Seniorenheim wird geschlossen

Ärger um Haus 18

„Die Bewohner werden nur verwahrt, nicht mehr gepflegt“, sagt eine Angehörige, deren Mutter in Friedehorst untergebracht ist. Welche Anschuldigungen sie vorbringt und wie die Stiftung reagiert.
28.06.2017, 10:00
Lesedauer: 4 Min
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Ärger um Haus 18
Von Patricia Brandt
Ärger um Haus 18

Das Seniorenheim Haus 18 der Friedehorst-Stiftung galt in den Siebzigerjahren als Vorzeigeobjekt. Inzwischen haben sich die Standards verändert. Ende Oktober soll es deshalb für eine Modernisierung geschlossen werden.

Christian Kosak

Lesum. Eine wund gelegene Patientin, aufgeschobene Toilettengänge, Hygieneprobleme – Angehörige und Bewohner berichten von gravierenden Pflegemängeln in einem Seniorenheim der Stiftung Friedehorst. Das Haus Nummer 18 soll zum 31. Oktober geschlossen werden. Die Stiftung will es modernisieren lassen. „Dass der Veränderungsprozess zu Lasten der Bewohner geht, werden wir aber nicht akzeptieren“, versichert Geschäftsführer Pastor Michael Schmidt im Gespräch mit unserer Zeitung.

Für Stefanie Meier (Name geändert) stellte sich die Situation in Haus 18 zuletzt als alarmierend dar. „Die Bewohner werden nur noch verwahrt, nicht mehr gepflegt.“ Ihre über 90-jährige Mutter klage seit Längerem, dass ihr oft erst nach langer Wartezeit jemand auf die Toilette helfe. Gewaschen würden die Patienten häufig nur im Schnelldurchgang. „Ich habe auch offene Stellen an ihrem Körper entdeckt“, sagt Stefanie Meier.

Ihr Gesamturteil: „Die Pflege ist eine Katastrophe.“ Der Nachttopf werde nicht geleert, der Behälter für die dritten Zähne ihrer Mutter sei inzwischen verschimmelt. Handtücher würden entweder überhaupt nicht ausgegeben oder so abgelegt, dass die Bewohnerin sie nicht erreichen könne. „Das Stammpersonal wird abgezogen oder lässt sich versetzen. Die können das nicht mehr mit ansehen“, so die Tochter. Sie kritisiert weiter, dass die Angehörigen nicht hinreichend informiert werden. „Wir kriegen nur einen Teil mit. Warum zum Beispiel das dritte und vierte Obergeschoss geschlossen sind. Es gibt viele Gerüchte.“

Stefanie Meier ist nicht die Einzige, die massiv Kritik übt. Eine weitere Angehörige sagt: „Haus 18 ist eine bodenlose Frechheit. Das Einzige, was klappt, ist die Abbuchung der Gelder.“ Sie habe ihren Vater, der inzwischen ausgezogen ist, „nie so dreckig erlebt wie in Haus 18. Die Haare fettig, die Kleidung vollgekleckert.“

Auch Bewohner Manfred Kirstein, der sich für als Bewohner-Fürsprecher im Heimbeirat engagiert, berichtet von Hygienemängeln und weiteren Missständen. So hätte eine Bewohnerin zum Beispiel kein Mittagessen bekommen. Die älteren Leute seien allesamt aufgebracht über die Personalsituation: „Es ist eine mittlere Katastrophe. Eine Person ist für drei Stockwerke zuständig. Das Fremdpersonal versteckt sich. Später heißt es: 'Wieso die Bewohnerin wurde doch gewaschen.' Aber tatsächlich ist das nicht passiert.“

Die komplette Schließung des Hauses ist nur noch eine Zeitfrage. Sie ist für den 31. Oktober angekündigt. Stefanie Meier war bisher davon ausgegangen, dass die Wohn- und Betreuungsaufsicht, früher Heimaufsicht, die Schließung wegen der Pflegemängel veranlasst hat. Dies sei aber nicht der Fall, sagt der Sprecher der zuständigen Sozialbehörde, Bernd Schneider. Die Heimaufsicht habe zwar festgestellt, dass es „immer mal Probleme“ gebe und auch „Beratungsbedarf“, aber sie habe keine gravierenden Pflegemängel registriert. Dies macht einen Unterschied für die Behörde: „Bei gefährlicher Pflege müsste die Wohn- und Betreuungsaufsicht das Heim binnen 24 Stunden schließen. Das wäre sonst nicht zu verantworten.“

