Per Aal-Taxi an die Küste Aale auf Abwegen

Fischer helfen abwandernden Aalen, die Gefahren durch Kraftwerksrechen und -turbinen an der Weser zu umgehen. Sie fahren die Fische mit dem Lastwagen an die Küste. Niedersachsen bezahlt dafür, Bremen nicht.
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Aale auf Abwegen
Von Justus Randt

Abwandernde Weser-Aale machen auf dem Weg in ihre mehrere Tausend Kilometer entfernten Laichgebiete einen großen Bogen um Bremen – wenn sie Glück haben. Dann werden sie in Dörverden oder weiter flussaufwärts in Nienburg, Landesbergen, Hameln oder Heinsen abgefischt und per Aal-Taxi nach Hooksiel gefahren – damit ihnen beim Abstieg nicht der Untergang in einer Kraftwerksturbine droht. Für Heiligabend, spätestens für den ersten Weihnachtsfeiertag, ist die nächste Taxitour geplant.

„Brückentechnologie“ nennen die niedersächsischen Ministerien für Landwirtschaft und für Umwelt die Hilfestellung, „mit der Schädigungen abwandernder Aale durch Wasserkraftanlagen verringert werden sollen, solange die Anlagen noch nicht den erforderlichen Fischschutz gewährleisten“. Damit ist nicht nur, aber auch das Hastedter Wasserkraftwerk gemeint, dem als unterstem Kraftwerk im Weserstrom eine besondere Rolle zukommt: Alle Aale der Ober- und Mittelweser müssen Hastedt passieren, also mehr als bei jedem anderen Kraftwerk.

Experten halten Anlage für unzureichend

„Wir haben ein gemeinsames Interesse und brauchen ein gemeinsames Vorgehen“, sagt Niedersachsens Bau- und Umweltminister Olaf Lies (SPD). „Deswegen werde ich mit Senator Joachim Lohse sprechen.“ Der grüne Bremer Senator für Umwelt, Bau und Verkehr hatte sich kürzlich erst in der Deputation gegen das Aal-Taxi positioniert: Auf Anfrage des umweltpolitischen Sprechers der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Frank Imhoff, teilte er mit, er sehe das Projekt kritisch, „da dabei nur eine Fischart, die zudem noch kommerziell genutzt wird, betrachtet und begünstigt„ werde.

“Außerdem ist nicht sichergestellt, dass nur abwanderungswillige Aale gefangen und zur Nordsee transportiert werden.“ Lohses Priorität ist “die generell weitestgehende Minimierung von Schädigungen aller Fisch- und Neunaugenarten durch die planfestgestellten und im Nachgang weiter optimierten Fischschutzeinrichtungen am Weserkraftwerk Bremen.“

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Experten des Landesfischereiverbandes Bremen halten die Anlage trotz diverser Anpassungen für nicht ausreichend: „Es hat sich nichts geändert, und es gibt auch keine Informationen“, sagt Rolf Libertin, Vizevorsitzender im Verband und dort Fachmann für die Sachgebiete Fisch-, Gewässer- und Naturschutz. „Schutzeinrichtungen für abwandernde Aale gibt es nicht. Der Rechenabstand vor der Turbine ist zu groß, den Aal hält das nicht. Für die Kraftwerke gibt es keine Richtlinie, was durchgeht und was geschreddert wird. Und Fischtreppen sind Aufstiegshilfen.“

Trotz des Neubaus am rechten Flussufer gebe es Probleme, sagt Libertin. „Für viele Fische ist das alles zu klein dimensioniert. Störe werden bis zu drei Meter groß, die gibt es hier nicht mehr, die passen da nicht durch.“ Fatal für den Aal sei unterdessen, dass er dazu neige, sich beim Abwandern treiben zu lassen, vor allem dort, “wo die Strömung am stärksten ist – vor der Turbine“.

