So steht es im Digitale-Versorgung-Gesetz

Ärzte dürfen ab 2020 Gesundheits-Apps verschreiben

Im kommenden Jahr werden Krankenkassen erstmals die Kosten von sogenannten Gesundheits-Apps übernehmen. Das wird aus verschiedenen Gründen kritisiert. Was man dazu wissen sollte.
18.12.2019, 20:49
Lesedauer: 4 Min
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Von Simon Wilke
Ärzte dürfen ab 2020 Gesundheits-Apps verschreiben

Gesundheitsapps sind Programme, die auf mobilen Endgeräten installiert werden können und der Vorbeugung, Erkennung und Behandlung von Krankheiten nützen.

Michael Kappeler /dpa

In etlichen Regionen herrscht Ärztemangel, die Bevölkerung wird immer älter und die Zahl der chronisch Kranken nimmt zu. Kurzum: Das deutsche Gesundheits­system steht vor großen Herausforderungen. Ein Teil der Lösung dieser Probleme sollen so­genannte Gesundheitsapps sein, die im ­kommenden Jahr von Ärzten verschrieben und deren Kosten von Krankenkassen erstattet werden sollen.

So steht es im Digitale-Versorgung-Gesetz, das im November durch den Bundestag beschlossen wurde. Aber was sind eigentlich Gesundheitsapps und wem ­können sie helfen? Wir klären die wichtigsten Fragen zur digitalen Behandlung durch Apps.

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Was sind Gesundheitsapps?

Gesundheitsapps, auch Digitale Gesundheitsanwendungen genannt, sind Programme, die vor allem auf mobilen Endgeräten installiert werden können und einen medizinischen Zweck erfüllen. Im weitesten Sinne dienen sie der Vorbeugung, Erkennung oder Behandlung von Krankheiten. Darunter fallen zum Beispiel Apps, die an die Einnahme von Medikamenten erinnern, die online Arzttermine vergeben oder sogar unmittelbar medizinische Funktionen haben. Zur letzten Gruppe gehören beispielsweise Diabetes-Apps, die bereits eine Auswertung von Blutzuckerwerten vornehmen.

Fitness- oder Ernährungsapps werden in der Regel nicht dazu gezählt. „Ausschlaggebend bei der Abgrenzung [...] ist die medizinische oder nicht-medizinische Zweckbestimmung“, heißt es auf der Homepage des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Bei Apps ohne eine vom Hersteller beanspruchte medizinische Zweckbestimmung könne in der Regel davon ausgegangen werden, dass es sich nicht um Medizinprodukte handelt, teilt das Bundesinstitut mit.

Wem helfen Gesundheitsapps?

Gesundheitsapps können auf verschiedenen medizinischen Fachgebieten nützlich sein. Ann Marini vom Spitzenverband Bund der Krankenkassen listet einige dieser Bereiche auf: „Eine ganze Reihe von Anwendungen unterstützt Patienten beim Selbstmanagement etwa von Diabetes, Asthma oder Rückenschmerzen. Dabei kommen oft Symptomtagebücher oder Dokumentationshilfen für Messwerte bei Blutzucker- oder Blutdruck-Erkrankungen zum Einsatz.“ Außerdem seien Apps, die an die Einnahme von Medikamenten erinnern oder bei gymnastischen Übungen anleiten, verbreitet. Und: „Einzelne Apps können auch die ärztliche Behandlung unterstützen, etwa bei depressiven Störungen.“

Wann werden die Kosten für Gesundheitsapps übernommen?

