Bildungsbehörde lehnt Rückzugsort ab Ärger um einen Raum der Stille

Am Hermann-Böse-Gymnasium gibt es neben den Abitur-Klausuren momentan vor allem ein Gesprächsthema, das die Pausen beherrscht: Einen Raum der Stille, den die Schüler gerne einführen wollten, der von der Bildungsbehörde aber abgelehnt wurde.
03.05.2015, 00:00
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Ärger um einen Raum der Stille
Von Kristin Hermann

Am Hermann-Böse-Gymnasium gibt es neben den Abitur-Klausuren momentan vor allem ein Gesprächsthema, das die Pausen beherrscht: Einen Raum der Stille, den die Schüler gerne einführen wollten, der von der Bildungsbehörde aber abgelehnt wurde. „Wir wollten damit einen Rückzugsort schaffen, in dem in Ruhe gebetet werden oder in dem man einfach nur seine Hausaufgaben erledigen kann“, sagt Mücahid Demir, der sich für den Raum mit eingesetzt hat.

Er und viele andere seiner Mitschüler sind gläubige Muslime. Sie beten mehrmals täglich – auch zur Mittagszeit, wenn sie noch in der Schule sind. Bisher müssen sie das im Treppenhaus oder in einer anderen Ecke der Schule. In einer belebten Schule ist das fast unmöglich, meint Demir. Wichtig ist dem 17-Jährigen, dass nicht der Eindruck entsteht, der Raum sei ausschließlich für Muslime, die ungestört beten wollen. „Der Raum sollte all denjenigen offen stehen, die einfach nur ein bisschen Stille benötigen“, sagt er.

Um das Anliegen mit Lehrern, der Schulleitung und einigen Schülern zu besprechen, war vor den Osterferien ein Referent für interkulturelle Angelegenheiten von der Bildungsbehörde im Hermann-Böse-Gymnasium. Dabei ist es nach Angaben der Schüler zu einigen Problemen gekommen. Weil er Unterricht hatte, war Mücahid Demir bei dem Gespräch nicht anwesend.

Dafür drei Schülerinnen, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen wollen. „Wir stehen kurz vor dem Abitur und haben Angst, dadurch benachteiligt zu werden“, sagt eine von ihnen. Dem Referenten der Bildungsbehörde werfen sie vor, dass er von Anfang an gegen einen solchen Raum gewesen sei. „Außerdem hat er gesagt, dass Muslime, die kniend beten, eine Provokation für anderen darstellen könnten“, sagt eine der Schülerinnen. Das hätte die Mädchen derart verletzt, dass einige von ihnen nach dem Gespräch geweint hätten.

Die Behörde weist diese Vorwürfe zurück. Unser Referent für interkulturelle Angelegenheiten hat den Schülern erklärt, dass Beten immer ein persönliches Glaubensbekenntnis darstellt und die Religionen unterschiedliche Rituale in Gottesdienst, Moschee oder Synagoge haben, um ihren Glauben im Gebet auszudrücken“, sagt Christina Selzer, Sprecherin der Bildungsbehörde. „Von einer Provokation durch muslimisches Beten wurde dabei nicht gesprochen.“

Der Ort der Stille wurde nicht bewilligt. Die Bildungsbehörde begründet diesen Schritt damit, dass es im Hermann-Böse-Gymnasium nicht ausreichend Platz gebe. „Dort gibt es keinen Raum, der dauerhaft zur Verfügung stehen würde“, sagt Selzer. Zudem gebe es für die älteren Schüler bereits einen Oberstufenraum, in dem sie sich in den Pausen und Freistunden aufhalten können.

Dies kann Mücahid Demir nicht nachvollziehen. Er sagt, ihm und den anderen Schülern sei es egal, ob sie einen dauerhaften Raum bekämen oder in den Pausen einen normalen Klassenraum nutzen. Der Oberstufenraum sei jedenfalls kein Ort der Ruhe. „Dort sind auch Handys erlaubt. Das ist eher ein Aufenthaltsraum“, so Demir.

Auch Ismail Baser, Vorsitzender von Schura Bremen, würde den gewünschten Raum der Stille begrüßen. „Für gläubige Muslime ist es wichtig, das zu Mittagsgebet sprechen. Auch für die Psyche“, sagt Baser. Bei Gelegenheit will er das Thema noch einmal in der Bildungsbehörde ansprechen.

Auch die Schüler wollen nicht untätig bleiben. Sie haben an Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) einen Brief geschrieben, in dem sie ihren Unmut über die Ablehnung und das Verfahren beschreiben. Bisher haben sie keine Antwort bekommen.

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