Pannen aus 75 Jahren WESER-KURIER

Rückblick auf Pleiten, Pech und Pannen

Schräge Bilder, falsche Namen, unmögliche Zahlen, verunglückte Fotos oder einfach mal die falsche Band abgelichtet – wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Natürlich auch in unserer Redaktion.
16.09.2020, 05:35
Lesedauer: 4 Min
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Rückblick auf Pleiten, Pech und Pannen
Von Joerg Helge Wagner

Manchmal geht etwas nicht nur ins Auge, sondern ins ganze Gesicht: jener Croissant-Krümel etwa am 27. April 2008. Für die Sonderausgabe zum 25-jährigen Bestehen des KURIER AM SONNTAG hatten Prominente die Rolle der Ressortleiter übernommen: Willi Lemke, Sabine Postel, Rudolf Hickel, Karoline Linnert, Marco Bode und andere, alle im Gruppenbild auf Seite 1 abgebildet. Beim Full-Cover, einer Art Umschlag für die Zeitung, stand auf der Titelseite appetitlich eine Tasse Kaffee samt Marmelade und angebrochenem Croissant – dessen Krümel aber leider genau den Kopf von Kulturstaatsminister Bernd Neumann verdeckte. Bremens langjähriger CDU-Vorsitzender witterte politische Absicht, was mit einer Entschuldigung entkräftet werden konnte.

Kein politisches Nachspiel hatte die Autorenzeile „von unserem Mitarbeiter Tony Blair“. Der britische Premier stand natürlich nie in unseren Diensten, dafür aber ein Redaktionssystem namens Hermes. Das präsentierte immer die Autorenzeile „von Hermann Hermes“, die man dann überschreiben musste – was beim Redigieren eines Textes unseres Londoner Korrespondenten eben einmal gründlich schief ging. Selbst die Königin blieb nicht verschont: „God shave the Queen“ zitierte ein Redakteur aus der vermeintlichen Nationalhymne. Gott rasiere die Königin – shocking!

Falsche Namen und schiefe Bilder

Ein Sportkollege erinnert sich an seinen ersten Termin für den WESER-KURIER 1993: das große Pferdesportfest in der Stadthalle. Im Interview fragte er Olympiasieger Ludger Beerbaum, was für ihn die Idealkombination Pferd/Reiter wäre? Beerbaum: Schimmel Milton und Reiter John Whitaker. Doch der Kollege ließ den ganzen Artikel lang den Sänger Roger Whitaker reiten: „Der Text hing dann noch das ganze Turnier lang an einer Pressetafel im Foyer. Und ich musste da noch drei Tage lang immer durch …“

Überhaupt: Namen! Die Todesfalle unkonzentrierter Autoren. Bei uns war schon ein Harald Schumacher Formel-1-Weltmeister, und selbst Bremer Bürgermeistern haben wir Buchstaben geklaut oder gewechselt: Im Archiv finden sich Dutzende Hans Koschniks, Jens Börnsens und Klaus Wedemeyers, nur ein Henning Schärf ist zum Glück nicht dabei. Sogar Innensenator Ulrich Mäurer wurde der Vorname entwendet: Zu „Ralf Mäurer“ taufte ihn die Online-Redaktion – wohl, weil Kollege Ralf Michel den Artikel geschrieben hatte.

Schlimm trieb man es auch in mancher Regionalredaktion: Aus der kurzsichtigen Pastorin Dietlinde Cunow wurde in einer Bildzeile „Die blinde Cunow“ – so etwas passiert, wenn man dem Korrekturprogramm blind vertraut. Das machte zudem aus den Einwohnern von Hüttenbusch „Hüttenbesucher“. Im Politikressort passiert so etwas auch: In einer Bildzeile zu Donald Trumps damaliger Beraterin Kellyanne Conway wurde 2017 aus deren Wortschöpfung „alternative Fakten“ flugs „alternative Falten“.

