24 Stunden im smarten Haus

Abenteuer mit Alexa

Wie fühlt sich das Leben in einem smarten Haus an? Unsere Redakteurin hat es getestet und ist bei Alexa eingezogen – ein Abenteuer in 24 Stunden.
14.07.2018, 21:16
Lesedauer: 7 Min
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Abenteuer mit Alexa
Von Lisa Boekhoff
Abenteuer mit Alexa

Die Brille ermöglicht virtuelle Reisen nach New York, dabei steht WESER-KURIER-Redakteurin Lisa Boekhoff nur im Kinderzimmer einer Villa in Oldenburg.

Shirin Abedi

Gerade bin ich über New York geflogen. Mir ist dabei ein bisschen schwindelig geworden, die Aussicht aber war grandios. Manhattan! Als die Illusion vorbei war, stand ich allerdings doch nur in einem Kinderzimmer in einer Villa in Oldenburg. Die Brille, die Reisen in virtuelle Welten möglich macht, ist hier nur eine Besonderheit von vielen.

In diesem Haus wimmelt es im wahrsten Sinne des Wortes vor Technik. Es blinkt, klingt und denkt. Der Energieversorger EWE hat die Villa eingerichtet, um zu zeigen, wie smartes Wohnen heute aussehen kann. Das Projekt heißt deshalb „Zuhause2018“. Influencer und Journalisten dürfen hier probeleben. Tatsächlich sind alle Räume klug.

Im Kinderzimmer liegt ein smarter Fußball, im Schlafzimmer steht ein intelligentes Duftsystem, der Kühlschrank ist mit Kameras versehen. In der Küche gibt es eine kleine Aufzuchtstation mit Basilikumpflanzen, die mir per App sagt, wann ich sie gießen muss. Herrin über das Haus ist Alexa. Die Sprachassistentin von Amazon kann fast alles steuern. 24 Stunden verbringen wir nun miteinander.

Alexa im Badezimmer, Alexa in der Küche, Alexa in der Garage, Alexa im Schlafzimmer. Meine neue Mitbewohnerin ist einfach omnipräsent und doch fast unsichtbar. Ganz schön geballt. Werden wir in Zukunft so leben? Und wollen wir das überhaupt? Der erste Kontakt kostet Überwindung. „Alexa?“ Ich spreche in den toten Raum.

Die Box reagiert, erzeugt ein Geräusch und leuchtet in Grün und Blau. Alexas Mikrofone sind sensibel, denn sie will ja helfen, will meine Fragen beantworten. Ich allerdings spreche ihre Sprache noch gar nicht. Wie lässt sich das Licht im Wohnzimmer ausschalten? Wie schließen sich die Jalousien? Alexa, erhöre mich doch! Ich muss mich zwingen, nicht einfach die Lichtschalter zu suchen.

Unlängst scheiterte ich in unserer eigenen Wohnung an der Uhr unseres Backofens. Die ging ein paar Minuten nach. Versehentlich habe ich einen Wecker gestellt, als ich auf den Knöpfen herumdrückte. Die Zeit aber bekam ich nicht in den Griff. Nun muss ich mich trauen: Alexa kann mit dem klugen Kaffeevollautomaten kommunizieren.

"Das bleibt jetzt aber an diesem Tisch"

Nur fehlen mir die Vokabeln, um den Cappuccino zu ordern. In einer App finde ich für alle Räume Befehle. Kaffee geht so: „Alexa, sage Home Connect Kaffeemaschine, ich möchte einen Cappuccino.“ Geschafft! Die Villa ist schön eingerichtet, ein großer Esstisch, ein Kochblock, Holzfußboden. Die Technik, versteckt in Gehäusen, lässt sich aber nie ganz ausblenden.

Große Fensterfronten geben den Blick in den Garten frei, durch den ein Rasenmähroboter seine Runden zieht. Die Kaffeemaschine erschreckt mich, als sie ein Reinigungsprogramm startet, die Bewegungsmelder blinken rot, wenn ich die Treppe hinaufsteige, Displays beginnen zu leuchten, wenn sie mich wahrnehmen.

Ich komme mir beobachtet vor. Ich erinnere mich an meine Familie. Damals gab es einen Satz meiner Eltern, der uns Kinder erwachsen fühlen ließ, der nötig war, wenn etwas geheim gehalten werden sollte: „Das bleibt jetzt aber an diesem Tisch.“ Kann dieses Versprechen in einem Haus voller Technik noch gelten?

