Leichte Beute

Akkus von E-Bikes im Visier von Dieben

Teure E-Bikes sind für Fahrraddiebe natürlich von besonderem Interesse. Da die Räder in der Regel aber gut gesichert sind, verfallen die Täter auf eine neue Masche.
28.08.2019, 06:10
Lesedauer: 4 Min
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Akkus von E-Bikes im Visier von Dieben
Von Ralf Michel
Akkus von E-Bikes im Visier von Dieben

Zur Sicherung der Akkus dienen häufig nur einfache Schlösser.

Christina Kuhaupt

Wer bereit ist, einen vierstelligen Betrag für ein E-Bike hinzublättern, der knausert in der Regel auch nicht beim Kauf eines hochwertigen Fahrradschlosses. Dumm nur, wenn die Diebe deshalb eine neue Strategie entwickeln und nicht mehr das ganze E-Bike stehlen, sondern nur den vergleichsweise einfach gesicherten Akku. Christian Lammering, Filialleiter des Fahrradgeschäfts BOC in der Stresemannstraße, hat hier bereits einen „erschreckenden Trend“ ausgemacht. Nicht weniger als 20 Ersatzakkus musste er in den vergangenen Wochen für Kunden bestellen, die bestohlen worden waren. Zwei von ihnen sogar zweimal in nur drei Wochen.

Die Bremer Polizei spricht nicht von „Trend“, bestätigt aber mehrere Anzeigen von gestohlenen E-Bike-Akkus. „Die Akku-Schlösser, die viele Elektrofahrräder haben, reichen als Diebstahlschutz nicht aus“, erklärt Pressesprecherin Jana Schmidt. Wer sein Elektrofahrrad unterwegs abstellen will, sollte daher wertvolle Zubehörteile wie den Akku am besten mitnehmen oder zumindest mit einem zusätzlichen stabilen Schloss sichern. Zur Vorgehensweise der Diebe erklärt die Polizei, dass Akkus häufig inklusive Schloss brachial herausgerissen würden.

Brachiales Vorgehen

Dies bestätigt Lammering. „Die Akkus werden mit einem Schraubenzieher herausgehebelt oder einfach vom Rahmen abgetreten.“ Für den Eigentümer des Fahrrads käme auf diese Weise zum gestohlenen Akku – Kostenpunkt etwa 700 bis 900 Euro – auch noch der Schaden am Rad hinzu. „Eine unserer Kundinnen hatte einen Gesamtschaden von über 2000 Euro.“

Die Motivation der Diebe liegt für den Fahrradhändler auf der Hand. „So ein Akku ist teurer als ein normales neues Rad.“ Zudem könnten die Akkus, die noch überwiegend von einem einzigen Hersteller kommen, meist problemlos an anderen E-Bikes verwendet werden. „Das ist wie eine Power-Bank – mit dem richtigen Anschluss kein Problem.“

Laut bundesweiter Kriminalstatistik ist Bremen Hochburg für Fahrraddiebstähle. Nirgendwo anders in Deutschland werden umgerechnet auf die Bevölkerung so viele Fahrräder als gestohlen gemeldet. 2018 kamen rechnerisch auf 100 000 Einwohner 1053 gestohlene Räder, im Jahr zuvor waren es 817. In vergleichbarer Größenordnung waren nur noch die beiden anderen Stadtstaaten Berlin (837) und Hamburg (749) betroffen. In Niedersachsen kamen auf 100 000 Einwohner 403 gestohlene Räder, in Bayern 214, im Saarland 107.

Auffallend ist, dass 2018 außer in Bremen, in allen anderen Bundesländern gegenüber 2017 ein Rückgang zu verzeichnen war. Was allerdings auch an einer klassischen Unschärfe liegen kann, unter der jede Polizeistatistik leidet – das Zahlenwerk hängt immer auch davon ab, wie intensiv ein bestimmtes Deliktfeld von der jeweiligen Polizei angegangen wurde.

Insgesamt wurden laut Polizei 2018 in Deutschland 292000 Fahrräder als gestohlen gemeldet, wobei in diesem Bereich von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen wird. Laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), der Dachorganisation der privaten Versicherungen in Deutschland, waren 160 000 dieser Räder versichert, was einen Gesamtschaden von 100 Millionen Euro verursacht habe.

Parallel zum rasant wachsenden Markt für E-Bikes dürfte auch deren Anteil in dieser Statistik gestiegen sein. Konkrete Zahlen hierzu habe der GDV aber nicht, erklärt dessen Pressesprecher Christian Ponzel. Einen Hinweis darauf, dass der Anteil hochwertiger Räder unter dem Diebesgut wächst, gibt allerdings die Höhe der pro Rad geleistete Entschädigungszahlung der Versicherungen. Die lag 2018 durchschnittlich bei 630 Euro. Zehn Jahre zuvor lag dieser Wert noch bei durchschnittlich 370 Euro.

Was zu einer weiteren Entwicklung führt, von der der GDV berichtet: Die Versicherer registrierten immer mehr Betrugsfälle mit teuren Fahrrädern wie zum Beispiel E-Bikes, heißt es in einer Pressemitteilung des Verbandes. „Fahrräder haben sich zu Lifestyle-Produkten entwickelt, die oft sehr hochwertig ausgestattet sind. Solche Modelle nutzen vermehrt auch Betrüger, um bei Versicherungen Geld zu erschwindeln“, sagt Peter Holmstoel, beim GDV verantwortlich für Kriminalitätsbekämpfung. Knapp jede zehnte Anzeige eines Fahrraddiebstahls ist nach Schätzungen der Versicherer dubios. „Und typischerweise bewegen sich die Verdachtsfälle bei Modellen oberhalb von 2500 Euro“, berichtet Holmstoel.

Versicherungsbetrug

Hierbei falle insbesondere die Zunahme gestohlener Elektrofahrräder auf. Für den Betrugsspezialisten des GDV kein Zufall: Holmstoel sieht einen zeitlichen Zusammenhang mit der Einführung der Produkte. Viele Akkus der ersten E-Bikes hätten inzwischen ihre maximale Lebensdauer erreicht. „Preise von mehreren hundert Euro für einen Ersatzakku verleiten in manchen Fällen dazu, das Fahrrad als gestohlen zu melden“, mutmaßt Holmstoel. Mit der Entschädigung des Versicherers würde dann anschließend ein neuer Akku gekauft.

Mit den zuletzt in Bremen gehäuft auftretenden Fällen von gestohlenen Akkus hat diese Entwicklung indes nichts zu tun. Sie passen eher in das bereits von Diebstählen hochwertigen Autoteile bekannte Schema, bei denen Täter zudem äußerst kaltschnäuzig vorgehen: Einer der bestohlenen Kunden von Christian Lammering hatte sein E-Bike direkt vor dem Landgericht angeschlossen. Ein anderes Diebstahl-Opfer vermisst seinen Akku seit dem Start der Fußball-Bundesliga. Er hatte sein E-Bike während der Partie von Werder Bremen gegen Fortuna Düsseldorf abgeschlossen am Osterdeich abgestellt – direkt neben der Reihe wartender Polizeibullis.

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