Und manchmal hängt einfach das Bild schief. Ein Foto von Basketball-Star Michael „Air“ Jordan betextete ein Redakteur so: „Mit 39 Jahren geht seinem Knie die Luft aus: Michael ,Air‘ Jordan.“ Damit schaffte es der Kollege 2002 sogar in den beliebt-berüchtigten „Hohlspiegel“. Nicht nur schief, sondern auf dem Kopf stand das Foto eines Ringe-Turners im Regionalsportteil: Der junge Sportler hing kopfüber, die Beine gestreckt und die Arme durchgedrückt. Ein schönes Hochformat. Die veröffentlichte Version erschien nur leider um 180 Grad gedreht: Sie zeigte den Turner mit entsprechend angespannter Miene, kerzengerade, nur leider so, dass seine Haare grundlos zu Berge standen, er grimmig auf die Ringe gestützt, an denen er in Wahrheit hing.

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Auch Fotografen greifen zuweilen haarscharf voll daneben. Christian Kosak aus Bremen-Nord erinnert sich: „Ich hatte den Auftrag, die Band „ The Comets“ in der Music Hall Worpswede an einem Freitagabend zu fotografieren. Als ich die Music Hall betrat, hörte ich schon fetzige Musik, auf der Bühne kletterte gerade der Bassist der Band an seinem Kontrabass hoch. Tolles Foto, dachte ich und fing gleich an zu fotografieren. Manchmal hat man eben auch Glück mit dem Motiv, sagte ich mir und fuhr zufrieden nach Hause. Am Sonntag erschien dann auch das Bild mit der entsprechenden Konzertkritik vom Kollegen Peter Erdmann. Leider waren es aber nicht „The Comets“ auf dem Foto, sondern eine Vorgruppe. Die Original „The Comets“ – die legendäre Begleitband von Bill Haley – hatte erst gegen 22 Uhr die Bühne betreten. Die Bandmitglieder waren alle etwa 80 Jahre alt und tourten immer noch. Niemals hätte ich gedacht, dass es sich bei der Band um das Original handeln könnte – oder das am späteren Abend noch 80-jährige Musiker auftreten und Rock ‚n‘ Roll spielen. Die Fotos gibt es leider nicht mehr: Sie wurden wohl gelöscht, damit nicht noch einmal jemand ein falsches Bild aus dem Archiv nimmt.“

Aus dem Archiv getilgt ist zum Glück auch ein Foto, das den gewaltigen Airbus-Transporter Beluga zeigt. Der Autor dieser Zeilen hatte es betextet und dabei dreist und falsch behauptet, es handele sich um eine Super Guppy – die aber stammt vom Airbus-Hauptkonkurrenten Boeing. Es hagelte wütende Leser-Zuschriften, eine war ingenieursmäßig knapp gehalten: „Weser-Kurier + Luftfahrt = natürliche Feinde!“ Nun, das wollen wir doch nicht hoffen. Immerhin hat Airbus die Super Guppy der Konkurrenz ja bis 1997 selbst eingesetzt, um große Flugzeugteile zu transportieren.

Und was ist mit Zahlen? O je, das würde wohl einen weiteren Artikel füllen. Wir haben schon den Weser-Tower auf 800 Meter Höhe aufgeblasen und die Insel Borkum auf fünfeinhalb Fußballfelder geschrumpft oder drei nagelneue U-Boote für 1,5 Millionen Euro an Israel verkauft – dabei hätte das nicht einmal für die Torpedos gereicht. Böse Absicht war es aber nie.

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Weitere Informationen

Dieser Artikel ist Teil der Sonderveröffentlichung zum 75. Geburtstag des WESER-KURIER. Am 19. September 1945 erschien die erste Ausgabe unserer Zeitung. Anlässlich des Jubiläums blicken wir zurück auf die vergangenen Jahrzehnte: Erinnern uns an die Anfänge unserer Zeitung und auch an die ein oder andere Panne. Und wir schauen nach vorn: Wie werden Künstliche Intelligenz und der Einsatz von Algorithmen den Journalismus verändern? Natürlich denken wir auch an Sie, unsere Leser und Nutzer. Wer folgt unseren Social-Media-Kanälen, wer liest unsere Zeitung? Was ist aus den Menschen geworden, über die wir in den vergangenen Jahren berichtet haben? Und wie läuft er eigentlich ab, so ein Tag beim WESER-KURIER?

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