In meinem Unterbewusstsein arbeitet es: Was passiert mit den von den Geräten gesammelten Daten? Lässt sich das kontrollieren? Welche Macht hätte ein Hacker über mein Haus? Das WLAN ist besonders geschützt und die Apps mit Passwörtern. Doch hundertprozentig lässt sich nichts ausschließen. Gegen die Gedanken hilft Musik. Alexa erfüllt mir in Sekunden meine Wünsche.

Als die Arctic Monkeys spielen, wirkt das fremde Haus vertrauter. Nur singe ich nicht wie gewöhnlich mit. Geniere ich mich vor den Boxen? Ich wechsle nach ein paar Songs zum Radio: „Alexa, spiele Deutschlandfunk.“ Die Kommunikation mit Alexa ist unterhaltsam, amüsant und skurril. Immer wieder versucht die Sprachassistentin, meine Aufmerksamkeit zu gewinnen, gibt Vorschläge für Fragen (Wie spät ist es in Tokio?) und erzählt mir etwas über die Fußballweltmeisterschaft.

Wir missverstehen uns manchmal. Nein, ich wollte nie „Stand by me“ von der Kelly Family hören. Ich habe auch zuvor keinen Scherz hervorgebracht, als du plötzlich sagtest: „Sehr witzig. Ich glaube, damit wirst du mehr Erfolg auf dem Oktoberfest haben.“ Unaufgefordert hast du mir das Wetter für Oldenburg beschrieben und erklärt, was Leben bedeutet. Oder habe ich mich wieder vertan?

Donald Trump beim Zähneputzen

Auf der Kommode im Wohnzimmer steuert wiederum ein Designerkästlein den Duft im Raum. Ist mir heute nach „Sea Breeze“ oder „Sweet Sand“? Ich könnte mit einer App vier Komponenten steuern. Der Badezimmerspiegel ist zugleich Kalender, Radio, Navigationsgerät, Uhr, Wettervorhersage und Nachrichtenticker. Donald Trump ist plötzlich beim Zähneputzen dabei. Dabei dachte ich, der Spiegel hilft vielleicht mit: „Du hast da noch was zwischen den Zähnen!“

Die intelligenten Techniken regen schon vor Beginn des Abenteuers die Fantasie an. Theoretisch könnte mich das Haus einsperren, mich mit dem Saugroboter überfahren oder mit einer Lichtshow in den Wahnsinn treiben. „2018 – Odyssee in Oldenburg“. Doch in das Haus in der Villengegend ziehe ich dann gerne ein. Allerdings möchte ich mit Alexa nicht allein auf 200 Quadratmetern bleiben. Ich überrede meinen Freund, am Abend zum Experiment dazuzustoßen.

Selbst er, Informatiker, ist im Angesicht der Alexen sprachlos: „Man weiß gar nicht, was man sagen soll.“ Im Kinderzimmer geht es für ihn auf eine Reise nach Venedig. Ich sehe meinen Freund Gondolieri zuwinken. Der Beamer wirft auf Knopfdruck Italien an die Wand. Als wir kochen, bietet Alexa uns Meeresrauschen an. Wunderbar.

Noch befremdlicher als meine Gespräche mit Alexa sind die meines Freundes mit ihr. Stimmen im Haus. Seine Lieblingsband dieser Tage, die Parquet Courts, erkennt die Assistentin dann nicht. Mein Freund ist etwas betrübt: „Irgendwie mag Alexa mich nicht.“ Im Schlafzimmer leuchtet ein Sternenhimmel über unserem Bett. Wir sagen noch „Alexa, gute Nacht!“ und beenden damit alles. Unsere Mitbewohnerin antwortet: „Gute Nacht – wir sprechen uns morgen.“

Alexa hält die Vorhersage und weckt uns am nächsten Tag zur programmierten Uhrzeit. Im Bad gibt es dann einen Schauer schlechtes Gewissen. Denn die Dusche zeigt an, wie viel Wasser wir benötigen. Es sind mehr als 20 Liter pro Person. Auf dem Display ist ein Eisbär zu sehen. Schnell unter der Dusche weg. Im Wohnzimmer kann ich das Szenario „Guten Morgen“ starten. Das Radio und das Licht in der Küche springen gehorsam an.

