Krankenkassen-Report 8000 Bremer dopen sich für den Job

Stress, Überlastung oder um einfach den Arbeitstag zu überstehen – dafür betreiben derzeit rund 8000 Menschen in Bremen und 75.000 Niedersachsen Hirndoping.
06.05.2015, 21:10
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8000 Bremer dopen sich für den Job
Von Sabine Doll

Stress, Überlastung oder um einfach den Arbeitstag zu überstehen – dafür betreiben derzeit rund 8000 Menschen in Bremen und 75 000 Niedersachsen Hirndoping. Sie greifen zu verschreibungspflichtigen Medikamenten, die eigentlich zur Behandlung von Depressionen, Demenz, Bluthochdruck oder dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS) verschrieben werden dürfen. Das geht aus dem Gesundheitsreport der Krankenkasse DAK vor, der am Mittwoch vorgestellt wurde.

Für die repräsentative Studie hat die Kasse bundesweit mehr als 5000 Beschäftigte zwischen 20 und 50 Jahren befragt und Arzneimitteldaten ausgewertet. Sieben Prozent der Berufstätigen in Bremen und den angrenzenden Bundesländern im Norden gaben zu, sich bereits mindestens einmal in ihrem Arbeitsleben gedopt zu haben – mit Dunkelziffer sogar 12,5 Prozent. Hochgerechnet auf das kleinste Bundesland sind das laut dem Report 52.700, in Niedersachsen bis zu 492.500 Menschen. Bundesweit waren es drei Millionen Beschäftigte (6,7 Prozent), die schon einmal Hirndoping praktiziert haben, mit Dunkelziffer fünf Millionen.

„Erschreckend und fahrlässig“

„Erschreckend und fahrlässig“, so bewertet Bernd Mühlbauer, Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie am Klinikum Bremen-Mitte, die vorgelegten Ergebnisse. Seine Kritik gilt vor allem den Bezugsquellen für die Medikamente zum Hirndoping: Mehr als 50 Prozent der Beschäftigten haben dafür laut Gesundheitsreport ein Rezept vom Arzt bekommen.

Die Zahl der Verordnungen des ADHS-Mittels Ritalin etwa hat sich dem Bericht zufolge zwischen den Jahren 2011 und 2013 verdoppelt. Zehn Prozent der Rezepte seien ohne nachvollziehbare Diagnose geblieben.

„Wenn keine Indikation vorliegt, also keine entsprechende Erkrankung, ist das aus pharmakologischer Sicht absolut nicht akzeptabel“, so Mühlbauer. Denn: Die Mittel könnten bei regelmäßigem Gebrauch teilweise schwere Nebenwirkungen auslösen. Der Wirkstoff eines Medikaments gegen Depressionen etwa könne unter anderem zu Herzrhythmusstörungen führen. Mühlbauer: „Verschreibt ein Arzt einem gesunden, nicht-depressiven Menschen ein solches Mittel, würde ich das für einen Kunstfehler halten.“

Mögliche Nebenwirkungen der anderen Wirkstoffe reichten von Mundtrockenheit über Sehstörungen, Fieber, Erhöhung des Blutdrucks bis hin zu einer Verlangsamung des Herzschlags. Zudem trete der erhoffte Nutzen höchstens bei einem Drittel der Mittel ein, so Mühlbauer. Laut des Gesundheitsreports haben sich die Befragten unter anderem eine verbesserte Gedächtnisleistung, erhöhte Wachsamkeit, Stimmungsaufhellung, Überwindung von Unsicherheit und Schüchternheit sowie den Abbau von Stress, Nervosität und Lampenfieber erhofft. Männer greifen dem Bericht zufolge eher zu leistungssteigernden Mitteln, Frauen zu Stimmungsaufhellern. Und: Entgegen der landläufigen Meinung seien es nicht primär Führungskräfte oder Kreative, die sich mit Medikamenten zu Höchstleistungen pushen wollten. Gefährdet seien vor allem Erwerbstätige mit einfachen Jobs, ein erhöhtes Risiko hätten auch Beschäftigte mit einem unsicheren Arbeitsplatz. „Hirndoping ist bei Otto Normalverbraucher angekommen, um den Arbeitsalltag zu meistern. Auch wenn Doping im Job noch kein Massenphänomen ist, sind diese Ergebnisse ein Alarmsignal“, warnt DAK-Landeschefin Regina Schulz.

Der Report erfasst auch den Krankenstand: In Bremen lag er 2014 mit 4,0 Prozent leicht unter dem Vorjahresniveau (4,1 Prozent), in Niedersachsen ist er mit 3,9 Prozent gleich geblieben. Das heißt, in beiden Bundesländern waren im Schnitt pro Tag 40 beziehungsweise 39 Beschäftigte krankgeschrieben. Im Bund lag der Krankenstand bei 3,9 Prozent. In Bremen und Niedersachsen standen an erster Stelle Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, danach folgen psychische Leiden.

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