Bestandsaufnahme zum Journalismus heute

Irgendwas mit Medien

Der Journalismus steckt in einer Krise. Er wetteifert mit sozialen Netzwerken, Netflix und anderen Angeboten um Aufmerksamkeit. Aber er ist unverzichtbar und sein Geld wert, meint Silke Hellwig.
19.09.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Irgendwas mit Medien
Von Silke Hellwig
Irgendwas mit Medien

Der 19. September vor 75 Jahren war ein bedeutender Tag für die Meinungsfreiheit in Bremen. An diesem Tag erschien der WESER-KURIER zum ersten Mal. Er bestand aus vier Seiten. Seitdem hat sich die Medienwelt sehr verändert.

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Das Berufsbild von Medienschaffenden hat sich in den vergangenen Jahrzehnten fundamental verändert, wie sich auch Medien und Informationskanäle massiv gewandelt haben. Früher gab es eine ganze Reihe junger Menschen, die – wie es lästerlich hieß – „irgendwas mit Medien“ machen wollten und dazu in die Redaktionen von Verlagen und Rundfunkanstalten strömten. Heute machen einige von ihnen irgendwas mit sozialen Medien und nennen sich Influencer oder Content Creator. Einige von ihnen verdienen damit mehr Geld als ein Redakteur nach Volontariat und Studium.

Aber sein Gesicht und/oder ein Produkt in eine Kamera zu halten, ist selbstverständlich nicht das, was man einst unter irgendwas mit Medien verstand. Damit war explizit nicht gemeint, PR zu machen, sich von Firmen sponsern zu lassen, unverhohlen für sie zu werben, sich in Szene zu setzen, um letztlich vor allem zum Konsum aufzufordern – also auf diese Weise Einfluss zu nehmen. Nicht alle Instagramer sind so, freilich, aber viele, vor allem diejenigen, die ihre Soziale-Medien-Präsenz zum Beruf gemacht haben. Bevor Influencer zum Traumberuf werden konnte, war irgendwas mit Medien zum einen todschick, zum anderen mit Relevanz aufgeladen. Es galt, als kritischer Geist Skandale aufzudecken, Missstände anzuprangern, sich nicht einlullen zu lassen, von Polit- und PR-Sprech.

Inzwischen hat das Ansehen der Branche gelitten. Ihre Autorität wird untergraben. Journalisten genießen wenig Respekt, wie Ende 2019 eine von der Konrad-Adenauer Stiftung in Auftrag gegebene Umfrage zeigte. Knapp ein Drittel der Befragten maßen Journalisten „sehr viel” oder „viel” Ansehen bei. Das Wort „Lügenpresse“ hat sich in gewissen Milieus etabliert. Die Arbeit von Redakteuren wird ignoriert oder gering geschätzt.

Woran liegt es? An der Informationsflut. Die Storys und Fotos von Influencer stehen in direktem Wettbewerb mit anderen Angeboten. Die Zeit der Leser, der Zuhörer und Zuschauer kann sich nicht an das üppige Angebot anpassen. Jeder entscheidet jeden Tag, was in seiner Lebenswelt wichtig ist, was er aufnimmt, was er links liegen lässt. Etwa neun Stunden sollen sich Bundesbürger im Durchschnitt täglich mit irgendwelchen Medien beschäftigen. Das jüngste Video von „BibisBeautyPalace“ (Titel: Ich verschenke ein Auto gefüllt mit ... Emoji), der neuste Titel von Bonez MC („Fuckst mich nur ab“), die jüngste Unterhaltung bei Whatsapp, die Urlaubsfotos von Stars und Sternchen auf Instagram, die neue Serie mit Anke Engelke auf Netflix konkurrieren mit den Beiträgen von ARD und ZDF, mit Texten des „Spiegel“, der „Süddeutschen Zeitung“ und der Regionalzeitungen. Der Wettkampf ist unerbittlich. Die Reize werden überflutet. Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner spricht von einer „digitalen Vermüllung unserer Gehirne“.

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Foto: WESER-KURIER

Die Zeit vor der Arbeit, vor der Schule, vor der Vorlesung ist begrenzt, die Antworten auf die Frage: Was muss man wissen? fallen naturgemäß vollkommen unterschiedlich aus. Manchen reicht es, sich am Frühstückstisch mit der Familie zu unterhalten, bevor sich die Welt mit Macht in ihr Privatleben drängt. Andere hängen schon morgens vorm Morgenmagazin oder am Tablet und sichten die Lage der Nation. Dritte haben keinerlei Zugang zu klassische Medien. Sie informieren sich ausschließlich in den sozialen Netzwerken, vor allem aber kommunizieren sie dort. Ein Bild, ein Video, eine Information, die dort nicht gepusht, geteilt und weitergeleitet wurden, über die dort nicht geredet wird, wird keine große Bedeutung beigemessen. Der US-amerikanische Rechtswissenschaftler Tim Wu hat seinem jüngsten Buch nicht von ungefähr den Titel gegeben: „The Attention Merchants“ – die Aufmerksamkeitshändler. Untertitel: „Das epische Gerangel, um in unsere Köpfe zu gelangen“.

Aufmerksamkeitshändler, wie treffend. Der Ausdruck beschreibt die Konkurrenz um Zeit, um Interesse, um Klicks, mit der Medien heute konfrontiert werden. Tatsächlich haben es die bekannten sozialen Netzwerke geschafft, sich in die Köpfe einer ganzen Generation zu bohren. Zur Wahrheit gehört, dass es die meisten Verlagshäuser verpasst haben, sich frühzeitig darum zu bemühen und sich um einen Generationswechsel zu kümmern.

