Gewalt an Heimkindern Albtraum hinter verschlossenen Türen

Wie ein Junge aus Bremerhaven mit den Folgen des Heimaufenthalts in den 60er Jahren in der Erziehungsanstalt Ellener Hof in Bremen-Osterholz kämpft.
10.10.2018, 18:10
Lesedauer: 4 Min
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Albtraum hinter verschlossenen Türen
Von Christian Hasemann

Ellener Feld. „Ich wusste gar nicht, wo ich war“, sagt Bernd Heiland. Er fand sich als Junge 1966 unversehens vor den Toren der Jungenerziehungsanstalt Ellener Hof in Bremen-Osterholz wieder. Amerika, das Land, das Freiheit versprach, war das Glücksversprechen in der Vorstellung des fünfzehnjährigen Jungen aus Bremerhaven. Der Traum von dieser Freiheit allerdings endete in einem Albtraum hinter verschlossenen Türen.

„Wir wollten eine Jacht klauen, das war unser Plan“, erzählt Bernd Heiland von der naiven Vision seiner Jugendclique. „Das war eben eine Kinderidee.“ Entkommen wollten sie den ärmlichen Verhältnissen mit Kriegs- und DDR-Flüchtlingen in der Seestadt, die sich in sozialen Problemen und Brutalität Bahn brachen. „Da wurden Kinder noch sehr rau behandelt, auch in der Schule wurde nicht mit Schlägen gezögert.“ Die Polizei erwischte die Jugendbande um Bernd Heiland noch vor der ersten Schleuse – und fuhr ihn direkt zum Ellener Hof. „Später habe ich herausgefunden, dass das Jugendamt sehr viel Druck auf die Eltern ausgeübt und die Heime positiv dargestellt hat.“ Regelrecht eingesammelt worden seien die Kinder aus den ärmeren Stadtteilen. „Ich nehme an, das waren dieselben Beamten wie im Dritten Reich.“

Trügerisches Idyll

„Es war ein schöner, sonniger Tag, es blühte alles, ich dachte, ich komme in ein Paradies“, erinnert sich Bernd Heiland. Während draußen „ein Riese“ im Garten werkelte, wurde der Junge in das Büro des Heimleiters geführt. „Wir nannten ihn ‚Lederpfote‘, weil er eine Lederhand hatte.“ Der Heimleiter sei ein ehemaliger Stuka-Flieger mit einer Kriegsverletzung gewesen. „Dementsprechend war auch sein Gehabe.“ Bernd Heiland kam direkt in das gefürchtete „Haus 5“, die geschlossene Abteilung, und wurde in Häftlingskleidung gesteckt. „Mir wurden meine Klamotten, mein Geld und meine Wertsachen abgenommen.“ Das Leben teilte er sich mit drei anderen Jungen in einer kleinen Zelle. „Das waren sehr kleine Zimmer mit zwei Etagenbetten und einem Pisseimer“, erzählt er. Die Fenster bestanden aus Glasbausteinen mit einem kleinen Lüftungsschlitz.

Von einer pädagogischen Erziehung habe er nichts gemerkt, wohl aber von erniedrigenden Bestrafungen. „Wer beim Rauchen erwischt wurde, musste mit der Zahnbürste das Badezimmer sauber machen.“ Dazu kamen Schläge und psychologische Quälereien. Besonders hervorgetan habe sich der Hausvater – eben jener Riese aus dem Garten. „Das waren keine Pädagogen, sondern Wärter“, sagt Bernd Heiland. Aber auch untereinander habe es viele Auseinandersetzungen gegeben.

Der Tagesablauf im Haus 5: harte Arbeit und viel Langeweile. „Es gab eine Hofgruppe, und später haben wir für Vitakraft Aquarien zusammengebaut.“ Viele Gespräche drehten sich darum, wie man dem Haus entkommen könnte. „Das ging bis zu einem Todesfall. Die Kripo kam und sagte, sie suchten einen Mörder.“ Das war passiert: Zwei Jungen waren auf der Flucht in eine Scheune eingebrochen und waren in Streit geraten. Dabei kam ein Sechzehnjähriger ums Leben und sein Kontrahent versenkte die Leiche in einem Tümpel.

