Die Arbeit auf dem Schlepper "Geeste" Abgeschleppt

"Ja okay. Wir kommen." Immer dann, wenn die großen Containerschiffe allein nicht mehr weiter können, sind Kapitänin Ruth Kümmel und ihre Crew vom Schlepper "Geeste" gefragt.
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Abgeschleppt
Von Carolin Henkenberens

"Ja okay. Wir kommen." Immer dann, wenn die großen Containerschiffe allein nicht mehr weiter können, sind Kapitänin Ruth Kümmel und ihre Crew vom Schlepper "Geeste" gefragt.

Das Telefon klingelt. „Jetzt geht‘s los“, sagt Udo Matter. Er lässt sich nicht stören und wischt mit dem Geschirrtuch weiter die Spüle trocken. Es ist noch gar nicht lange her, da gab es Mittagessen. Nun legt Kapitänin Ruth Kümmel ihr Handtuch zur Seite und geht zum Hörer. „Ja, okay“, sagt sie mit ruhiger Stimme. „Wir kommen.“ Das war der Hafenlotse. Ein Containerschiff, 243 Meter lang, liegt am Containerterminal, muss von der Kaje weggeschleppt und einmal gedreht werden. Der riesige Frachter kann nicht selbst wenden, der Hafen ist zu schmal für den Wendekreis des Schiffes. Im Hafen von Bremerhaven aber auch in Bremen gibt es deshalb mehrere Schleppschiffe.

Eines davon ist die „Geeste“, 28 Meter lang und 11,8 Meter breit. Das Schleppschiff gehört der Unterweser-Reederei (URAG), einer von vier Schleppschiff-Reedereien in Bremerhaven. „Wenn der Anruf kommt, haben wir noch etwa eine Stunde“, sagt Kapitänin Kümmel. Die Uhr zeigt fünf nach zwölf, um ein Uhr soll die „Geeste“ an der Stromkaje sein. Kümmel verschwindet noch kurz in ihrer Kabine und Matter trocknet die letzten Teller ab. Auf dem Schiff hat jedes der drei Besatzungsmitglieder seinen Bereich. Die Küche und das Deck sind Matters (57) Revier. Außerdem macht er alles, was an Deck anfällt, zum Beispiel das An- und Ablegen. Früher war Matter Kantinenführer auf einem Bundeswehr-Versorgungsschiff.

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Der Dritte an Bord ist Frank Baumann. Sein Reich ist der Maschinenraum. Dort riecht es nach Schweröl und Diesel, die Luft ist stickig. „Schon sehr warm hier“, sagt Baumann. Aber das sei noch nichts im Vergleich zum Sommer, da seien es 45 bis 46 Grad hier unten. Baumann ist der Maschinenführer an Bord. Er kennt die technischen Daten der „Geeste“ genau: Das unscheinbar aussehende Schiff hat eine Wahnsinnskraft und kann Frachter mit 400 Metern Länge ziehen. Baumann lenkt den Blick auf die Dieselgeneratoren. Die produzieren den Strom, der an Bord gebraucht wird für Licht oder elektronische Geräte. Jetzt soll es aber losgehen, Baumann wird gleich die drei Antriebe einschalten.

Derweil hat sich Kapitänin Kümmel auf die Brücke begeben, von diesem Ort aus steuert sie das Schiff. Kümmel steht zwischen zwei Schalttischen, von denen aus sie die drei Rotoren lenken kann. Als die Motoren laufen, drückt sie die Kupplung und steuert das Schiff, Stück für Stück, von der Kaje weg. In einem Laptop erfasst die Kapitänin, wann der Schlepper abgelegt hat. Denn jede Minute ist Geld wert. Dann nimmt die „Geeste“ Fahrt auf Richtung Stromkaje. Der Funk rauscht. „Und die Geeste ist mit dabei – Moin!“, sagt Kümmel in das Mikrofon. Aus dem Funk rauscht es, der Lotse spricht und Kümmel bestätigt: „Ja, die Geeste ist achtern.“ Das bedeutet: Am Heck des Containerschiffes soll die „Geeste“ ziehen und am Bug der Schlepper „Wilhelmshaven“.

Kümmel ist erst seit zwei Jahren im Schleppergeschäft. Während ihrer Ausbildung an der Seefahrtschule Bremerhaven ist sie mit Schwergut-Schiffen über den Atlantik gefahren. Also mit jenen dicken Pötten, die sie jetzt abschleppt. Aber in der Schifffahrtskrise sei sie froh gewesen, eine Nische gefunden zu haben, sagt die 27-Jährige.

Als die „Geeste“ am Containerschiff „Yorktown Express“ ankommt, wirft ein Seemann des amerikanischen Frachters eine Hilfsleine aufs Deck der „Geeste“. Matter befestigt das Seil an einem Hilfsseil, das wiederum an der dicken Schleppleine befestigt ist. Danach überkreuzt er beide Handgelenke. „Die ‚Geeste’ ist fest“, vermeldet Kümmel dem Lotsen. Nun holen die Seemänner des amerikanischen Frachters die Hilfsleine wieder ein. Die 150 Meter lange Schleppleine rollt sich von der Winde ab. Die Seeleute machen sie an ihrem Frachter sicher fest.

Jetzt erhält die Kapitänin die Anweisung „Halbe Kraft“ vom Lotsen, der vom Containerschiff aus die beiden Schlepper koordiniert. Kümmel fährt also langsam rückwärts, die Schleppleine spannt sich. Nun gilt größte Vorsicht, alle müssen vom Deck herunter. Zwar hält die Leine 320 Tonnen aus bis sie reißt. Doch wenn das passieren sollte, wäre jeder Aufenthalt an Deck lebensgefährlich. „Die Leine würde auf den Schlepper zurückschleudern und könnte jeden an Deck erschlagen“, sagt die Kapitänin.

Im Rückwärtsgang ziehen die „Geeste“ und die „Wilhelmshaven“ die „Yorktown Express“ langsam von der Kaje weg. Als das Schiff gut 70 Meter von der Hafenmauer entfernt ist, gibt der Lotse das Kommando zum Drehen. Jetzt fahren die Schleppschiffe einmal um den Frachter herum und ziehen Bug und Heck um 180 Grad. Der schwer beladene Frachter lässt sich ziehen wie eine leere Blechdose. Doch das Brummen der Motoren lässt erahnen, welche Kraft die „Geeste“ aufbringen muss, um das fast zehn Mal so lange Containerschiff zu ziehen.

Nur etwa vier bis fünf Minuten dauert es, da ist das Schiffsheck an der Stelle, an der eben noch der Bug war. „Geeste stop“, meldet Kümmel dem Lotsen. Die Arbeit ist getan. Das Containerschiff ist gedreht und kann den Hafen aus eigener Kraft verlassen. Das Schleppseil wird wieder vorsichtig abgelassen und auf die Winde gerollt. Die „Geeste“ steuert zurück in den Hafen. Bis das nächste Mal das Telefon klingelt.

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