Seit Wochen fallen Züge der Nordwestbahn aus

Ärger der Pendler wächst

Seit Wochen fallen Züge der Nordwestbahn aus, vor allem die Regio-S-Bahnen zwischen Bremen und dem niedersächsischen Umland sind betroffen. Zum Ärger der vielen Pendler, die auf diese angewiesen sind.
06.09.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Ärger der Pendler wächst
Von Silke Looden
Ärger der Pendler wächst

Ein Ende der Zugausfälle ist bis jetzt nicht in Sicht.

dpa

Seit Wochen fallen Züge der Nordwestbahn aus, vor allem die Regio-S-Bahnen zwischen Bremen und dem niedersächsischen Umland sind betroffen. Zum Ärger der vielen Pendler, die auf diese angewiesen sind.

Seit Wochen fallen Züge der Nordwestbahn aus, vor allem die Regio-S-Bahnen zwischen Bremen und dem niedersächsischen Umland sind betroffen. Die Nordwestbahn begründet die Zugausfälle mit einem nach wie vor hohen Krankenstand unter den Lokführern. Mit jedem Tag wächst der Ärger der Pendler. Ein Ende der Zugausfälle ist nicht in Sicht.

„Ich bin normalerweise ein geduldiger Mensch, habe immer etwas zum Lesen dabei und ärgere mich nicht bei jeder Verspätung“, sagt Iris Henke. Sie pendelt mit der Nordwestbahn von Syke-Barrien zum Bremer Hauptbahnhof und weiter Richtung Universität.

Inzwischen aber ist auch Iris Henke der Geduldsfaden gerissen. „Ich zahle jeden Monat 86 Euro, und dann fährt der Zug einfach nicht.“ Neulich hat sie sich sogar ein Taxi bestellt, weil sie nachts am Bahnhof festsaß. 40 Euro hat sie dafür bezahlt. Auf ihre Beschwerde hin hat sie bis heute keine Antwort.

Krankenstand unter Lokführern nach wie vor hoch

„Es ist alles unterwegs, was fahren kann“, erklärt die Sprecherin der Nordwestbahn, Stephanie Nölke, und weiß: „Das reicht nicht.“ Nach wie vor sei der Krankenstand unter den Triebwagenführern hoch – wie schon vor vier Wochen. Hinzu kämen Urlaube, aber auch kurzfristige Personalausfälle.

Zudem seien Kollegen, die einen Unfall auf der Strecke hatten, derzeit nicht in der Lage zu fahren – vor allem solche, die einen Suizid miterlebt hätten. Das sei auch eine Frage von Verantwortung. Normalerweise, betont die Sprecherin, reiche der Personalpuffer aber aus: „Wir haben keinen strukturellen Personalmangel.“

Fachkräftemangel

Selbst wenn die Nordwestbahn Personal suchen würde, wäre es nicht so leicht, neue Lokführer einzustellen. Offenbar herrscht ein Fachkräftemangel. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit in Hannover werden bundesweit 469 Triebfahrzeugführer gesucht.

Die durchschnittliche Vakanz der Stellen belaufe sich auf 168 Tage. Es dauert also im Schnitt fast ein halbes Jahr, bis ein neuer Lokführer gefunden ist. Der Job hat nach Angaben der Arbeitsagentur an Attraktivität verloren. Triebwagenführer arbeiten im Schichtdienst, sieben Tage die Woche, rund um die Uhr.

Auf ihrer Internetseite entschuldigt sich die Nordwestbahn bei ihren Kunden für die Zugausfälle. Man arbeite mit Hochdruck daran, die Ausfälle im Netz der Regio-S-Bahn zu vermeiden. „Leider kann man personalbedingte Ausfälle nie ganz ausschließen – auch Lokführer sind nur Menschen“, schreibt die Nordwestbahn in einer Mitteilung an ihre Fahrgäste. Durch Umverteilung stelle man sicher, dass „nur Fahrten mit geringen Fahrgastzahlen betroffen sind“. Nach Angaben von Pendlern fallen aber auch Verbindungen in der Hauptverkehrszeit am Morgen und am Abend aus.

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Kein Verständnis beim Fahrgastverband

Iris Henke hat ihre eigenen Erfahrungen gemacht. „Da hetzt man sich ab, um pünktlich am Bahnhof zu sein, und dann fährt der Zug entweder verspätet oder gar nicht“, ärgert sie sich. Die Monatskarteninhaberin hat sich beim Verkehrsverbund Bremen-Niedersachsen beschwert, aber von da kam keine Antwort. Die Nordwestbahnsprecherin indes verspricht, dass man sehr kulant mit Beschwerden umgehe, jeden Einzelfall prüfe und gegebenenfalls auch die Taxifahrt erstatte.

Der Fahrgastverband Pro Bahn hat kein Verständnis für die Nordwestbahn. „Wir bekommen zurzeit viele Beschwerden über die Nordwestbahn“, sagt Malte Diehl, Sprecher des Fahrgastverbandes für die Region Oldenburg. Es könne nicht sein, dass die Nordwestbahn ihr Personalproblem über Wochen nicht in den Griff bekomme, so Diehl: „Da muss man für Ersatz sorgen.“ Offenbar, so der Fahrgastvertreter, habe die Nordwestbahn bei der Streckenübernahme zu knapp kalkuliert.

Verlustausgleich kürzen

Die Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG) ist für die Streckenvergabe in Niedersachsen zuständig und hatte der Nordwestbahn den Zuschlag für die Regio-S-Bahn gegeben. „Wir können der Nordwestbahn den Verlustausgleich kürzen“, sagt LNVG-Sprecher Rainer Peters. Dadurch würden die Lokführer aber auch nicht schneller wieder gesund. Insgesamt wird der Schienennahverkehr in Niedersachsen mit 300 Millionen Euro im Jahr vom Land gefördert. Die Fahrgasterlöse decken laut LNVG nur etwa ein Drittel der Kosten.

Iris Henke stand am Montag wieder vor einem leeren Gleis in Syke-Barrien. Wieder kam sie eine Stunde später zur Arbeit. „Das kann man niemandem erklären“, ärgert sich die Pendlerin und überlegt, aufs Auto umzusteigen.

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