Schnelle Hilfe im Notfall ADAC-Luftretter aus Bremen sind für alle Notfälle gewappnet

Der Zeitvorteil ist der große Trumpf des Rettungshubschraubers „Christoph 6“. Im vergangenen Jahr hatte die ADAC-Luftrettung in Bremen 1474 Einsätze, darunter internistische Notfälle und Verkehrsunfälle.
08.11.2020, 05:00
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ADAC-Luftretter aus Bremen sind für alle Notfälle gewappnet
Von Ulrike Troue

Als der Pieper am Gürtel ertönt, joggt Rüdiger Engler aus der ADAC-Luftrettungsstation am Klinikum Links der Weser sofort zu seinem Hubschrauber. Jede Sekunde zählt. Während der ADAC-Rettungshubschrauberpilot die Triebwerke von „Christoph 6“ anlässt, steigen Notärztin Sara Leiterholt und ASB-Notfallsanitäter Malte Nebel zu.

Innerhalb von zwei Minuten ist das eingespielte Notfallteam startklar. Kurz vor Osnabrück hat sich beim Frühstück ein kleines Kind durch heißen Kaffee an Oberarm und -körper verbrüht, erfahren die Retter per Funk vom Disponenten aus der Bremer Einsatzzentrale, die eine Anforderung für den Rettungshubschrauber aus der Osnabrücker Leitstelle erhalten hat. Unterdessen hebt der gelbe Helikopter EC 135 bereits zum ersten Einsatz an diesem Tag ab und nimmt Kurs auf den 120 Kilometer entfernten Unfallort.

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"Für 50 Kilometer brauchen wir durchschnittlich 13 Minuten, bei einer Fluggeschwindigkeit von 220 Kilometern pro Stunde"", erklärt der Pilot. Da es nur wenige, auf kleinere Kinder spezialisierte Krankenhäuser gebe, sei der Helikopter für den schnellen Weitertransport in eine Fachklinik das Transportmittel Nummer eins.

Normalerweise ist „Christoph 6“ laut Engler im Bremer Stadtgebiet und im Umkreis von 50 Kilometern im Einsatz, deckt 13 benachbarte Landkreise und die Ostfriesischen Inseln ab. Inzwischen kurz vorm Ziel, erreicht den Helikopterpiloten per Funk die Nachricht, dass der Notarzt vor Ort die Lage weniger bedrohlich einschätzt als die Eltern beim Absetzen des Notrufs. „Christoph 6“ kehrt postwendend um. So ein engmaschiges Informationssystem spare wertvolle Zeit, sagt Engler.

Eine fliegende Intensivstation

„Christoph 6“ hält in der Regel alle Geräte einer Notaufnahme vor, erläutert Jonas Boelsen als einer von 15 in der Luftrettung eingesetzten Notärzte des Klinikums Links der Weser, die abwechselnd Dienst haben. „Es ist praktisch eine fliegende Intensivstation.“ Zur Ausstattung des Rettungshubschraubers gehören beispielsweise ein transportables Ultraschallgerät sowie ein Notfallkoffer und -rucksack, die mit zu den Patienten genommen werden.

Seit Kurzem gebe es auch ein Reanimationsgerät an Bord, erklärt der geschäftsführende leitende Oberarzt Anästhesie des Klinikums Links der Weser. Bis zum Eintreffen ins Krankenhaus führt ein Roboterarm ununterbrochen eine Herzdruckmassage aus, um den Kreislauf aufrecht zu erhalten. Das sei für viele Menschen lebensrettend, weiß Boelsen aus der Praxis.

Auf dem Rückflug nach Bremen erreicht die Rettungsprofis die nächste Alarmierung aus der Leitzentrale der Berufsfeuerwehr, die alle Notfalleinsätze koordiniert. „Ein akutes Corona-Syndrom: Herzinfarkt “, gibt Pilot Engler an die Crew weiter und nimmt umgehend Kurs auf den Vegesacker Sportplatz. Das sei wegen der dichten Bebauung dort der einzig mögliche Landeplatz, erklärt der 59-Jährige, und einer von rund 150 im Landeatlas für Bremen festgelegten Plätze für Rettungshubschrauber. Von dort aus würden Notarzt und Sanitäter meist von einem bereits wartenden Streifenwagen der Polizei so schnell wie möglich zum Patienten gefahren. „Christoph 6“ ist immer mit einen Notarzt besetzt. Von allen Rettungswagen im Stadtgebiet sind es fünf.

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Durch die Pandemie hätten sie eher weniger Einsätze als zuvor, weil weniger Notrufe in der Leitstellen eingingen, sagt Engler und greift während der Wartezeit am Boden das Stichwort Corona auf. Die zusätzlichen Hygienemaßnahmen wie das morgendliche Desinfizieren aller Arbeitsflächen oder die besondere Schutzkleidung bedeuteten erheblichen Mehraufwand. „Uns beeinträchtigt sehr, das wir auch im Flugzeug eine Maske tragen müssen.“

„Christoph 6“ sei täglich von Sonnenaufgang, frühestens ab 7 Uhr, bis Sonnenuntergang einsatzbereit, erklärt der Pilot, der über eine 40-jährige Flugerfahrung verfügt und seit 35 Jahren für die Bremer Luftrettung abhebt. Die Einsatzzeit stellen er und zwei weitere ADAC-Piloten sicher.

