Deichbau in Berne

Abhängig von Ebbe und Flut

In Weserdeich wird der Deich erhöht. Der nötige Boden kommt vom Ruschsand. Auf der Weserinsel entsteht ein Paradies für Vögel. Den Bauarbeitern macht die Tide derweil zu schaffen.
25.07.2017, 13:59
Lesedauer: 4 Min
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Abhängig von Ebbe und Flut
Von Barbara Wenke
Abhängig von Ebbe und Flut

Aufgrund des Kleiabbaus ist auf der Weserinsel Ruschsand bereits ein acht Hektar großer Binnensee entstanden: ein Paradies für Vögel.

Christian Kosak

Weserdeich. Günter Schmidt hat eine grobe Ahnung, wann die tägliche Arbeit auf seiner Baustelle beginnt. Ganz sicher weiß der Baustellenleiter das am Vorabend allerdings nie. Die Entscheidung fällt erst, wenn er sich die Furt zur Insel Ruschsand angeschaut hat. Diese Furt ist das Nadelöhr. Kann sie mit Treckern passiert werden, ohne dass die Elektrik der Fahrzeuge nass wird, kann mit der Arbeit begonnen werden. „Das ist ein Jonglieren mit der Zeit“, sagt Vorarbeiter Schmidt.

Insgesamt 206 000 Kubikmeter Kleiboden baut der I. Oldenburgische Deichband auf der 80 Hektar großen Weserinsel vor der Ortschaft Weserdeich ab. Er schafft damit ein Biotop.

Mit dem entnommenen klebrigen Boden wird der viereinhalb Kilometer lange Deichabschnitt zwischen der Bundesstraße 74 und dem Huntesperrwerk verstärkt und auf die erforderliche Höhe von mehr als acht Metern gebracht. Rund acht Millionen Euro lassen sich der Bund und das Land Niedersachsen die Maßnahme kosten.

Vor knapp zehn Jahren hatte der I. Oldenburgische Deichband 30 Hektar Weideland von den Bewirtschaftern des Ruschsands erworben. Hier wird nun gebaggert. Die Landwirte hätten sich von den Einnahmen Flächen gekauft, die näher an ihren Höfen liegen, berichtet Deichbandvorsteher Cord Hartjen. Flächen, die zudem jederzeit erreichbar seien, nicht nur, wenn die Weser Niedrigwasser führt. Wie viel Geld für den Grunderwerb geflossen ist, verrät Cord Hartjen allerdings nicht.

Seit gut einem Jahr erhöht der Deichband nun den Hochwasserschutzwall. Im Jahr 2016 sind die ersten 1200 Meter zwischen der Bundesstraße 74 und der Ruschsand-Furt fertiggestellt worden. 46 000 Kubikmeter Klei hat der Verband einbauen lassen. In diesem Sommer wird an den nächsten 1500 Metern gearbeitet. 2018 folgt der Abschnitt zwischen der Deichschäferei in Piependamm und dem Sperrwerk.

Sieben Schlepper touren zurzeit zwischen der Klei-Abbaustelle im Westen der Insel und der Baustelle an der Deichstraße. Eine Runde beträgt sechs Kilometer. Drei pro Stunde sind zu schaffen. Cord Hartjen ist froh, dass der Kleiboden von der Insel geholt und zur Baustelle gebracht werden kann. „So müssen wir die Anwohner nicht über Gebühr mit unseren Fahrten belästigen.“ Da die Arbeitsstraße außendeichs angelegt wurde, dient der vorhandene Deich als Lärmschutz.

Klaus Schröder ist einer der sieben Fahrer, die an diesem Mittag den Kleiboden transportieren. Seine Arbeit hat vor wenigen Minuten begonnen. Aufgrund der Tide musste er erst um 12 Uhr zur Stelle sein. Manchmal sitzt er allerdings auch schon früh morgens auf seinem Schlepper.

Seit Mitte April lebt Schröder, der eigentlich in Rethem bei Walsrode wohnt, auf dem Campingplatz Juliusplate. So kann der selbstständige Lohnunternehmer am besten auf die flexiblen Arbeitszeiten reagieren. „Wir sind von der Tide abhängig. Das bremst uns ein“, sagt Schröder.