Insgesamt habe es eine „tierische Brutalität“ unter den Jungen gegeben, sagt Bernd Heiland. „Weil man uns nicht pädagogisch betreut, sondern nur kontrolliert hat.“ Die Aggressionen, die sich unter der Woche auf dem Ellener Hof anstauten, mussten die Jungen am Wochenende beim Freigang loswerden. „Die Aggressionen haben wir dann an den Blockdiekern mit Prügeleien ausgelassen.“ In Blockdiek gab es unter anderem die Diskothek „Beatkeller“, die auch von Jungen des Ellener Hofes besucht wurde. „Aber es gab immer die Drohung, dass man bei noch einem Vergehen ins Moor nach Freistatt kommt.“ Freistatt war ein berüchtigtes Lager für Jugendliche im Landkreis Diepholz, in dem unter Anstaltsleiter Brockmann der Geist der NS-Zeit weiterlebte. Das Lager existierte bis in die 1970er-Jahre hinein. Ein Film darüber aus dem Jahr 2015 des Regisseurs Marc Brummund sorgte bei seiner Aufführung für Entsetzen im Publikum.

Keine Akteneinsicht

Bernd Heiland kam erst nach über einem halben Jahr in das „offene“ Haus 6 und konnte an einer Tankstelle an der Osterholzer Heerstraße arbeiten, später eine Lehre als Dekorateur beginnen. Das verdiente Geld? Das nahm der Ellener Hof und er sah davon nie wieder etwas. So wie er bis heute seine Akten nicht einsehen konnte. „Dabei wäre das wichtig für meine Rente“, sagt Bernd Heiland.

Die Zustände waren aber auch in Haus 6 katastrophal. „Wir haben irgendwann rebelliert.“ Der Grund: Der zweiwöchige „Heimaturlaub“, wie es im militärischen Jargon der Erziehungsanstalt hieß, sollte gestrichen werden. „Wir haben das ganze Haus verwüstet und alles kaputt gehauen.“ Da hätten die Erzieher gemerkt, dass sie zu weit gegangen waren. Für Bernd Heiland wehte in der ganzen Anstalt noch der Geist des Dritten Reiches. „Es hieß zum Beispiel: ‚Früher hätte man so etwas wie euch vergast‘.“ Die Rede sei außerdem davon gewesen, dass die Jungen „Untermenschen“ und „unwertes Leben“ seien – alles Begriffe aus dem Sprachgebrauch der Nationalsozialisten. Nach Außen hielt man einen schönen Schein aufrecht: „Wenn das Jugendamt kam, wurde das ja immer angekündigt, dann wurde alles schön gemacht.“ Dabei habe es selbst am Essen gefehlt. „Oder es gab grottenschlechtes Essen.“

Nach zweieinhalb Jahren konnte Bernd Heiland die Erziehungsanstalt verlassen – als gebrochener Jugendlicher. Er ging nach Berlin, kehrte nach Bremerhaven zurück, fand Arbeit und versuchte, ein normales Familienleben zu leben. „Aber ich war dazu gar nicht fähig, ich habe dort einen Knacks mitbekommen.“ Die eigenen Eltern hätten über seine Zeit im Ellener Hof geschwiegen und diese verleugnet. „Inzwischen habe ich aber ganz gut Fuß gefasst“, sagt Heiland, der in Bremerhaven ein Fahrradgeschäft betreibt. Freundschaften seien damals in der Erziehungsanstalt zwar entstanden, aber dadurch, dass viele „Zöglinge“ aus der ganzen Bundesrepublik kamen, schnell an der Entfernung zerbrochen.

Weitere Informationen

Die Ausstellung „Denn bin ich unter das Jugendamt gekommen– Bremer Jugendfürsorge und Heimerziehung 1933 - 1945“ öffnet am Sonntag, 21. Oktober, um 15 Uhr im Haus im Park, Züricher Straße 40.

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