Erinnerungskultur

704 Stolpersteine seit 2004 in Bremen verlegt

"Erinnern für die Zukunft", der Name des Vereins ist Programm. In Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung hat er dafür gesorgt, dass 704 Stolpersteine seit 2004 in Bremen verlegt wurden.
28.12.2019, 20:15
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704 Stolpersteine seit 2004 in Bremen verlegt
Von Sigrid Schuer
704 Stolpersteine seit 2004 in Bremen verlegt

Stolpersteine in Bremen-Findorff auf der Vogelweide.

Christina Kuhaupt

Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben für das Leben die richtige Haltung“: Dieser Satz stammt vom Theologen Dietrich Bonhoeffer. Zehntklässler des Geschichtsleistungskurses zitierten dieses Credo 2016 während einer kleinen Feierstunde im Gymnasium an der Hamburger Straße, als zusätzlich zu den beiden Stolpersteinen für Lotte Rosenwald und Günther Scheige eine Gedenktafel für diese beiden Opfer des nationalsozialistischen Terrors vor dem Gymnasium enthüllt wurde.

Initiator war der ehemalige Staatsrat Hans-Christoph Hoppensack. Zwei von inzwischen 704 Stolpersteinen, die seit 2004 von Gunter Demnig, dem Initiator der Stolperstein-Idee, auch in Bremen verlegt wurden. Der Kölner Künstler und Bildhauer reiste zuletzt im November in die Hansestadt, um eine Serie von 19 weiteren Stolpersteinen in den Stadtteilen Walle, Findorff und Neustadt zu verlegen.

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Joachim Warmbold war eigens aus Tel Aviv gekommen, um an der Stolpersteinverlegung für seine Großeltern in Findorff teilzunehmen. Neben den blank geputzten, kleinen Messing-Quadern, die Gunter Demnig an der Vogelweide in Findorff im Trottoir versenkte, legte Warmbold rote Rosen nieder. Er zeigte sich sehr bewegt davon, wie viele Jugendliche und Nachbarn an der Zeremonie teilnahmen: „Ich finde es eine ausgezeichnete Art, Menschen wenigstens für ein oder zwei Sekunden darauf hinzuweisen: An diesem Ort war etwas Besonderes“. Sorgen bereiten Warmbold die zunehmenden antisemitischen Tendenzen in Deutschland. „Es gab immer Antisemitismus in Deutschland, er ist aber sicherlich offener geworden. Heute spricht man aus, was man früher hinter vorgehaltener Hand gesagt hat“, unterstrich er damals im Interview mit dem WESER-KURIER.

Die Verbrechen der Nazis und die Opfer im Gedächtnis behalten

Nicht von ungefähr hat der frühere Bau- und Verkehrssenator Joachim Lohse (Grüne) als Schirmherr des Projektes die Arbeit des Vereins Erinnern für die Zukunft immer wieder gewürdigt. Gerade in der gegenwärtigen politischen Situation sei es wichtig, die Verbrechen der Nazis und die Opfer im Gedächtnis zu behalten, so der Politiker. Den Opfern des Nationalsozialismus, die allmählich wegsterben, wird auch in der Veranstaltungsreihe rund um den 27. Januar, des Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, gedacht.

Bohnhoeffers Credo fühlt sich auch der Verein Erinnern für die Zukunft mit seinem ehrenamtlich tätigen Bremer Redaktionsteam verpflichtet, das unter Leitung der Historikerin Barbara Johr und des Sozialwissenschaftlers, Politologen und Buchhändlers Peter Christoffersen, Biografien von Bremerinnen und Bremern recherchiert, die vom Nazi-Regime diskriminiert, deportiert und ermordet wurden. Der Verein kooperiert mit der Landeszentrale für politische Bildung Bremen und dem ehrenamtlichen Initiativkreis Stolpersteine Bremen.

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Eine dieser Ehrenamtlichen ist Inka Stridde. Sie wohnt nur einen Katzensprung entfernt vom Gymnasium an der Hamburger Straße. Die pensionierte Mathematiklehrerin hat mehrere Jahre in dem Redaktionsteam mitgearbeitet und auch Artikel in dem im Bremer Sujet Verlag erschienenen dritten von bislang fünf Bänden „Stolpersteine in Bremen – Biografische Spurensuche“ publiziert. „Eine tolle und unglaublich wichtige Arbeit, die Barbara Johr in Bremen ins Leben gerufen hat“, betont Stridde, die die Geschichtslehrerin im Kollegium des Schulzentrums an der Drebberstraße in Hemelingen kennenlernte und sich mit ihr anfreundete.

Ansteckende Begeisterung

Sie ließ sich von Johrs beispielhafter Begeisterungsfähigkeit anstecken und empfand die Arbeit an den Stolperstein-Biografien als „hochspannend“. „Mich hat das Thema schon immer sehr interessiert“, fügt sie hinzu. Sie vergleicht die Recherche-Arbeit mit einem Puzzle, das sich aus verschiedenen Quellen zusammensetzt. „Barbara hat mit Leib und Seele die Hauptarbeit geleistet“, sagt die frühere Mathelehrerin.

Die Mühlen der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie konnte jeden erfassen. Oft genügten nur wenige kritische Sätze. So geriet etwa der am 16. August 1904 in Bremen geborene Robert Dorsay ins Fadenkreuz von Reichspropaganda-Minister Joseph Goebbels. Dorsays sarkastischer Brief, den er an einen Freund schrieb und der mit den Worten „Deutschland erwache“ schloss, besiegelte das Schicksal des Schauspielers, Tänzers und Sängers, der in rund 35 Filmen mit Größen wie Zarah Leander zusammenarbeitete. Der prominente Künstler wurde am 29. Oktober 1943 in Berlin-Plötzensee enthauptet. Der Stolperstein für Robert Dorsay liegt vor dem Geburtshaus des Künstlers an der Wulwesstraße 15 im Bremer Ostertor.

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Und noch ein weiteres Schicksal dürfte vielen Bremern bisher kaum bekannt gewesen sein: Das von Hermann Böse, der am Realgymnasium in Schwachhausen unterrichtete, das heute als Gymnasium nach ihm benannt ist. Seine Beliebtheit bei Schülern und im Lehrerkollegium konnte ihn nicht schützen. Der herzkranke Sozialist wurde 1942 von der Gestapo verhaftet und so schwer misshandelt, dass er drei Tage nach seiner Entlassung starb. Sein Stolperstein liegt in der Besselstraße 21.

Wer das Projekt unterstützen möchte, kann recherchieren, Patenschaften übernehmen oder Namenstafeln polieren. Näheres über das Projekt auf www.stolpersteine-bremen.de.

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