation seines Radio-Feature „Die Draufgängerin“ während der jüngsten Veranstaltung des Bremer Hörkinos im SWB-Kundencenter. Dabei gab es ausreichend Anlass zur Aufregung, denn Kochs Hörstück breitet in knapp einer Stunde Spielzeit eine Vater-Tochter Beziehung aus, die sich um ein 54-stündigen drogenbedingtes Koma der Tochter auf der Intensivstation eines Hamburger Krankenhaus rankt.
08.05.2017, 00:00
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Von Timo Thalmann

Altstadt. Als freundlicher und zurückhaltender älterer Herr zeigte sich Autor Egon Koch bei der Präsentation seines Radio-Feature „Die Draufgängerin“ während der jüngsten Veranstaltung des Bremer Hörkinos im SWB-Kundencenter. Dabei gab es ausreichend Anlass zur Aufregung, denn Kochs Hörstück breitet in knapp einer Stunde Spielzeit eine Vater-Tochter Beziehung aus, die sich um ein 54-stündigen drogenbedingtes Koma der Tochter auf der Intensivstation eines Hamburger Krankenhaus rankt. Der zweideutige Titel ist daher nicht zufällig gewählt, ebensowenig wie die beim Hören erkennbare Nähe des Autors zu seinem Sujet, denn es geht um Kochs eigene Tochter.

Die Tatsache, dass der 62-Jährige diese dramatische Zuspitzung der eigenen Familiengeschichte zum Gegenstand eins Radiostücks macht, löste nicht nur im Publikum des Bremer Hörkinos Fragen nach den Grenzen der Berichterstattung aus. Koch sah darin jedoch keine Grenzüberschreitung. Seit frühester Kindheit hatte er Gespräche mit seiner Tochter aufgezeichnet, die in dem Feature nun die Erinnerungen des Vaters an seine Tochter illustrieren, während er an ihrem Bett wacht und mit dem Schlimmsten rechnen muss. „Ich wollte ursprünglich nur ihre Sprachentwicklung dokumentieren“, erinnert sich der in Bühl geborene Journalist. Mit ihrem Eintritt in den Kindergarten hatte er das Mikrofon daher zunächst beiseitegelegt. Mit dem Beginn der Pubertät begann der Vater erneut, zahllose Gespräche mit seiner Tochter aufzuzeichnen. „Ich wollte ein Stück über das Erwachsenwerden machen“, sagt Koch. Seine Tochter habe sich unterdessen nur gefragt, wer denn so etwas hören wolle. Sie fand sich nicht so interessant. Außerdem haben sowohl Vater, als auch Tochter im Moment ihrer Interviews stets ein Stück weit von ihrer familiären Rolle identifiziert. „Wir haben auch intensive Gespräche ohne Aufzeichnung geführt“, versichert Koch. Daher empfinde eher sein Hörspiel nicht als sonderlich intim.

Das mag dem Publikum allerdings anders vorkommen, denn Koch gewährt mehr Einblicke in das Innenleben seiner Tochter, als ein Vater es gewöhnlich tut, insbesondere vor dem Hintergrund der Ereignisse: Die Trennung der Eltern, als die Tochter noch die Grundschule besucht, stellt naturgemäß ein einschneidendes Erlebnis dar. Später stirbt der neue Partner der Mutter. „Da musste ich schlagartig erwachsen werden“, hört man die Tochter dazu sagen. Ihr kam es so vor, als tauschten Mutter und Tochter die Rollen, als müsste sie sich nun um ihre Mutter kümmern. Den Ausgleich sucht die inzwischen 16-Jährige in exzessiven Partynächten, durchtanzten Wochenenden und reichlich Alkohol. Dem Vater verbleibt die Rolle des Mahners, der damit kaum mehr Einfluss auf die Tochter zu nehmen vermag.

Das lebensgefährliche Koma wird von allen Seiten schließlich als Drogenunfall deklariert. Es sei erst ihr zweites Mal gewesen, dass sie zusätzlich zum Alkohol auch Ecstasy-Pillen genommen habe, gibt die Tochter zu Protokoll. Voraus gegangen sei ein Konzert, bei dem sie reichlich Flüssigkeit verloren habe, so dass die Droge auf einen dehydrierten Körper traf. Die Unberechenbarkeit der Wirkung mache Ecstasy so tückisch und gefährlich, wissen Vater und Tochter heute. Ein über 50-stündiges, ohne neurologische Folgeschäden überlebtes Koma sei aber tendenziell ein seltenes Ereignis. „Wir hatten Glück“, sagt Koch.

In seinem 2016 mit dem „Dokka-Preis für ausgezeichnete Hördokumentation“ prämierten Feature erzählt er auch, wie es danach für ihn und seine Tochter weiterging. Sie schafft mit einigen Windungen noch das Abitur, geht mit einer Freundin auf Interrail-Tour durch Europa, findet einen festen Freund und lebt heute als Studentin in Süddeutschland. Auch ihre Emanzipation und wachsende Abgrenzung von den Eltern und ihrer scheibaren Verantwortlichkeit für deren Glück wird dabei hörbar. Es gibt also aus aktueller Sicht ein Happy-End.

In der Rückschau kann Koch auch auf Nachfrage der Zuhörer keinen Zeitpunkt erkennen, an dem er hätte etwas tun können, um seine Tochter und sich vor diesem Erlebnis zu bewahren. Von autoritärem Auftreten und Verboten verspricht er sich keinen Effekt und eine Schuldfrage stellt sich für ihn nicht. „Wir können als Eltern immer nur mahnen, müssen aber letztlich Vertrauen haben, dass unsere Kinder das Richtige tun“, meint der Hörfunkmacher. Was er aber zwangsläufig auch gut dokumentiert hat, ist der Umstand, dass der Gesprächsfaden zu seinem Kind nie abgerissen ist.

Wer das Hörspiel „Die Draufgängerin“ im Hörkino verpasst hat, kann es derzeit auch noch über die Mediathek der ARD im Internet finden.

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