Sein gelber Fastrac der britischen Firma JCB hebt sich ab von den anderen Fahrzeugen. Die Kabine ist größer. Die Farbe greller. Schöder nennt den Schlepper „exotisch“. Leisten muss er aber dasselbe. Bis zu 35 Tonnen transportiert er pro Tour. „Gegenüber dem, was wir auf der Straße fahren dürfen, sind die Fahrzeuge zu hundert Prozent überladen“, sagt Klaus Schröder. Er lacht. „Gut dass wir nicht auf öffentlichen Straßen unterwegs sind.“

Stundenlang wird der Lohnunternehmer in seinem Fahrzeug sitzen. „Je nachdem wie der Wind steht, können wir um die sieben Stunden fahren.“ Langweilig wird es dem Berufsfahrer nie. „Es ist ganz beachtlich, was hier auf dem Ruschsand brütet“, erzählt Schröder. „Letztens saßen hier morgens ein paar Seeadler im Gebüsch.“ Eine Augenweide sei auch die Schwanen-Familie, die wie an der Schnur gezogen ihre Runden auf dem Binnensee drehte.

Der See ist während des ersten Bauabschnitts im vergangenen Jahr entstanden. Eine tideunabhängige, acht Hektar große Wasserfläche mit zwei kleinen Inseln. Vor dem Kleiabbau war der See nur halb so groß. Er dient jetzt als Rückzugsort für Vögel und Insekten.

Die Kleiabbaustelle ist gen Westen weiter gezogen. Dort, wo Baggerführer Hartmut Logemann jetzt Klei aushebt, entsteht eine tideabhängige Wasserfläche. „Die Ziele des FFH-Gebietes (Fauna-Flora-Habitat) werden erst durch diese Maßnahme erreicht“, stellt Deichbandvorsteher Cord Hartjen fest.

Der Wasserstand dieser Fläche variiert. Damit aber auch bei abfließendem Weserwasser eine Restmenge im künstlich angelegten See zurückbleibt, wird laut Michael Hopp vom niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz eine Schwelle eingebaut. Am Rande der neuen Wasserfläche werde sich eine natürliche Gewässermorphologie mit Flusswatten, Süßwasserröhrichten und Weidengebüsch einstellen, sind die Experten überzeugt. Gegen Hochwasser in der Weser wird der restliche Bereich der Insel mit einem Sommerdeich gesichert.

Den Klei fahren Schröder und die sechs anderen Lohnunternehmer auf den Deich. In dünnen Schichten verteilt Marco von Glahn mit seiner Raupe den Boden auf den Schrägen entlang der Deichstraße. Im vorderen Abschnitt der Baustelle färbt sich das Material hell. Das Wasser entweicht. „Hier kann jetzt die nächste Schicht aufgetragen werden“, stellt Vorarbeiter Schmidt zufrieden fest. Die Arbeiten kommen zeitgerecht voran. Wenn das Wetter hält, müsste der zweite Bauabschnitt bis zum Stichtag Mitte September fertiggestellt sein. Die komplette Baumaßnahme mit Verlegung des Sommerdeichs auf dem Ruschsand und der Anlage eines Deichunterhaltungsweges soll im Jahr 2020 abgeschlossen sein.

Der I. Oldenburgische Deichband Sein Gebiet umfasst die Gemeinden Berne, Lemwerder, Hude, Hatten, Ganderkesee und Wardenburg sowie die Stadt Delmenhorst und Teile Oldenburgs. Der Verband ist zuständig für die Deichbauten und die Überwachung der Deichsicherheit. Für alle Grundstücke und Immobilien im Verbandsgebiet sind Beiträge zu zahlen, für ein Einfamilienhaus in etwa 20 Euro pro Jahr. Der zu schützende Deich verläuft entlang der Ochtum, der Weser und der Hunte. Die Hauptdeichlinie ist in elf Deichzüge unterteilt. Diese werden von Deichgeschworenen beaufsichtigt. Eine Küstenwehr unterstützt sie dabei.
„Das ist ein Jonglieren mit der Zeit.“ Vorarbeiter Günter Schmidt
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