Gutachten für die Hochschule Bremen 70 Prozent brechen Studium ab

Bremen. Verschwunden. Und niemand weiß, wohin: Ein hoher Anteil von Studierenden, die sich an der Hochschule Bremen eingeschrieben haben, legt keine Abschlussprüfung ab. Dies geht aus einer Studie hervor, die der langjährige Hochschullehrer Gerhard Syben erarbeitet hat.
08.02.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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70 Prozent brechen Studium ab
Von Wigbert Gerling

Bremen. Verschwunden. Und niemand weiß, wohin: Ein hoher Anteil von Studierenden, die sich an der Hochschule Bremen eingeschrieben haben, legt keine Abschlussprüfung ab. Dies geht aus einer Studie hervor, die der langjährige Hochschullehrer Gerhard Syben erarbeitet hat. Er rät, dies nicht kommentar- und folgenlos hinzunehmen. Aus seiner Sicht sollte über eine neue Eingangsphase an der Hochschule nachgedacht werden.

Auch Rektorin Karin Luckey setzt sich für einen Ausbau der Beratung für Studienanfänger ein, wovon nicht zuletzt Studenten mit beruflicher Vorgeschichte profitieren könnten.

Unter denen, die das Examen ablegen, schneiden diejenigen, die ohne Abitur und stattdessen aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation zugelassen wurden, eher besser ab. Aber: Viele Studentinnen und Studenten erreichen erst gar nicht die Prüfung - und geraten dann aus Sicht der Hochschule ganz aus dem Blickfeld. Dies gehört zu den Ergebnissen der Studie von Professor Gerhard Syben, der Hochschullehrer für Arbeits- und Industriesoziologie sowie Berufsbildungsforscher ist. Auf der Grundlage dieser Erhebung wirbt er dafür, mit Fachschulen, Weiterbildungseinrichtungen und beruflichen Schulen die Kräfte zu bündeln, um das "Abbrecherproblem" zu lindern.

Syben hat für seine Untersuchung die Anfängerjahrgänge von 2004 bis 2006 betrachtet. Am Start waren in dieser Zeitspanne gut 4200 Studentinnen und Studenten. Die Jahrgänge von 2004 bis 2006 wurden für diese "Totalerhebung", die sämtliche Anfänger einbezieht, deshalb ausgewählt, weil diese Kommilitonen am Zeitpunkt der Erhebung im Sommersemester 2010 nach der geltenden Regelstudienzeit die Prüfung hätten abschließen können.

Nicht an der letzten Hürde angekommen

Genau das aber haben viele nicht getan. Viele kamen an der letzten Hürde der Abschlussprüfung gar nicht an. Unter 20 Prozent liegt laut Studie der Anteil der Studierenden, die ihr Examen in der Regelstudienzeit von sieben Semestern abgelegt haben. Und auch unter denen, die dann noch zwei Jahre anhängten und sich elf Semester Zeit nahmen, lag die Erfolgsquote lediglich bei rund 30 Prozent. Anders formuliert: etwa 70 Prozent verlassen die Hochschule Bremen ohne Abschlusszertifikat.

Wo sind sie geblieben? Haben sie womöglich die Stadt gewechselt, sind sie an eine andere Studieneinrichtung gegangen? Oder haben manche, die bereits vor Studienantritt beruflich auf festem Fundament gestanden hatten, eine Chance zur Rückkehr genutzt und sind wieder ins Berufsleben eingestiegen? Genaues ist nicht bekannt. Es bleibt im Dunkeln.

Stichwort Beruf. Hochschullehrer Gerhard Syben hat sich gezielt mit der Frage befasst, wie sich Studienanfänger, die ohne Abitur und ausschließlich wegen ihrer beruflichen Qualifikation zugelassen worden waren, im Vergleich zu ihren Kommilitonen mit Abiturzeugnis behauptet haben. Die Bilanz: Von den Studierenden mit Berufsqualifikation schafften ebenso viele die Abschlussprüfung wie die vormaligen Abiturienten. Mindestens. "Das Ergebnis zeigt", so heißt es in der Expertise, "dass die beruflich Qualifizierten im engeren Sinne eine Quote bestandener Prüfungen aufweisen, die sogar diejenigen der Studierenden mit allgemeiner Hochschulzugangsberechtigung leicht übertrifft." Für Gerhard Syben zeigt dies, "dass es richtig ist, Bewerber mit Berufsqualifikation vermehrt zuzulassen".

"Zielgerichteter und straffer"

Zur Erklärung wird die Einschätzung angeboten, dass die Studierenden, die vorher bereits einige Zeit im Beruf gearbeitet hatten, "zielgerichteter und straffer" lernen. Sie seien besonders engagiert bei der Sache, stellten aber bisher nur eine "verschwindende Minderheit" unter den Studierenden. In der Zeit von 2004 bis 2006 waren es 1,1 Prozent.

In der Untersuchung von Syben hat sich noch ein anderer Unterschied unter den Studentengruppen - Zugang via Abitur oder aufgrund beruflicher Qualifikation - herauskristallisiert. Ehemalige Berufstätige reagieren laut Studie anders, wenn sie merken, dass das Studium doch nicht das Richtige für sie ist. Anders als Studierende mit üblichem Hochschulzugang werden sie nicht zu Dauerstudenten. Sie gehen dann lieber. Eine Erklärung könnte es sein, dass sie, wie es in der Untersuchung heißt, "als problematisch empfundene Prüfungen nicht im Studierendenstatus vor sich herschieben". Im Zweifelsfall brächen sie dann lieber das Studium ab.

Rektorin Karin Luckey verweist darauf, dass es bereits Hilfestellungen gebe, die den Studienanfängern die Orientierung erleichterten. Gleichwohl könne das Konzept der Beratungen noch verbessert werden. Unter anderem sei es sinnvoll, den Blick dabei auch noch einmal gezielt auf die Studierenden zu richten, die über die berufliche Qualifikation an die Hochschule gekommen seien: Welche Kompetenzen bringen sie mit? Wie kann das berufliche Vorwissen künftig noch mehr berücksichtigt werden? Und wenn es unter den Gruppen der Studierenden kaum einen Unterschied im Prüfungserfolg gebe, dann sei dies auch ein Anknüpfungspunkt, wenn es um Interessenten mit beruflichem Hintergrund gehe: "Das kann Mut machen, sich weiter zu qualifizieren."

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