„Deutschland spricht“ in Bremen

„Aber jetzt kann ich auch nicht mehr“

Karla Hense-Brosig und Peter Brand sind eins der Diskussionspaare von „Deutschland spricht“. Wo eigentlich Gegensätze dominieren sollten, fanden beide schnell zu Gemeinsamkeiten.
30.10.2019, 22:12
Lesedauer: 3 Min
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Von Simon Wilke
„Aber jetzt kann ich auch nicht mehr“

Karla Hense-Brosig und Peter Brand waren eins der Diskussionspaare bei "Deutschland spricht".

Simon Wilke

Vielleicht war es die Umgebung, die zum Reden anregte, vielleicht waren sich Karla Hense-Brosig (62) und Peter Brand (58) aber auch einfach sympathischer, als sie gedacht hatten. Nach fast zwei Stunden angeregter Diskussion waren die beiden Teilnehmer von „Deutschland spricht“ jedenfalls sehr zufrieden damit, wie der Nachmittag im „Cafe Ambiente“ verlaufen war.

„Ich bin positiv überrascht. Es war eine sehr engagierte Diskussion, die ich gerne fortführen würde“, sagt Hense-Brosig rückblickend, bevor sie sich von ihrem Gesprächspartner Brand verabschiedet. Und auch ihr Gegenüber zieht zum Abschluss ein durchweg positives Fazit. “Wir waren nicht so weit auseinander, wie ich es mir vorgestellt hatte. Im Nachhinein würde ich sogar die ein oder andere meiner Meinungen etwas korrigieren.“

Hense-Brosig und Brand haben wie 267 weitere Menschen aus Bremen an der Aktion „Deutschland spricht“ teilgenommen. Ein Algorithmus hatte möglichst unterschiedliche Partner einander zugelost, nachdem sie Fragen zu verschiedensten innen- und außenpolitischen Themenfeldern beantwortet hatten. Wann und wo die Teilnehmer sich zum Meinungsaustausch treffen, bestimmten sie selbst.

Doch so gegensätzlich die Paarungen auch sein sollten, Hense-Brosig, die Lehrerin aus Bremen, und Brand, der Lehrer aus dem Bremer Speckgürtel, sind vom distanzierten „Sie“ schnell zum vertraulichen „Du“ übergegangen. Und überhaupt: Wer ihrer Diskussion lauscht, ist überrascht, wie schnell sich die beiden Gesprächspartner immer wieder einig werden.

Die Bemühung, trotz eigentlich unterschiedlicher Positionen Gemeinsamkeiten zu finden, sind beiden deutlich anzumerken. Zum Beispiel: Kümmert sich Deutschland zu wenig um Ostdeutsche? Brand argumentiert, dass die Lebenshaltungskosten im Osten geringer seien, als im Westen. „Die Preise sind ganz anders im Osten. Das darf man nicht außer Acht lassen.“ Hense-Brosig kontert: „Einspruch! Das gilt nur für ländliche Gegenden. Das gilt nicht für Dresden oder Leipzig.“ „Und erst recht nicht für Berlin“, ergänzt Brand – die Annäherung ist geglückt. Am Ende sind sich beide einig: Der Solidaritätszuschlag gehöre abgeschafft, gezieltere Förderung wäre nötig, es bestehe die Gefahr, dass die AFD zu einer identitätsstiftenden Partei im Osten werde. Nächstes Thema.

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Sollen Flugreisen stärker besteuert werden? „Das Thema haben wir bestimmt auch ganz schnell vom Tisch“, prophezeit Brand und lacht. Und er behält recht. Bald wünschen sie sich unisono den Abbau von Subventionen – „aber europaweit.“ Und Steuererhöhungen die Lenkungswirkung entfalten, befürworten sie auch. Etwas kontroverser wird es dann bei der Frage, ob ältere Menschen in Deutschland auf Kosten der Jüngeren leben. Brand ist sich sicher: „Ja, vor allem beim Umweltschutz.“ Hense-Brosig wirft ein, dass ihre Generation wesentlich weniger geflogen sei – von Autofahrten und dem Verbrauch von Plastik ganz zu schweigen. Damit hat sie einen Punkt, das merkt Brand: „Das müsste man tatsächlich einmal aufrechnen.“

Und so läuft die Diskussion weiter. Aus gegensätzlichen Positionen werden diejenigen Punkte herausgearbeitet, in denen beide übereinstimmen. Sei es bei Deutschlands Russlandpolitik („Für Frieden braucht es ein gutes Verhältnis zu Russland.“) oder bei der Integrationsfähigkeit von Geflüchteten („Da ist der Kulturkreis und das religiöse Umfeld entscheidend, aus dem sie kommen.“). Ein Einwanderungsgesetz fehle ohnehin.

Nur bei der Frage, ob Deutschland durch Einwanderung unsicherer geworden ist, kommen Hense-Brosig und Brand nicht auf einen Nenner. Brand hat bereits schlechte Erfahrungen mit mutmaßlichen Migranten gemacht: In den 90er-Jahren sei ihm mit dem sogenannten Antanztrick Geld gestohlen worden. Unter anderem deshalb wechsele er mittlerweile die Straßenseite, wenn ihm im Dunkeln Männergruppen entgegenkämen. Hense-Brosig, die in einem Stadtteil mit einem hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund wohnt, hat solche Erfahrungen nicht gemacht: „Das entspricht einfach nicht meinem Erleben.“

Am Ende sind die zwei Diskutanten überrascht, wie engagiert und konstruktiv ihr Austausch verlaufen ist. „Aber jetzt kann ich auch nicht mehr“, sagt Hense-Brosig und lacht. Und dann herrscht noch ein letztes Mal Einigkeit: Den Kontakt zueinander wollen Hense-Brosig und Brand auf jeden Fall halten.

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