Jnternationales Zirkus-Festival in Bremen Akrobatik als Brückenbauer

Vom 28. Juli bis zum 7. August werden sich rund 80 Jugendliche aus sechs Nationen in Bremen zusammenfinden. Schon jetzt wird eifrig trainiert für das Zirkus-Festival „Bridges for Youth“.
12.07.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Akrobatik als Brückenbauer
Von Jan Oppel

Mit rutschenden Bewegungen zieht sich Susanna Inder am Vertikaltuch nach oben. Gekonnt klettert die 18-Jährige an der langen gelben Stoffbahn in Richtung Hallendecke. Auf halber Höhe dreht sie die Beine in das Tuch ein, lässt sich kopfüber nach hinten fallen und streckt die Arme nach unten. Moritz Salger greift ihre Hände. Der junge Mann in Jogginghose macht eine Rolle rückwärts und hängt sich im Hohlkreuz unter seine Turnpartnerin.

Was spielerisch leicht aussieht, ist Ergebnis jahrelangen Trainings. In der Turnhalle der Schule am Leipnizplatz bereiten sich die Jugendlichen an diesem Abend für das Zirkus-Festival „Bridges for Youth“ vor. Vom 28. Juli bis zum 7. August werden sich rund 80 Jugendliche aus sechs Nationen in Bremen zusammenfinden. Neben den vier lokalen Zirkusgruppen Jokes, Bambolino, Fiffix und Bambini werden Artisten, Clowns und Jongleure aus der Türkei, Belgien, Italien, den palästinensischen Gebieten und Frankreich zu Gast sein. Sechs Shows werden sie in der Shakespeare Company gemeinsam präsentieren. Was die Jugendlichen im Alter von 13 bis 23 Jahren verbindet, ist die Leidenschaft zum Zirkus.

Nach ihrer Akrobatik-Nummer machen Moritz Salger und Susanna Inder eine Pause. Die beiden haben sich am Rand der Turnhalle niedergelassen. Er im Schneidersitz, sie im Spagat. Gerade fahren drei Mädchen auf ihren Einrädern vorbei. Zwei andere Jonglieren mit bunten Keulen. „Akrobatik ist ein sehr körperlicher Sport“, sagt Salger. „Und es gibt immer neue Sachen, die man entdecken kann.“

An der Oberschule Findorff besucht Salger die zwölfte Klasse. Er hofft, auf dem Festival von den Trainern und Artisten anderer Zirkusschulen neue Kunststücke lernen zu können. Jeden Tag werden die Trainer Workshops für die Jugendlichen anbieten. „Stelzenlaufen, Jonglage, Akrobatik – für jeden ist etwas dabei“, sagt Salger. Inder geht es vor allem um das Miteinander. „Das Zusammensein mit Leuten, die das Gleiche vereint“, sagt sie.

Seit 19 Jahren findet das Festival alle drei Jahren in Bremen statt. Inder und Salger waren schon beim vorigen Mal dabei. Vor drei Jahren sei sie noch sehr schüchtern gewesen, sagt Inder. Auch ihr Englisch war noch nicht so gut wie heute. Das erschwerte die Kommunikation mit den Zirkuskollegen. Jetzt freut sie sich auf den Austausch mit den anderen Künstlern. Das einstudierte Repertoire der Gruppen ist sehr unterschiedlich. „Das Programm der Italiener ist zum Beispiel sehr theatralisch“, sagt Paul Wallner von der Bremer Zirkusschule Jokes. Die Darbietung der Belgier sei hingegen technisch sehr anspruchsvoll. „Diese Kontraste bringen wir in einem Programm zusammen auf die Bühne“, freut sich Wallner.

Die Organisation des Projekts wird vom Service-Bureau Jugendinformation und dem Lidice-Haus übernommen. Hier werden die auswärtigen Jugendlichen auch untergebracht. Die Europäische Union, das Land Bremen und verschiedene Stiftungen fördern das Projekt. Das Motto „Between asphalt and star-gazing“ (zwischen Asphalt und Sternenguckerei) haben sich die jungen Artisten selbst auf einem der zwei Vorbereitungstreffen ausgedacht. An den ersten vier Festivaltagen werden alle Gruppe ihr eigenes Programm präsentieren. Bei beiden Finalshows zeigen die Artisten ein eigenes Programm, das sie während des Festivals in Eigenregie auf die Beine stellen werden.

Neben dem Zirkus soll es auch um soziale und politische Fragen gehen, sagt Dietmar Hatesuer, Zirkuspädagoge und künstlerischer Leiter. Das Motto verdeutliche die Lebensrealität der Jugendlichen, die sich immer zwischen ihrem oft harten Alltag und ihren Zukunftsträumen bewegen würden. Unter anderem soll über die Jugendarbeitslosigkeit in Europa und Stress in der Schule diskutiert werden.

Zwei Jahre haben Künstler und Veranstalter auf das Festival hingearbeitet. Kurz vor dem Start gibt es vor allem für die Organisatoren noch viel zu tun. Termine, Verpflegung, Unterbringung, Fahrtkosten – die Liste ist lang. „Wir wollen jedem ermöglichen, am Festival teilzunehmen“, sagt Anna Müller, Bildungsreferentin beim Service-Bureau Jugendinformation. Damit das gelingt, muss noch einiges getan werden: Die italienische Gruppe sucht noch nach einer Möglichkeit, ihre langen Stelzen von Sardinen aus nach Bremen zu verschiffen. Den türkischen Künstlern fehlen noch einige spezielle Instrumente.

Inder und Salger sind mit ihrem Vorbereitungsstand zufrieden. Beide freuen sich jetzt schon auf die Eröffnungsshow. „Wir haben etwas Nettes vorbereitet“, sagt Salger.

Von Akrobatik bis Diabolo-Künstlern sei alles dabei. Inder hat keine Sorgen, dass alles auch klappt. „Wenn ich nicht weiter weiß, improvisiere ich einfach“, sagt sie. „Meistens wird es dann am besten.“

Am Sonnabend, 1. August, werden die 80 Jugendlichen mit einer Parade durch die Innenstadt ziehen. Vom Marktplatz geht es ab 16 Uhr durch die Obernstraße zum Hanseatenhof. Infos zum Zirkusfestival und das Programm unter www.bridgesforyouth.de

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