Hohe Rechnungen

Ärger über teure Totenscheine

Bei der Verbraucherzentrale Bremen häufen sich Beschwerden über zu hohe Rechnungen für Totenscheine, die von Hinterbliebenen bezahlt werden müssen. Die Rechnungen sind zum Teil doppelt so hoch wie zulässig.
22.10.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Ärger über teure Totenscheine
Von Sabine Doll
Ärger über teure Totenscheine

Nach dem Tod eines Angehörigen haben viele Hinterbliebene mit überteuerten Totenschein-Rechnungen zu kämpfen.

dpa

Bei der Verbraucherzentrale Bremen häufen sich Beschwerden über zu hohe Rechnungen für Totenscheine, die von den Hinterbliebenen bezahlt werden müssen. Die Rechnungen sind zum Teil doppelt so hoch wie zulässig.

Manchmal kommt der Anruf mitten in der Nacht. Ein Arzt wird zu einem Menschen gerufen, der gerade gestorben ist. Der Arzt ist gesetzlich dazu verpflichtet, die Leichenschau vorzunehmen. Er untersucht den Körper des Toten und stellt den Totenschein aus. Diese Bescheinigung muss von den Hinterbliebenen gezahlt werden. Die Rechnung schickt entweder der Arzt direkt an die Familie, oder sie wird zunächst vom Bestatter bezahlt, der alle Angelegenheiten rund um die Beisetzung übernimmt. Dann taucht die Gebühr für den Leichenschauschein als ein Posten auf der Gesamtrechnung des Bestattungsunternehmens auf.

„Maximal darf diese Gebühr für das Ausstellen des Totenscheins knapp über 76 Euro betragen“, sagt Annabel Oelmann, Vorstand der Bremer Verbraucherzentrale. „Die Realität sieht aber oft ganz anders aus. Ich bezeichne das ganz klar als Abzocke.“ Die Realität, von der Annabel Oelmann spricht, liegt in Form von Beschwerdebriefen „abgezockter“ Angehöriger auf ihrem Schreibtisch. Allein in den vergangenen zwei Wochen habe sie fünf Beschwerden bekommen. Den Schreiben sind Totenschein-Rechnungen beigefügt, die teilweise mehr als doppelt so hoch sind.

„Wie viel Ärzte für das Ausstellen des Totenscheins abrechnen dürfen, ist ganz klar in der Gebührenordnung für Ärzte festgelegt“, sagt die Chefin der Verbraucherzentrale. Darin werden ärztliche Leistungen katalogisiert und einer Gebührenziffer zugeordnet. „Unter Ziffer 100 steht dort, dass ein Arzt für die Untersuchung einschließlich Feststellung des Todes und Ausstellung des Leichenschauscheins einen Betrag zwischen 14,57 Euro, das ist der einfache Gebührensatz, und 33,51 Euro zum 2,3-fachen-Gebührensatz abrechnen darf“, so Annabel Oelmann.

Annabel Oelmann, Chefin der Verbraucherzentrale Bremen, berichtet von Beschwerden über zu hohe Totenschein-Rechnungen von ­Ärzten.

Annabel Oelmann, Chefin der Verbraucherzentrale Bremen, berichtet von Beschwerden über zu hohe Totenschein-Rechnungen von ­Ärzten.

Foto: Frank Thomas Koch

Verbraucherzentrale warnt vor zu hohen Rechnungen

Bei dem 3,5-fachen Satz darf er 51 Euro für die Untersuchung verlangen, müsse dies aber ausführlich begründen. Dazu komme ein Wegegeld, aufgegliedert nach Tages- und Nachtzeiten, das maximal mit 25,56 Euro abgerechnet werden dürfe. „Mit den Höchstsätzen sind das unterm Strich maximal 76,56 Euro für das Ausstellen eines Totenscheins – und nicht mehr“, so die Chefin der Verbraucherzentrale.

Daran halten sich offenbar nicht alle Ärzte. In einer Rechnung, die dem WESER-KURIER vorliegt, verlangt ein Mediziner 186,42 Euro von Angehörigen für das Ausstellen des Totenscheins – ein paar Extras inklusive. Zum Beispiel: 42,90 Euro für den „Besuch“ beim Verstorbenen. Dieser dürfe aber nur berechnet werden, wenn ein Arzt zu einem Sterbenden, also noch lebenden Menschen, gerufen werde. Auch ein „Zuschlag für Leistungen an Sonnabenden, Sonn- und Feiertagen“ ist als Extra-Posten aufgeführt. „Das ist nicht zulässig“, sagt Annabel Oelmann.

Über die Gründe, warum Ärzte überteuerte Totenschein-Rechnungen verschicken, kann sie nur spekulieren. „Die Gebührenordnung ist unmissverständlich formuliert“, sagt sie. In einem Fall habe sich ein Angehöriger bei dem Arzt beschwert und die Rechnung über insgesamt 131,86 Euro nicht akzeptiert.

"Das ist eine Frechheit"

Mit Erfolg: Nach der Beschwerde habe der Arzt die Extras wieder von der Rechnung genommen. Annabel Oelmann empört vor allem, dass Hinterbliebene in einer solchen emotionalen Ausnahmesituation an alles andere denken, als die Rechnung für den Totenschein zu überprüfen. „Das ist eine Frechheit und schamlos“, sagt sie. Angehörige sollten sich an die Ärztekammer wenden, wenn sie eine überteuerte Rechnung für die Leichenschau bekommen. „Wir können beraten, aber die Kammer kann gezielt auf die Ärzte zugehen.“

Bei der Bremer Ärztekammer ist das Problem bekannt, sagt die Hauptgeschäftsführerin, Heike Delbanco. „Es gibt solche Fälle.“ Die Rechtslage sei eindeutig, daran müssten sich die Ärzte halten. „Alles andere ist rechtswidrig“, betont sie. Bei hartnäckigen Fällen könnten berufsrechtliche Konsequenzen drohen. „Auch wenn die Auffassung ist, dass die Abrechnungssätze für die Leichenschau aus Sicht der Ärzte zu niedrig sind, kann dies nicht auf dem Rücken von Hinterbliebenen ausgetragen werden.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+