Für Reinhard Leopold von der unabhängigen Selbsthilfe-Initiative Heim-Mitwirkung in Bremen stellt sich die Frage, warum die Heimaufsicht nicht einschreitet und konkrete Sanktionen verhängt. Es dauere zu lange, bis konkrete Maßnahmen ergriffen werden. Das Bremer Wohn- und Betreuungsgesetz müsse dringend angepasst werden: „Die Heimaufsicht darf sich nicht in Beratung flüchten.“ Er geht davon aus, dass im Haus 18 zu wenig Pflegepersonal im Einsatz ist.

„Es wird jetzt viel mit Leiharbeitern gearbeitet“, sagt ein Mitarbeiter in Friedehorst, der namentlich nicht genannt werden will. „Alles wird runtergefahren. Der ganze Abbau bringt unheimlich viel Unruhe.“ Er beschreibt die Situation im Haus als konfus. Auch für die Mitarbeiter sei es „eine unglückliche Situation.“

Aktuell leben nach Angaben der Stiftung noch 48 Bewohner in dem Haus. Dass es für diese Menschen zu wenig Pflegepersonal gibt, bestreitet Stiftungs-Vorsteher Michael Schmidt. Die Stiftung beschäftige ausreichend Pflegekräfte: „Morgens sieben und nachmittags fünf Mitarbeiter.“ Schmidt räumte zwar ein, dass es derzeit „einen hohen Krankenstand“ unter den Mitarbeitern im Haus 18 gibt. Er sagte aber auch, dass die Stiftung sofort reagiert habe und Fremdpersonal beschäftige. Er habe ebenfalls von Beschwerden der Bewohner gehört. Die beschriebenen Pflegemängel nannte Schmidt indes inakzeptabel: „Wir werden diesen Hinweisen sofort nachgehen.“

Die Stiftung hat die alten Menschen aus Haus 18 für diese Woche zu Bratwurst und Kartoffelsalat eingeladen, um mit ihnen über die bevorstehende Heimschließung zu sprechen. „Es muss niemand Sorge haben, sein Heim und sein Zuhause in Friedehorst zu verlieren, denn wir möchten für jeden von Ihnen ein neues und schönes Zuhause finden“, heißt es in dem Schreiben.

Die Stiftung will das 42 Jahre alte Gebäude nach Schmidts Worten sanieren und umbauen lassen. „Wir müssen marktfähig bleiben mit unseren Angeboten.“ Die Immobilie sei technisch veraltet und in Teilen marode. Schmidt spricht von einem Legionellenbefund von vor zwei Jahren.

Galt das Haus in den Siebzigern mit seinen Doppel- und Einzelzimmern noch als Vorzeigeobjekt in der Branche, sei es mittlerweile für die klassische Pflege nicht mehr zu nutzen: „Doppelzimmer finden am Markt immer weniger Absatz. Deshalb haben wir im Haus 18 ein Belegungsproblem.“

Die Stiftung will das Gebäude aber nicht verkaufen: „Haus 18 bleibt in Friedehorster Besitz.“ Seit Herbst werde gemeinsam mit Architekten ein neues Konzept für die weitere Nutzung erarbeitet. Im Gespräch sei eine Lösung für Wohngruppen. Michael Schmidt weiß, dass einige Bewohner nicht gerne ausziehen. Sie leben schon seit vielen Jahren in Haus 18. Schmidt betont: „Es wird niemand vor die Tür gesetzt.“

„Die Bewohner werden nur noch verwahrt, nicht mehr gepflegt.“ Eine Angehörige
„Wir möchten für jeden ein neues und schönes Zuhause finden.“ Schreiben an die Bewohner
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