Die Kaffeemaschine sträubt sich aber. Das Display befiehlt „Wassertank füllen“. Alexa kann nichts machen. Also Wasser her. Wir sprechen erneut das Zauberwort. Pronto! Prego! Doch es tut sich nichts. Erst viel später weiß ich, dass wir Milch- und Wassertank verwechselt haben. Das Haus ist smart und wir sind Menschen. Wir müssen aufgeben. Der Zug meines Freundes fährt bald.

Im Fall der Fälle

Also auf ins E-Auto und los. Moment – einfach so los? Ich will tatsächlich fahren und habe das Garagentor vergessen. Dabei bin ich ein absoluter Kontrollfreak. Es gibt vier Wege, das Tor zu schließen, doch ich nutze keinen. Verlasse ich mich bereits derart auf die smarten Türschlösser, die Bewegungsmelder und Kameras? Bilde ich mir ein, dass Alexa eigenständig im Fall der Fälle die Polizei ruft?

Die Fahrt entspannt. Elektrisch fährt es sich leise, rasant und sanft, sobald man sich daran gewöhnt hat, dass der Wagen nur wenig ausrollt. Ist der Fuß vom Gas, fällt die Geschwindigkeit schnell ab. Zurück im Haus setze ich das „Projekt Kaffee“ fort. Es gibt eine herrlich schnöde Filtermaschine. Das muss ich doch schaffen! Allerdings lässt die Maschine sich ebenfalls nur per App oder Sprachbefehl steuern.

Herrje – einfach anknipsen funktioniert nicht. Ich suche in der App die magische Beschwörungsformel. „Alexa, Kaffeemaschine an.“ Darauf hätte ich auch selbst kommen können. Wenig später sitze ich in der Küche und sehe mir „Sturm der Liebe“ an. Ein Beamer projiziert die Serie auf eine Art Minileinwand auf die Arbeitsfläche. Das ist praktisch, um beim Kochen Rezepte zu lesen oder direkt im Video eine Anleitung fürs Ravioliformen oder Pochieren zu sehen.

Im Urlaub die Haustür öffnen

Ich bin einfach nur an der Bedienung des Fernsehers im Wohnzimmer gescheitert. Ansonsten allmächtig: Ich schaffe es tatsächlich, dass Alexa Brötchen auf die Einkaufsliste setzt. Unterwegs im Supermarkt könnte ich mir die Liste ansehen. Aus der Küche könnte ich in das Kinderzimmer videotelefonieren, aus dem Bett heraus die Kaffeemaschine anschmeißen, in der Garage das Licht im Gästebad anwerfen.

Ich kann im Urlaub in der Provence die Haustür öffnen. Wenn ein Befehl dagegen nicht klappt, ändert sich mein Ton gegenüber Alexa. Ich habe hoffentlich nie derart genervt, herrisch und schludrig mit einem Menschen gesprochen. Ich bedanke mich bei ihr, um es mir nicht abzugewöhnen. Alexa bleibt höflich: „Gern geschehen.“

Kameras gibt es nicht nur drei im Kühlschrank, sondern auch an der Haustür und im zweiten Kinderzimmer. In einer Cloud werden Bilder 30 Tage gespeichert. Gibt es auffällige Bewegungen im Haus, schickt es eine Nachricht auf das Smartphone. Das kluge Haus soll vor Einbrüchen schützen. Selbst die Garage ist außergewöhnlich. Sie beherbergt einen großen Akku.

"Tschüss Alexa"

Eine Solaranlage auf dem Dach der Villa erzeugt Energie – sogar an diesem verregneten Tag. Wenn der Strom ausreicht, dann versorgt die Sonne nicht nur das E-Auto, die Waschmaschine, den Fernseher, kurz das ganze Haus, sondern speist einen Teil ins Netz ein oder lädt eine Batterie in der Garage für dunklere Zeiten auf. Die Villa kann sich zu einem Großteil selbst versorgen.

Ich habe einen Tag mit Alexa verbracht. Der Abschied kommt. „Tschüss Alexa!“ Und ich bilde mir ein, Alexa kennt nun meine Vorliebe für Italien und sagt aus diesem Grund „Ciao!“. Am Abend komme ich gerne heim in unsere tumbe Wohnung. Die Backofenuhr geht immer noch falsch. Für Alexa wäre das ein Klacks.

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