Niedersachsen muss zahlen

Imhoffs Fraktionskollege, der Hobbyangler Ralf Schwarz, wertet die Haltung Lohses als Ausflucht und hält es für „nicht okay, sich so aus dem Thema Artenschutz rauszuziehen“. Auch ein gemeinsames Vorgehen mit den Weserkraftwerksbetreibern SWB und Enercon befürwortet der Senator ausdrücklich nicht. Minister Lies unterdessen hält es „aufgrund des Verursacherprinzips“ für „erforderlich, dass sich die Wasserkraftbetreiber zeitnah fördernd in das Projekt einbringen“. Auch die Bremer. Sie und die übrigen Wasserkraftbetreiber an der Weser hatten im August ihre Teilnahme am Aal-Taxi abgesagt.

Bislang zahlt allein das Land Niedersachsen: 2018 und im vergangenen Jahr hat es eine Anschubfinanzierung gegeben, „um notwendige Investitionen in aalschonende Netze, Hälterungs- und Transportmöglichkeiten zu tätigten“. 75 000 Euro standen bereit, 17 000 Euro steuerten die Aal-Initiative und Fischer bei. Mitte Dezember, ehe die erste Aal-Taxitour der Saison startete, hatte Minister Lies das Taxi im Gespräch mit Landesfischereiverbänden und Genossenschaften gelobt: „Es ist ein tolles Projekt, das die Vereinbarkeit von Wasserkraft und Schutz der Aalpopulation ermöglicht.“ Leider reiche das vom Landtag bereitgestellte Geld nicht aus.

„Wir dachten, die Kraftwerke würden anschließend weiterzahlen, aber nichts dergleichen“, sagt Ludwig Bartmann aus Detmold, Vorsteher der elf Fischereigenossenschaften entlang der Weser. „Wir wollen mit denen ins Gespräch kommen und zusammenarbeiten. Auch die Bremer sollten ihre Entscheidung revidieren. Hauptverursacher ist die Wasserkraft, auch wenn sie in den Migromaten investiert hat.“

Dieses Frühwarnsystem registriert, wenn sich Aale auf Wanderschaft begeben, und schlägt Alarm. So kann der Öffnungswinkel der Turbinen-Laufradschaufeln rechtzeitig vergrößert werden, bevor die Aale das Kraftwerk von Statkraft in Langwedel erreichen. Mehr von ihnen überleben die Passage. Die Mortalitätsrate sinke auf zwei bis drei Prozent, haben Experten festgestellt.

Ein ewiges Rätsell

Bartmann kann von ganz anderen Zahlen bei der ersten Aal-Taxifahrt im Dezember berichten: „Bis zu 50 Prozent der Aale waren verletzt oder halb zerstückelt, das geht gar nicht. Vielleicht war der Migromat falsch eingestellt.“ Knapp 900 Kilogramm Aal seien abgefischt worden, um die Tiere per Lastwagen an die Küste zu bringen. Bei einem Durchschnittsgewicht von 700 Gramm, wie Ludwig Bartmann schätzt, seien folglich rund 650 der etwa 1300 sogenannten Blankaale umgekommen oder werden wegen ihrer Verletzungen die Laichgewässer im Golf von Mexiko nicht mehr erreichen. „Die Weser ist der einzige Fluss, der von der Quelle bis zur Mündung deutsch ist”, sagt Bartmann. “Wir sind also auf jeden Fall selbst schuld.“

Was genau den geschützten Europäischen Aal zum Wandern treibt, ist ein ewiges Rätsel. „Die Wissenschaft weiß es nicht, wir auch nicht“, sagt Carsten Brauer, Vorsitzender des niedersächsischen Landesfischereiverbandes. „Die Mondphase spielt eine Rolle, das Anschwellen des Pegels – und für die Weihnachtstage ist ein Anstieg von 50 bis 60 Zentimetern angekündigt. Ein bisschen arbeiten wir nach dem Prinzip Versuch und Irrtum.“ Wann der richtige Moment gekommen ist, wissen nur die Aale.

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