Brief vom 1. Mai 1945

Eine Bilanz des Schreckens

Der Krieg war noch nicht zu Ende, als der Kaufmann Friedrich Wilhelm Schütte seinen Kindern einen langen Brief schrieb. Der Inhalt ist bemerkenswert.
04.05.2020, 05:00
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Eine Bilanz des Schreckens
Von Frank Hethey
Eine Bilanz des Schreckens

Bei Kriegsende im Mai 1945 war Bremen schwer zerstört, gegenüber seinen Kindern übernahm der Kaufmann Friedrich Wilhelm Schütte Verantwortung.

Fast wie eine Beichte klingt, was der Bremer Kaufmann Friedrich Wilhelm Schütte seinen halbwüchsigen Kindern am 1. Mai 1945 mitzuteilen hatte. „Unsere Generation trifft ein schwerer Vorwurf“, gestand der damals 57-Jährige am Schluss seines acht Seiten langen Briefs ein. Bereits zu Kriegsbeginn hatte er den Nachwuchs in den bayrischen Alpen in Sicherheit gebracht. Nun drängte es ihn offenbar, sich eine Last von der Seele zu schreiben. „Wir hinterlassen Euch ein völlig verarmtes und vernichtetes Deutschland. Wir können nur wünschen und hoffen, dass Ihr die seelische Kraft habt, Euch durchzusetzen.“

Bei den Recherchen zum 225-jährigen Bestehen der Traditionsfirma 2017 hat sich das Briefzeugnis angefunden. „Die Zeilen, die mein Großvater anlässlich des Kriegsendes schrieb, haben mich nachdrücklich beeindruckt“, sagt Michael Schütte, einer der beiden Gesellschafter und Geschäftsführer. Persönliche Erinnerungen an den selbstkritischen Verfasser des Briefs hat er nicht, der Familienpatriarch starb drei Jahre vor seiner Geburt.

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Schütte stand noch ganz unter dem Eindruck der Eroberung Bremens, als er seine denkwürdigen Worte zu Papier brachte. Erst wenige Tage zuvor hatten britische Truppen die schwer zerstörte Stadt besetzt, nur vereinzelt war es noch zu Feuergefechten gekommen. So auch am Abend des 26. April nicht weit entfernt von Schüttes Schwachhauser Domizil an der Lüder-von-Bentheim-Straße. „In den Parteihäusern der Holler-Allee und in den Villen zwischen Stern und Franziusstrasse, sowie um den Befehlsbunker im Bürgerpark hatten sich Widerstandsnester gebildet, die nun mit Artillerie und Flammenwerfern ausgeräuchert wurden.“

Entgeistert hatte Schütte auf den viel beschworenen „Kampf bis zum letzten Atemzug“ reagiert. „Hellster Wahnsinn“, erklärte er gegenüber seinen Kindern. Aus eigener Anschauung hatte er die alliierte Übermacht an Menschen und Material in den ersten Tagen nach der Übergabe am 27. April 1945 kennengelernt, als schier endlose Fahrzeugkolonnen durch Bremen zogen. Sein Urteil ließ denn auch an Klarheit nichts zu wünschen übrig: „und dem setzen wir unsere Jugend, unseren Volkssturm mit Flinten und ein paar Panzerfäusten entgegen.“

Die Welt umrundet

Als Inhaber der bis heute existierenden Firma Joh. Gottfr. Schütte & Co. war Friedrich Wilhelm Schütte (1888-1960) ein typischer Repräsentant seiner Zeit, ein selbstbewusster, durchaus nationalbewusster Vertreter des hanseatischen Bürgertums. Bereits in jungen Jahren war Schütte viel herumgekommen, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte er die Welt umrundet. Daraus resultierte eine Weltläufigkeit, die ihm angesichts der internationalen Geschäftskontakte des vor allem auf den Teeimport spezialisierten Unternehmens gut zu Gesicht stand.

Schon zu Kaisers Zeiten war er alles andere als ein Hurra-Patriot gewesen. Schüttes Reisetagebuch enthüllt, wie besorgt er die zunehmende Kriegsgefahr verfolgte. Seine bange Frage zum Jahreswechsel 1913/14: „Wird der prophezeite, schreckliche, alle Werte vertilgende Weltkrieg wirklich eintreten?“ Auch wenn er sich das Gegenteil wünschte, ließ er keinen Zweifel an seiner Gesinnung aufkommen. Im Ernstfall hoffte er, „einer der Ersten zu sein, der seinem Vaterland dienen kann“.

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Als Artillerieoffizier bekam er dazu nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 schneller Gelegenheit, als ihm lieb sein konnte. Die Niederlage machte ihm schwer zu schaffen, nur widerstrebend fand er sich mit dem Untergang des Kaiserreichs ab. Heimlich schlich er sich aus Bremen, als sich die Spannungen um die Räterepublik zuspitzten. Als Mitglied regulärer Truppen – der Division Gerstenberg – kämpfte er im Februar 1919 mit dem Freikorps Caspari gegen die Linksradikalen.

Mit der Weimarer Republik machte Schütte seinen Frieden. Schon bald schlug er sich auf die Seite der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei (DVP), der politischen Heimat von Reichsaußenminister Gustav Stresemann. Der „nationalen Revolution“ vom Januar 1933 stand Schütte mindestens reserviert, eher ablehnend gegenüber. Seiner Tochter untersagte er, im Bund Deutscher Mädel (BDM) eine Führungsrolle zu übernehmen. Sich im Zuge der „Arisierungen“ an jüdischem Eigentum zu vergreifen, kam für ihn nicht in Betracht. Der halbjüdische Mediziner Rudolf Hess blieb auch nach seiner Entlassung als leitender Kinderarzt des Städtischen Krankenhauses ein gern gesehener Gast im Hause Schütte.

Aus rein pragmatischen Gründe

Dass sich Schütte dennoch um 1938 der NSDAP anschloss, dürfte rein pragmatische Gründe gehabt haben. Der Kaufmann fürchtete, sein Unternehmen könnte auf einer schwarzen Liste landen. „Die Zuteilung von Einfuhrkontingenten war eine Lebensfrage für meine Firma“, erklärte er im Entnazifizierungsverfahren. Die Lebensfrage stellte sich allerdings auch in anderer Weise: Im Dezember 1943 versank die Niederlassung am Breitenweg in Schutt und Asche.

Mit Ende der Kämpfe war für Schütte die Zeit gekommen, Rechenschaft abzulegen. Nicht nur über die letzten Kriegstage in Bremen, sondern auch über die eigene Verantwortung für das blutige Geschehen. Hielt er Meldungen über deutsche Gräueltaten auch für „aufgebauscht“, so hegte er doch keinen Zweifel an den Angaben eines KZ-Überlebenden. „Der Mann sah aus, trotzdem er jünger war als ich, wie ein lebender Leichnam.“ Mit sich selbst wie auch seiner Generation ging Schütte hart ins Gericht: „Nicht erwarten können wir von Euch, dass Ihr uns verzeiht, das Erbe von Vätern und Großvätern Euch nicht bewahrt und Euch übergeben zu haben.“

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