150 Meter überm Boden

„Beim Start brauchen wir eine Sicht von mindestens 1500 Metern“, erklärt Engler die witterungsbedingten Voraussetzungen für den Einsatz. Die Flughöhe beträgt in der Regel 500 Fuß, umgerechnet rund 150 Meter überm Boden, und liegt damit unterhalb regulärer Flugverkehre. „Bei 3000 Metern Sichtweite dürfen wir auch auf rund 100 Meter runtergehen, dann ist die Domspitze gerade frei von Wolken“, liefert der Pilot einen anschaulichen Vergleich.

Rettungshubschrauberpilot ist für den 59-Jährigen, der im kommenden Jahr in Altersteilzeit geht, eine Leidenschaft und sein Traumberuf. Man müsse blitzschnell reagieren, topfit und hoch konzentriert sein. „Man muss immer ganz bewusst handeln, das ist gerade für Rettungspiloten wichtig“, betont er. Bei lebensbedrohlichen Situationen landet Engler so dicht wie möglich am Einsatzort. 30 mal 30 Meter Platz benötige er dafür, sagt er. Die Landung auf dem Vegesacker Sportplatz ist für ihn daher ein Kinderspiel.

Und auch für die Notärztin und den Notfallsanitäter ist der zweite Einsatz an diesem Tag keine besondere Herausforderung. Sie begleiten den Patienten im Rettungswagen bis in die Klinik Bremen-Nord, wo Engler sie wieder abholt. So kann er die „Christoph 6“-Crew sofort wieder einsatzbereit melden, noch bevor sie die Basis in Kattenturm wieder erreichen.

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In Bremen-Nord ist der gelbe Hubschrauber praktisch das zweite Mal an diesem Tag „eingesprungen“. Denn dort war der für Vegesack zuständige Rettungswagen aus Blumenthal gerade zu einem anderen Rettungseinsatz ausgerückt. Diese Duplizität der Einsätze sei eher die Regel, denn die Ausnahme im Arbeitsalltag der Luftretter, sagt Jonas Boelsen, der geschäftsführende leitende Oberarzt Anästhesie am Klinikum Links der Weser.

Auch er verweist auf den entscheidenden einsatztechnischen Zeitvorteil des Helikopters bei dem sich entlang der Weser erstreckenden Bremer Stadtgebiet. Darauf entfallen laut Boelsen rund 70 Prozent der Einsätze. Bei schweren Verkehrsunfällen auf der Autobahn beispielsweise gebe es keine Anfahrtsprobleme durch Staus, in sieben bis zehn Minuten sei etwa Posthausen erreicht. Unfälle machen laut Engler jedoch nur zehn bis 15 Prozent der Alarmierungen aus. 60 bis 70 Prozent der Einsätze sind internistische Notfälle.

Entscheidend fürs Überleben

Im letztgenannten Bereich hat die Luftrettung nach Einschätzung von Notfallmediziner Boelsen stark an Bedeutung gewonnen, im weitläufigen Stadtgebiet ebenso wie in ländlichen Gebieten. Gerade Herzinfarkt- oder Schlaganfallpatienten müssten schnellstmöglich in eine passende Spezialklinik transportiert werden, denn die erste Stunde nach dem Ereignis sei entscheidend fürs Überleben und für bleibende gesundheitliche Einschränkungen.

„Man muss immer auf alles vorbereitet sein“, unterstreicht der 38-jährige Anästhesist, der vor und während seines Medizinstudiums im Sanitäts- und Rettungsdienst des ASB tätig gewesen ist und inzwischen seit 20 Jahren in der Notfallmedizin arbeitet. Manche Notlagen entpuppten sich zudem vor Ort anders, als die Einsatzmeldung vermuten ließ, so Boelsen.

Die größte Herausforderung für einen Notarzt in der Luftrettung, der durch seine spezielle Ausbildung über hohe und breit gefächerte medizinische Fachkompetenz verfüge, sei, dass er sich im Gegensatz zur Klinik immer wieder neu einer unbekannten Umgebung und veränderten Gegebenheiten anpassen müsse, sagt Boelsen. Bei Patienten auf der Straße habe man oft mit der Witterung und engen Platzverhältnissen zu kämpfen. „Das erfordert ein Höchstmaß an Improvisationstalent.“

Deutschland hat ein qualitativ exzellentes Rettungssystem

Diesen Herausforderungen stellt sich der 38-jährige Anästhesist im Beruf tagtäglich. Er empfindet es als Privileg, „am Puls der Zeit“ zu arbeiten. Innovative medizinische Technik werde gemeinhin zuerst in der Luftrettung eingesetzt, sagt er. „Im europäischen Vergleich hat Deutschland ein qualitativ exzellentes Rettungssystem, und die Luftrettung ist seit einem halben Jahrhundert ein wesentlicher Baustein.“

Boelsens persönlicher Leitsatz lautet: „Jeder von uns versucht jeden Tag, für den Patienten vor Ort die bestmögliche medizinische Versorgung sicherzustellen.“ Und: „Dafür tun wir als Team alles“ und bezieht damit seine zwölf Notarztkollegen, die fünf ASB-Rettungssanitäter und drei Piloten im Bremer ADAC-Rettungsteam mit ein.

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