Die Krankenkassen übernehmen grundsätzlich nur Kosten für Apps, die zuvor vom ­Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zertifiziert wurden. Das Hauptkriterium: der Nachweis durch die ­Hersteller, dass der Einsatz der App die Versorgung des Patienten tatsächlich verbessert hat. Zudem werden Sicherheit, Funktionstauglichkeit, Qualität, Datenschutz und Datensicherheit berücksichtigt. „Wenn ein medizinischer ­Nutzen möglich ist, gibt es grünes Licht vom BfArM und die Krankenkassen bezahlen die digitalen Gesundheitsanwendungen“, sagt Marini. Selbst wenn dieser Nachweis noch nicht möglich ist, können die Kosten bestimmter Apps für bis zu zwölf Monate erstattet werden. In dieser Zeitspanne muss der Hersteller einen positiven Versorgungseffekt nachweisen. Übernommen werden auch die Mehrkosten, die durch eine Nutzung von Downloadportalen entstehen – sofern ein anderer Bezug der App nicht möglich ist.

Welche Effekte erhofft man sich noch?

Das Digitale-Versorgung-Gesetz hat das Ziel, die Digitalisierung in der Gesundheitsfürsorge voranzutreiben. Die Verschreibung und Kostenübernahme bestimmter Apps ist dabei nur ein Pfeiler. Auch der Bereich der Telemedizin, also vor allem der Videosprechstunden von Ärzten, oder die elektronische Versendung von Arztbriefen und Krankschreibungen sollen mit diesem Gesetz gefördert werden.

Das Ziel des Gesetzes umschreibt Parsya Baschiri, zuständig für Verbraucherrecht bei der Verbraucherzentrale Bremen: „Es wird sich auf vielen Ebenen eine Erleichterung der Kommunikation zwischen Patienten und Ärzten und eine Senkung der Kosten im Gesundheitswesen erhofft.“

Was wird an Gesundheitsapps kritisiert?

Kritik kommt von verschiedenen Seiten. „Gesundheitsapps stoßen bei Ärzten auf Widerstand“, sagt beispielsweise Christoph Fox, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen. Insbesondere die Übernahme ärztlicher Aufgaben durch Apps sei kritisch zu bewerten.

Baschiri befürchtet, dass einige Apps im schlimmsten Fall negative Auswirkungen für die Nutzer haben könnten. „Schäden können durch Fehlfunktionen verursacht werden oder durch fehlerhafte Anwendungen. Fehlerhafte Messungen können zu falschen oder auch unnötigen Diagnosen und Therapie- oder Behandlungsempfehlungen führen.“ Außerdem würden durch Medizin-Apps besonders sensible persönliche Daten erhoben. „Bei vielen Apps wissen die Nutzer nicht, wem sie ihre Daten anvertrauen.“

Und bereits der Download hinterlasse Datenspuren. Besonders die Nutzung und Kostenübernahme von gängigen Downloadportalen der Betriebssysteme iOS und Android sei deshalb kritisch zu betrachten. Vonseiten der Krankenkassen wird insbesondere die zwölfmonatige Nachweisfrist kritisch gesehen. „Die GKV muss finanziell in Vorleistung gehen und gegebenenfalls auch Produkte zumindest ein Jahr lang finanzieren, bei denen der Nachweis eines medizinischen Nutzens am Anfang noch nicht vorliegt“, sagt Marini.

Worauf sollten Nutzer achten?

Die Apps werden durch das BfArM zertifiziert und unterliegen damit denselben Kriterien wie andere Medizinprodukte. Trotzdem sollten Nutzer aufmerksam sein, rät Baschiri: Einerseits sollte die tatsächliche Funktion der App mit der versprochenen übereinstimmen; andererseits sei wichtig, dass bei kritischen Werten darauf hingewiesen wird, einen Arzt zurate zu ziehen.

Außerdem sollten Nutzer darauf achten, ob eine App beispielsweise auf das Adressbuch oder andere Anwendungen zugreift. „Verlangt die App nach Daten, die sie für die eigentliche Funktion nicht benötigt, kann das auf missbräuchliche oder zweckfremde Absichten hindeuten“, sagt Baschiri. Sie empfiehlt daher, auch das Kleingedruckte in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Anbieter genau zu lesen.

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