Denn das Interesse an den Inhalten und Themen in den Tageszeitungen war wie selbstverständlich immer da. Es lag in der Familientradition. Wer schon mit seinen Eltern am Frühstückstisch mitlas oder auf Artikel hingewiesen wurde, las meist selbst weiter. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete schon vor einigen Jahren: „Der Zeitungskonsum war (...) Teil des Lebensstils. Die Eltern verschwanden zum Ende des täglichen Frühstücks hinter Zeitungsseiten. Sie grunzten Zustimmung, Empörung oder drückten eine Überraschung aus: ,Hast du das gelesen?‘ ,Unglaublich!‘“

Nicht selten werden Abonnements vererbt

Nicht selten werden Abonnements vererbt. Wer nach Bremen, Verden, Lilienthal oder Achim zog, wer eine Familie gründete, wer sich in einem Verein, in einer Partei oder einer anderen Organisation zu engagieren begann, informierte sich über die regionalen Medien. Ein großer Teil der Inhalte der Tageszeitungen stößt weiterhin bei jungen Menschen auf Interesse, aber die Art, wie sie verpackt und quasi konsumiert werden, ist ihnen fremd. Noch einmal zurück zum Artikel der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ mit der Überschrift in eigener Sache: „Die Zeitung ähnelt“, heißt es da, „in einer Hinsicht der Zigarette: Man muss die Kundschaft im jungen Alter anfixen, um sie zu Gewohnheitskonsumenten zu machen. Sonst sind Hopfen und Malz verloren.“

Eine Zeitung lesen, ob auf Papier oder digital, gilt mindestens als umständlich, als smart zwar, aber auch bieder. Warum diesen Aufwand betreiben, wenn man mit dem Daumen das Smartphone oder das Tablet zum Leben erweckt und vom SV Werder selbst per Push-Nachricht informiert wird? Man hält die ganze Welt auf einem Display von etwa 15 mal sieben Zentimetern in den Händen.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ dagegen hat ein Format, von dem der Kabarettist und Schriftsteller Hanns Dieter Hüsch einmal sagte, „die ist ja so groß – wenn man die im Zug aufschlägt, muss der Nachbar immer gleich zum Zahnarzt.“ Eine Tageszeitung von Format will, auch im Internet übrigens, dass man sich in sie versenkt. Sie ist nichts für den flüchtigen Blick, für die grobe Übersicht anhand von Schlagzeilen in großen Buchstaben, nichts fürs Durchwischen eben. Sie will, dass man sich Zeit für sie nimmt, sie will gewissermaßen, dass man ihr zuhört, weil sie etwas zu sagen hat, was nicht in 140 Zeichen passt, auch nicht passen will.

Tageszeitungen sind nicht mehr, was sie mal waren – quasi der Mittelpunkt der Informationswelt. Sie haben Konkurrenz bekommen. Sie müssen sich bewegen, beispielsweise im Netz. Dort müssen sie schnell sein, aber seriös bleiben. Vor allem aber müssen sie Tag für Tag aufs Neue beweisen, was Qualitätsjournalismus vom manipulativ-gezielten oder ungefilterten Verbreiten von Informationen unterscheidet.

Wer online ziellos umherstreift, wird informiert, was auch an der dortigen Präsenz der Qualitätsmedien liegt. Doch der Auswahl der angezeigten Texte liegen Algorithmen zugrunde. Google betont, das Benutzerfreundlichkeit im Vordergrund steht. Daran entzünden sich immer wieder Zweifel. Die Auswahl der Suchergebnisse sei von wirtschaftlichen Interessen getrieben, heißt es.

In Redaktionen funktioniert die Auswahl anders. Sie richtet sich nach Relevanz, nach dem Mehrwert für die Leserinnen und Leser. Denn das wirtschaftliche Interesse, das jeder Verlag haben muss, um sich am Leben zu erhalten, liegt in erster Linie darin, Leser zu gewinnen und zu halten. Leser sind die Einnahmequelle der Verlagshäuser, und Zeitungsredaktionen sind Dienstleister im besten Sinne. Sie dienen den Kunden, sie dienen der Gesellschaft, sie dienen der Demokratie. Sie schauen hinter die Kulissen, den Mächtigen auf die Finger, sie geben denen eine Stimme, die in der Öffentlichkeit keine haben. Sie sind nicht käuflich. Diese Haltung, die Unabhängigkeit muss man sich leisten können. Qualitätsjournalismus ist unverzichtbar. Er kostet Geld. Er ist es wert.

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Am 19. September 1945 erschien die erste Ausgabe unserer Zeitung. Anlässlich des Jubiläums blicken wir zurück auf die vergangenen Jahrzehnte: Erinnern uns an die Anfänge unserer Zeitung und auch an die ein oder andere Panne. Und wir schauen nach vorn: Wie werden Künstliche Intelligenz und der Einsatz von Algorithmen den Journalismus verändern? Natürlich denken wir auch an Sie, unsere Leser und Nutzer. Wer folgt unseren Social-Media-Kanälen, wer liest unsere Zeitung? Was ist aus den Menschen geworden, über die wir in den vergangenen Jahren berichtet haben? Und wie läuft er eigentlich ab, so ein Tag beim WESER-KURIER? Hier geht es zu den Texten der Sonderveröffentlichung zum 75. Geburtstag des WESER-KURIER.

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