Gutachter: Deichschützer sollen Spundwände bauen und 125 Platanen fällen Alle Bäume an der Stadtstrecke müssen weg

Neustadt. Eine „Sensation“ nennt es Ortsamtsleiterin Annemarie Czichon, einen „Skandal“ die Linksfraktion des Neustädter Beirates. Sie sprechen von den Empfehlungen der Gutachter, die eine Machbarkeitsstudie zum Deichumbau an der „Stadtstrecke“ zwischen Eisenbahnbrücke und Rotes Kreuz Krankenhaus durchgeführt haben.
28.01.2016, 00:00
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Von Karin Mörtel

Eine „Sensation“ nennt es Ortsamtsleiterin Annemarie Czichon, einen „Skandal“ die Linksfraktion des Neustädter Beirates. Sie sprechen von den Empfehlungen der Gutachter, die eine Machbarkeitsstudie zum Deichumbau an der „Stadtstrecke“ zwischen Eisenbahnbrücke und Rotes Kreuz Krankenhaus durchgeführt haben. Ziel ist ein besserer Hochwasserschutz. Die schlechte Nachricht der Gutachter ist aus Sicht der Linksfraktion, dass sehr wahrscheinlich alle 125 Platanen entlang des linken Weserufers auf diesem Abschnitt fallen werden. Die gute Nachricht, auf die sich Czichon bezieht, lautet, dass neue Bäume nach dem Umbau an der Wasserkante gepflanzt werden.

Hintergrund der gigantischen Baumaßnahme ist der „Generalplan Küstenschutz“, nach dessen Vorgaben die Deichschützer in Bremen bereits seit 2007 die Deiche fit für die Zukunft und damit für steigende Hochwasserpegel machen. An manchen Stellen müssen sie höher, an anderen Stellen stabiler als bisher gebaut werden, um dem Druck der Wassermassen im Ernstfall standzuhalten.

Im Niedervieland konnten die Bremer bereits beobachten, dass durch den Umbau sanft geschwungene grüne Wälle entstanden sind. Die Neustädter müssen sich jedoch anstatt ihrer heutigen Deiche auf Spundwände einstellen, die von der Neustädter Perspektive aus etwa 70 Zentimeter über das Straßenniveau reichen werden. Vom rechten Weserufer aus ragen die Wände über vier Meter in die Höhe.

„Zwischen Eisenbahnbrücke und Rotes Kreuz Krankenhaus ist es zwischen Wasser und Häusern viel zu eng für einen grünen Deich nach heutigen Standards“, erläuterte Rainer Suckau vom Deichverband am linken Weserufer während der jüngsten Beiratssitzung den technischen Grund, warum es eine Spundwand sein muss. Denn nur diese garantiere die nötige Standsicherheit des Ufers bei extremen Sturmfluten der Zukunft.

Wie die neue Wasserkante gestalterisch in das Stadtbild eingebunden würde, sei noch völlig offen und solle ab März über einen städtebaulichen Wettbewerb geklärt werden, ergänzte Stadtplaner Axel König aus der Baubehörde. Der Bauentwurf solle daraufhin bis 2018 stehen. Den Rahmen für die erwarteten Wettbewerbsbeiträge setze allerdings die Machbarkeitsstudie. „Wir haben viele verschiedene Varianten betrachtet und stellen hier zunächst das vor, was die Gutachter uns empfehlen.“

In dieser „Vorzugsvariante“ ist eine zweistufige Spundwand mit einer Zwischenebene in Wassernähe vorgesehen, die auch zum Flanieren und in weiten Teilen auch zum Radfahren geeignet sein wird. Der Zugang von der Straße bis zu dieser über vier Meter tiefer liegenden Ebene soll durch Treppen und Rampen möglich sein. Knackpunkt wird allerdings die auch weiterhin sehr enge Unterquerung der Wilhelm-Kaisen-Brücke bleiben, die bereits heute unerlaubterweise auch von Radfahrern genutzt wird – wodurch es wie berichtet immer wieder zu Konflikten mit Fußgängern kommt. „Wir dürfen dort den Weg nicht verbreitern, weil sich sonst die Fließgeschwindigkeit der kleinen Weser erhöht. Das hätte negative Folgen für den Hochwasserschutz“, argumentierte Suckau.

Beiratsmitglied Wolfgang Schnecking (Grüne) und sein Parteikollege Ingo Mose forderten die Planer dazu auf, an dieser Stelle mit Fantasie eine Lösung zu finden, die trotzdem Radfahrern ausreichend Platz verschafft. „Ob Pfahlbau oder eine schwebende Konstruktion – wir bitten darum, hier nach Lösungen zu suchen“, so der Appell von Mose. Der Umbau sei eine einmalige Chance, die Querungen der Brückenstraßen im Stadtteil zu verbessern.

Auch die Pläne für die obere Ebene der Deiche sollen Positives für Fußgänger und Radfahrer bringen. „Es wird überall breitere Wege geben, sodass man sich freier bewegen kann“, versprach König.

Auf die scharfe Kritik der Linkspartei, die Bäume hätten in einer anderen Variante erhalten werden können, verwies er auf zwei Workshops, zu denen alle Bremer eingeladen sind. „Dort können wir die Baumfrage näher beleuchten, doch ich kann jetzt schon sagen: Es könnten nach Ansicht der Gutachter maximal 50 Prozent der Platanen erhalten bleiben.“ Die Variante bliebe zunächst im Spiel, werde aber aus verschiedenen Gründen von den Gutachtern nicht empfohlen.

Außerdem forderte König die Bürger auf, sich an der Ideensuche zur Gestaltung der neuen Wasserkante zu beteiligen. Während zwei Abendveranstaltungen sei Zeit, Ziele und Leitbilder zu sammeln, die in den Gestaltungswettbewerb mit einfließen sollen. Der Beirat begrüßte dieses Vorhaben und forderte zusätzlich ein Stimmrecht in der Jury für den städtebaulichen Wettbewerb.

Auftakt der Bürgerbeteiligung wird ein Deichspaziergang am Donnerstag, 4. Februar, sein. Treffpunkt ist um 16 Uhr vor Mondelez. Anschließend findet um 18 Uhr in der Mensa der Oberschule am Leibnizplatz, Schulstraße 24, der erste Workshop statt. Ein zweiter folgt zur gleichen Uhrzeit am selben Ort am Donnerstag, 25. Februar.

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