Synthese in Geldnöten 70 Arbeitsplätze bei Jugendhilfeträger in Gefahr

Der Bremer Jugendhilfeträger Synthese ist wirtschaftlich schwer angeschlagen. Er schuldet der Stadt einen sechsstelligen Betrag aus Vorschüssen, die für die Betreuung von Jugendlichen gewährt wurden.
12.07.2018, 19:23
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70 Arbeitsplätze bei Jugendhilfeträger in Gefahr
Von Jürgen Theiner

Nach der Akademie Kannenberg ist ein zweiter Bremer Jugendhilfeträger in wirtschaftliche Bedrängnis geraten. Das Amtsgericht hat bei der Synthese GmbH & Co. KG einen vorläufigen Sachwalter eingesetzt, der ein sogenanntes Schutzschirmverfahren begleiten soll. Es ermöglicht eine Art Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung des betroffenen Unternehmens und kann dann zum Zuge kommen, wenn grundsätzlich Aussicht auf eine erfolgreiche Sanierung besteht.

Bei Synthese stehen gut 70 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Die Sozialpädagogen, Psychologen und anderen Fachkräfte helfen im Auftrag der Sozialbehörde Familien und Jugendlichen in schwierigen Lebenslagen. In den vergangenen Jahren betätigte sich Synthese auch in der Betreuung minderjähriger Flüchtlinge – ganz ähnlich wie die Akademie Kannenberg, deren Insolvenz 2017 Schlagzeilen gemacht hatte.

Geschäftsführer räumt Fehler ein

Die Synthese GmbH & Co. KG mit Sitz in Vegesack hat nicht das gleiche Kaliber wie Kannenberg. Doch es scheint Parallelen bei den Gründen für die Krise zu geben. Auch Synthese bekam bisher vom Sozialressort des Senats pauschalierte Vorschüsse für die Betreuung unbegleiteter jugendlicher Migranten. Üblich ist es, diese Fälle später exakt abzurechnen, wenn klar ist, welche Kosten tatsächlich angefallen sind.

Fachleute sprechen auch von "spitzer" Abrechnung. Bremen hat von Synthese aus solchen Fällen noch gut 300.000 Euro zu bekommen. Synthese-Geschäftsführer Stefan Licht räumt Fehler ein. "Unser Büro hat bei den Spitzabrechnungen nicht alles richtig gemacht, wir mussten da viel nacharbeiten", sagt der Chef, der mit seinem Jugendhilfeträger seit zehn Jahren am Markt ist.

Doch seien längst nicht alle Probleme hausgemacht. Licht kritisiert unter anderem, dass die Fallpauschalen der Sozialbehörde oft zu gering bemessen seien. "Die Stadt erwartet hochwertige Leistungen, erstattet aber nur das Notwendigste", bemängelt der Geschäftsführer. Auch habe das Haus von Senatorin Anja Stahmann (Grüne) bei therapeutischen oder pädagogischen Wohngruppen zu hohe Auslastungsquoten zugrunde gelegt.

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Auch solche Faktoren hätten Synthese finanziell zugesetzt. Licht macht Gegenforderungen seines Unternehmens an Bremen geltend. Per Saldo gehe es nicht um mehr als 300.000, sondern lediglich um gut 100.000 Euro, auf die das Sozialressort berechtigterweise Anspruch erheben könne. Nach Lichts Darstellung streitet sich Synthese mit der Verwaltung aktuell um die Frage, ob das Schutzschirmverfahren überhaupt starten kann.

Dazu bedürfe es nämlich des Einverständnisses der Behörde als größte Gläubigerin, "aber die Stadt verweigert uns die Eigenverwaltung", beklagt Licht. Die Zukunft von Synthese und der Belegschaft hänge deshalb am seidenen Faden. "Und das, obwohl wir gute Prognosen und gut zu tun haben." Der Geschäftsführer bestätigt Informationen des WESER-KURIER, wonach zwei der fünf über das Stadtgebiet verteilten stationären Einrichtungen von Synthese bereits geschlossen wurden.

Raum für Interpretationen

Es handelt sich um die Jugendwohngemeinschaften Steffensweg (Walle) und Reeder-Bischoff-Straße (Vegesack). Die etwa 15 betroffenen Jugendlichen sind dort ausgezogen und von der Sozialbehörde anderen Trägern zugewiesen worden. Von der Krise bislang unberührt sind eine Jugendwohngemeinschaft im Buntentor sowie die therapeutische Wohngemeinschaft an der Fröbelstraße in Vegesack und die intensivpädagogische Wohngruppe an der Grenzpappel in Hemelingen.

Das Verhältnis zwischen der Sozialbehörde und ihrem Vegesacker Auftragnehmer ist nicht erst seit den aktuellen Geldnöten von Synthese latent angespannt. "Ich bin da schon häufiger angeeckt", sagt Licht freimütig. Der Sprecher der Sozialbehörde Bernd Schneider bestätigt das nicht, man hört von ihm aber auch kein Dementi.

Zu Einzelheiten des Schutzschirmverfahrens will sich Schneider nicht äußern, zu den Erfolgsaussichten einer Sanierung von Synthese ebenso wenig. Steht die Stadt denn grundsätzlich zu dem Vegesacker Jugendhilfe-Dienstleister? Schneiders Antwort lässt einigen Raum für Interpretationen. "Wir haben großes Interesse an einer Trägervielfalt und am Erhalt jedes Trägers", sagt Schneider und fügt hinzu: "Sofern er überlebensfähig ist."

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