Angespannte Situation Immer weniger Bremer Ärzte bieten Schwangerschaftsabbrüche an

Für einen Schwangerschaftsabbruch gibt es ein enges Zeitfenster. Da in Bremen immer weniger Ärzte eine Abtreibung durchführen, sind die Termine rar. Während der Pandemie ist das nicht die einzige Barriere.
17.02.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Immer weniger Bremer Ärzte bieten Schwangerschaftsabbrüche an
Von Rebecca Sawicki

Die Zahl der Ärzte, die im Land Bremen einen Schwangerschaftsabbruch anbieten, nimmt weiter ab. Nach Angaben der Beratungsstelle Pro Familia gibt es in Bremen derzeit noch fünf praktizierende Ärzte und drei Kliniken, die die Eingriffe vornehmen; in Bremerhaven hat die letzte Praxis im vergangenen Dezember geschlossen.

Das Thema hat mittlerweile auch die Bürgerschaft erreicht. In der vergangenen Woche hatte die SPD-Bürgerschaftsfraktion eine Anfrage für die Fragestunde des Parlaments eingereicht, in der sie sich danach erkundigt, was unternommen werde, damit Schwangerschaftsabbrüche auch dort wieder möglich sind. Auch Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) weiß um die Problematik: Dadurch, dass es in Bremerhaven keinen Arzt mehr gebe, werde es Frauen erschwert, eine ungewollte Schwangerschaft straffrei zu beenden, teilt sie mit.

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Im vergangenen Jahr haben im Land Bremen laut Zahlen der Beratungsstelle Pro Familia insgesamt 2093 Frauen das Gespräch zu einem Schwangerschaftsabbruch gesucht. „Die Zahlen der Frauen sind tendenziell gleich geblieben“, sagt Monika Börding, Leiterin der Bremer Beratungsstelle. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 waren es 2032 Frauen. Auffällig sei gewesen, dass mehr Frauen als sonst ihre Termine zum Abbruch nicht wahrgenommen hätten, sagt Börding. Einen Grund, dass gerade in 2020 so viele Frauen von der Entscheidung abrückten, könne sie allerdings nicht nennen.

Für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch müssen sich Frauen von einer unabhängigen Beratungsstelle über ihre Möglichkeiten aufklären lassen – ohne Beratungsschein werden sie nicht behandelt. Neben Pro Familia gibt es auch die Beratungsstelle Cara. Dort ist im vergangenen Jahr eine nach eigenen Angaben ungewöhnliche Häufung aufgefallen: Judith Hennemann und ihre Kolleginnen und Kollegen haben den Eindruck, dass es vermehrt späte Schwangerschaftskonflikte gegeben habe. Das bedeutet, dass Frauen die Schwangerschaft entweder zu lange verdrängt oder zu spät bemerkt haben. Eine Abtreibung ist laut Gesetz bis zur zwölften Woche nach der Empfängnis straffrei, danach ist sie nur unter besonderen Umständen möglich.

Eine vertrauliche Geburt

Cara ist zudem eine Fachstelle für die sogenannte vertrauliche Geburt. Die Beratungsstelle unterstützt Frauen bei der Organisation, unter einem Pseudonym statt unter ihrem echten Namen zu gebären. „Eine vertrauliche Geburt kommt bei uns nicht täglich vor“, sagt Hennemann. Im vergangenen Jahr wegen der späten Schwangerschaftskonflikte aber häufiger als in anderen Jahren. Die Cara-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hätten sich daher die Frage gestellt, ob diese Häufung an der Pandemie und dem damit verbundenen Rückzug ins Häusliche liegen könne.

Wie viele Frauen nach einer Beratung tatsächlich einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen, können die Beratungsstellen nicht sagen. Beratung und Abbruch sind gesetzlich voneinander getrennt. Die Beratungsstellen vermitteln daher nicht direkt an Ärzte oder Kliniken weiter, sondern stellen den Frauen entsprechende Adresslisten zur Verfügung. „Im vergangenen Jahr haben wir mitbekommen, dass es für die Frauen sehr schwer ist, Termine zu bekommen“, sagt Börding von Pro Familia.

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Angespannt sei die Situation schon seit Jahren, da immer weniger Ärzte die Eingriffe vornähmen, sagt Margot Barkey, die das medizinische Zentrum von Pro Familia in Bremen verantwortet. Zuletzt habe sich die Lage weiter verschärft: Wegen der Pandemie musste das medizinische Zentrum seine Betriebsschließzeiten anpassen, weil das Zentrum wie viele andere Arbeitgeber Personalausfälle hatte.

Eine weitere, bundesweite Hürde könne sein, dass Kliniken Frauen abweisen. Diesen Vorwurf habe es auf einer Fachkonferenz gegeben, sagt Börding. In den Bremer Krankenhäusern des Klinikverbunds Gesundheit Nord kommt das nach Angaben von Sprecherin Stefanie Beckröge nicht vor.

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Die Kosten für den Eingriff müssen die Frauen selbst zahlen. Liegen sie unterhalb einer Einkommensgrenze, können sie einen Antrag auf Kostenübernahme durch die Krankenkasse stellen. Ein solcher Antrag muss laut einem HKK-Sprecher per Post, Fax oder digital eingereicht werden – die Dokumente müssen dafür eingescannt werden. Dieses Vorgehen halten die Leiterinnen von Pro Familia Bremen für eine weitere Schwierigkeit, da viele Frauen weder Scanner noch Faxgerät hätten und per Brief oft zu viel Zeit verstreiche. Die Krankenschwestern des Zentrums hätten sich deshalb um Anträge gekümmert. „Andernfalls wären die Frauen daran gescheitert“, sagt Börding.

Info

Zur Sache

Fortbildungen für Mediziner

Weil im Land Bremen immer weniger Ärzte Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, unterstützt die Senatorin für Gesundheit Online-Fortbildungsangebote. Durch die Qualifizierung von Ärzten solle gewährleistet werden, dass Frauen ihre Schwangerschaft innerhalb des gesetzlichen Zeitrahmens straffrei beenden können, teilt die Gesundheitsbehörde mit. Im vergangenen Jahr hatte die Bremische Bürgerschaft gefordert, der Senat möge prüfen, ob Bremen nicht ein eigenes Fortbildungsprogramm anbieten könne. Da dies laut Ressort nicht möglich ist, hat die Behörde das Online-Angebot des Vereins Doctors for Choice Germany geprüft und ist zu einem positiven Ergebnis gekommen.

„Das bundesweit gültige Online-Angebot ermöglicht es Ärztinnen und Ärzten, sich auch während der Corona-Pandemie fortzubilden“, sagt Senatorin Claudia Bernhard (Linke). Positiv sei außerdem, dass nicht nur der chirurgische, sondern auch der medikamentöse Abbruch gelehrt werde. „Ich hoffe, dass viele Bremer Medizinerinnen und Mediziner die Möglichkeiten nutzen und wir so ungewollt Schwangeren eine schnellere Versorgung anbieten können.“

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