Medinetz fürchtet um die Versorgung Ärztliche Hilfe für Papierlose

Bremer Ärzte und die Hilfsorganisation Medinetz fürchten um die medizinische Versorgung von Menschen ohne Ausweisdokumente - sie schlagen einen anonymen Krankenschein als Modellprojekt vor.
09.08.2017, 20:10
Lesedauer: 3 Min
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Ärztliche Hilfe für Papierlose
Von Sabine Doll

Sylvia Jacobs ist ein kleiner Patient besonders in Erinnerung: Es geht um ein Kind, das mit einer Fehlstellung der Hüfte in die Praxis der Bremer Kinder- und Jugendärztin kommt. „In der Regel werden alle Neugeborenen auf eine solche Hüftdysplasie untersucht. Wird die Fehlstellung festgestellt, kann meistens erfolgreich behandelt werden, indem die Kinder eine Spreizhose tragen.“

Dieses Kind ist nicht untersucht worden, die Fehlstellung ist inzwischen so sehr ausgeprägt, dass eine Operation notwendig ist. Der Grund: Die Mutter und ihr Kind leben ohne Papiere in Bremen. So wie nach Schätzungen rund 4000 weitere Menschen in der Hansestadt – Erwachsene und Kinder.

Viele Kinder nehmen nicht an Vorsorgeuntersuchungen teil

„Sie trauen sich nicht zum Arzt – oder erst dann, wenn es gar nicht mehr anders geht, wenn es ein medizinischer Notfall ist, wenn Schmerzen zu groß sind. Für Kinder bedeutet das, dass viele nicht an den Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen und nicht geimpft werden, chronische Erkrankungen wie Asthma nicht festgestellt und behandelt werden können“, beschreibt die Kinder- und Jugendärztin die Situation.

Sylvia Jacobs behandelt regelmäßig Kinder und Jugendliche ehrenamtlich und anonym in ihrer Praxis. Medinetz, eine nicht-staatliche medizinische Flüchtlingshilfe mit Büros in mehreren deutschen Städten, vermittelt Erwachsene und Kinder ohne Aufenthaltsgenehmigung an die ehrenamtlich tätigen Mediziner.

„Zurzeit sind das etwa 30 Ärztinnen und Ärzte und zwei Labore in Bremen“, sagt Doreen Seefeldt von Medinetz Bremen. Die Gründe dafür, warum Menschen ohne gültige Pass- und Aufenthaltspapiere in Bremen aufhalten, seien vielfältig: „Bei manchen besteht ohnehin keine Aussicht auf eine Aufenthaltsgenehmigung, bei anderen ist der Asylantrag bereits abgelehnt, wieder andere holen Kinder oder andere Angehörige nach“, sagt Doreen Seefeldt.

Einschränkungen bei den Öffnungszeiten

Seit 2009 gibt es in der Hansestadt außerdem eine Humanitäre Sprechstunde beim Gesundheitsamt, in der zwei Ärztinnen und eine medizinische Fachkraft an zwei Tagen in der Woche für jeweils zwei Stunden kostenlose medizinische Akutversorgung für sogenannte papierlose Menschen anbieten.

„Allerdings gab es in den vergangenen Monaten immer wieder Einschränkungen bei den Öffnungszeiten“, sagt Doreen Seefeldt. Im April war die Humanitäre Sprechstunde sogar – ohne Ankündigung – für eine Zeit ganz geschlossen, wie der WESER-KURIER berichtete.

Personelle Engpässe sollen der Grund gewesen sein. Die Gesundheitsbehörde hatte bestätigt, dass während einer vierwöchigen Schließung vom Gesundheitsamt ein neues Konzept für die Sprechstunde erarbeitet werden sollte. Auch in den Sommerferien ist es erneut zu Einschränkungen bei der Sprechstunde gekommen, wie die Behörde bestätigt.

Patienten können nicht selbst zahlen

Das für Mai angekündigte Konzept gibt es noch nicht, ein Entwurf liege zur Prüfung in der Fachbehörde, teilt Behördensprecherin Christina Selzer mit. Wie dieses Konzept aussieht, in welchem Rahmen die Sprechstunde weiter betrieben und wie viel Geld dem Gesundheitsamt dafür zur Verfügung gestellt werden soll, war von der Behörde nicht zu erfahren.

2009 war das damalige Modellprojekt mit Haushaltsmitteln in Höhe von 35.000 Euro jährlich ausgestattet worden. Die Kinderärztin und die Medinetz-Mitarbeiterin befürchten, dass der Betrieb eingeschränkt werden soll; die Öffnungszeiten, aber auch die Mittel. „Das reicht schon jetzt nicht, zumal die Kosten, etwa für Rezepte, meist nicht reichen“, sagt Sylvia Jacobs.

Ein Teil werde über die Humanitäre Sprechstunde oder aus Spenden an Medinetz übernommen. „Aber in der Regel ist es so, dass die Patienten selbst zahlen müssen, und das können sie nicht“, so die Kinderärztin. Das führe dazu, dass chronische und schwere Erkrankungen nicht konsequent behandelt werden könnten, es zu Komplikationen und medizinischen Notfällen komme.

Zugang zur Gesundheitsversorgung ist ein Menschenrecht

In Hannover und Göttingen gibt es seit 2016 den sogenannten anonymen Krankenschein: Das Projekt wird vom Land finanziert, seit dem Start wurden nach Angaben des Vereins Gesundheitsversorgung für Papierlose in beiden Städten zusammen 95 000.Euro abgerufen. Das Prinzip: Die Menschen bekommen für konkrete Beschwerden einen drei Monate gültigen Krankenschein.

Mit dem können sie zu jedem Arzt gehen, Behandlung und Rezept werden über den Verein abgerechnet. Sylvia Jacobs: „Damit erweitert man den Zugang zum Gesundheitssystem, schwere gesundheitliche Folgen werden dadurch vermieden. Der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist immerhin ein Menschenrecht.“ Aus der Behörde heißt es dazu: Bislang lägen noch keine abschließenden Erfahrungsberichte aus Göttingen und Hannover vor.

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